«Offshore-Gesellschaften gehörten zum ABC der Steuerplanung»

Interview

Die Ammann-Gruppe optimierte Steuern mit Offshore-Finanzgesellschaften. Der Steuerexperte Pierre-Olivier Gehriger erklärt, warum Unternehmen solche Konstrukte bilden und wann sie illegal sind.

Im Steuerparadies: In diesem Gebäude auf den Cayman Islands waren Tausende Firmen domiziliert.

Im Steuerparadies: In diesem Gebäude auf den Cayman Islands waren Tausende Firmen domiziliert.

(Bild: Keystone)

Felix Schindler@f_schindler

Was ist der Unterschied zwischen einer unzulässigen Briefkastenfirma und einer legalen Finanzgesellschaft in einem Steuerparadies?
Eine Briefkastenfirma ist in der Regel nichts als ein Postfach bei einem Briefkastenonkel, der viele andere solche Firmen hat. Eine richtige Gesellschaft hat Büros und Angestellte. Für das Bundesgericht ist entscheidend, dass an ihrem Sitz die laufenden Geschäfte geführt werden. Höchstens ein Indiz ist, wo die Buchhaltung und die übrige Administration geführt werden und wo die Verwaltungsratssitzungen oder Generalversammlungen abgehalten werden.

Das Bundesgericht hat 2012 entschieden, es brauche eine hinreichende Substanz. Das Unternehmen Allreal hatte auf den Cayman Islands eine Tochtergesellschaft mit Büros und ein paar Teilzeitangestellten, die zusammen 50'000 Franken verdienten. Das war nicht genug Substanz. Wo liegt die Grenze?
Dieser Fall ist atypisch. Zunächst handelte es sich nicht um eine eigene Gesellschaft, sondern um eine Betriebsstätte, die weniger gut geschützt sind. Ausserdem ist das Unternehmen offenbar mehrheitlich in der Schweiz tätig, weshalb eine ausländische Betriebsstätte schwieriger zu rechtfertigen ist.

Was tut eine Offshore-Finanzgesellschaft tatsächlich?
Im Wesentlichen gibt sie den anderen Tochtergesellschaften des Unternehmens Darlehen, wofür sie Zinsen bezahlen. Dafür stattet man die Gesellschaft mit möglichst viel Eigenkapital aus. Dabei gibt es zwei Probleme. Erstens braucht es kaum Personal, um ab und zu ein Darlehen zu vergeben. Zweitens ist es mit dem Riskmanagement einer Firma nur schwierig zu vereinbaren, einem Treuhänder so viel Kapital anzuvertrauen.

Wozu das Ganze?
In der Schweiz müsste das Unternehmen die Zinseinnahmen versteuern. Der Zweck einer Offshore-Finanzgesellschaft ist, steuerpflichtige Zinsen legal in steuerfreie Dividenden umzuwandeln.

Also ist es nichts anderes als ein Konstrukt zur Umgehung von Steuern.
Nein, es ist die ehrbare Aufgabe eines Steuerberaters, einem Unternehmen legale Möglichkeiten aufzuzeigen, wie es weniger Steuern bezahlen muss. Als Privatperson machen wir ja auch Abzüge in der Steuererklärung, daran ist nichts Anrüchiges, solange es legal ist. Früher gehörten Offshore-Gesellschaften zum ABC der internationalen Steuerplanung und waren für internationale Unternehmen absolut üblich.

Wann hat sich das geändert?
Ab circa 2003 hat die Abteilung Aufsicht Kantone der Eidgenössischen Steuerverwaltung in einzelnen Fällen begonnen, die Kantone anzuweisen, bei ungewöhnlichen Konstrukten genauer hinzusehen. Seither hat ein starker Gesinnungswandel stattgefunden. Heute sind die Steuerverwaltungen restriktiver, wenn es darum geht, solche Rulings auszuhandeln.

Das heisst?
Früher war es einfacher, mit den Steuerbehörden auszuhandeln, was die steuerrechtlichen Folgen einer unternehmerischen Tätigkeit mit Offshore-Finanzgesellschaften sind. Konkret kann das heissen, dass ein Unternehmen mit den Behörden noch vor der Veranlagung abmacht, eine Offshore-Gesellschaft zu gründen, die nicht in der Schweiz steuerpflichtig ist. Heikel wird das erst, wenn sich ein Unternehmen nicht an die Vorgaben hält, die im Ruling vereinbart wurden. Solche Rulings haben eine lange Tradition, niemand will an dieser Praxis grundsätzlich etwas ändern.

Was halten Sie als Steuerzahler davon, dass finanzstarke Unternehmen wenig oder gar keine Steuern bezahlen und der öffentlichen Hand viel Geld entgeht?
Die Aufgabe der Unternehmen ist es primär, Arbeitsplätze zu schaffen und ihren Mitarbeitern zu ermöglichen, ein Einkommen zu erzielen und Steuern zu bezahlen. Deshalb sollte man sie im ohnehin beinharten internationalen Steuerwettbewerb nicht unnötig benachteiligen. Vergessen wird oft, dass der Anteil der juristischen Personen an Bundes-, Kantons- und Gemeindesteuern gesamtschweizerisch nur circa 15 bis 20 Prozent beträgt. Es stört mich persönlich viel eher, wenn eine Privatperson Schwarzgeld hat. Unsere Steuerbelastung wäre tiefer, wenn es kein Schwarzgeld gäbe.

DerBund.ch/Newsnet

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