Rytz fordert: Nur noch mit Tempo 160 statt 200 im Gotthard

Personenzüge sollen langsamer als heute durch den Tunnel fahren. Warum die Grünen-Präsidentin diesen Vorstoss lanciert.

Für Reisende soll sich die Fahrt im Gotthardbasistunnel von 17 Minuten um drei bis vier Minuten verlängern.

Für Reisende soll sich die Fahrt im Gotthardbasistunnel von 17 Minuten um drei bis vier Minuten verlängern. Bild: Keystone

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Mailand rückt näher an die Deutschschweiz. Für Bahnpassagiere dauert die Reise von Zürich in die norditalienische Metropole heute im besten Fall 210 Minuten, das sind gut 30 Minuten weniger als vor der Eröffnung des Gotthardbasistunnels im letzten Jahr (–13 Prozent). Auf 165 Minuten schrumpft die Fahrzeit gar, sollten die SBB die geplante Schnellverbindung, den Superveloce, realisieren (–31 Prozent).

Im Bundeshaus wird nicht nur mit Applaus quittiert, dass die SBB den Personenverkehr attraktiver machen wollen. Der Güterverkehr, so die Sorge, könnte im Kampf um den begrenzten Platz auf der Schiene unter die Räder kommen. Grünen-Präsidentin Regula Rytz will es nicht so weit kommen lassen. Um mehr Kapazität für die Güterzüge im Gotthardbasistunnel zu schaffen, sollen die Personenzüge auf der 57 Kilometer langen Strecke künftig nur noch mit Tempo 160 statt wie heute mit Tempo 200 fahren, wie sie vorschlägt. Damit würde sich für Bahnreisende die Fahrt durch den Tunnel von heute 17 Minuten um drei bis vier Minuten verlängern, wie Rytz vorrechnet. «Im Gegenzug liessen sich so pro Stunde aber zwei Güterzüge mehr durchleiten.»

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Passagierverkehr soll zugunsten des Güterverkehrs zurückstecken – richtig so?

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Die Grünen-Präsidentin will nun wissen, wie der Bundesrat die Sache beurteilt, und hat deshalb eine Interpellation eingereicht. Der Bundesrat muss nun darlegen, ob er gewillt ist, den SBB, die vollständig im Bundesbesitz sind, aus Rücksicht auf den Güterverkehr die entsprechende Temporeduktion zu diktieren. An sich ist es das Bundesamt für Verkehr (BAV), das den SBB vorschreibt, welche Kapazität der Tunnel für die Güterzüge bereitstellen muss. Rytz will jedoch erwirken, dass der Bundesrat in dieser verkehrspolitisch bedeutsamen Frage «ein Machtwort spricht».

SVP-Politiker erfreut über Grünen-Vorstoss

Im Parlament ist der Vorschlag umstritten. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, selbst Transportunternehmer, zeigt sich erfreut über den Vorstoss aus jenem Lager, das er politisch für gewöhnlich bekämpft. Eine Verlängerung der Fahrt um drei bis vier Minuten hält er für «zumutbar». Giezendanner erinnert an die Absicht, die hinter dem Bau des Gotthardbasistunnels, ja der ganzen Neat (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) steht: den Gütertransport auf die Schiene zu verlagern. Tatsächlich machte der Bundesrat vor der Volksabstimmung 1992 klar, die Neat stehe «wie kein anderes Verkehrsprojekt dieses Jahrhunderts im Dienste des Umweltschutzes», sie verhindere, dass die Strassen «durch 40-Tonnen-Brummer überrollt werden».

Video: Ein Guckloch in den Gotthardtunnel

Züge können nun von einem Fenster aus im Berg bestaunt werden.

Kritischer ist BDP-Nationalrat Bernhard Guhl. Die längere Fahrzeit hält er für «wohl verkraftbar». Guhl hat jedoch Vertrauen in die SBB, dass diese das Gesamtsystem bezüglich Auslastung optimieren. Martin Candinas hegt ebenfalls Bedenken. «Auch wenn die Verlagerungspolitik im Vordergrund stehen muss, müssen wir einen guten Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen beim Personenverkehr haben», sagt der CVP-Nationalrat. Die SBB hätten Rollmaterial für die Nord-Süd-Verbindungen bestellt, das für Tempo 200 und mehr ausgelegt sei. Candinas taxiert es deshalb als falsch, zum jetzigen Zeitpunkt über Temporeduktionen oder einen Ausbau beim Personenverkehr zu debattieren.

Auslastung erst bei maximal 70 Prozent

Nationalrat Walter Wobmann (SVP) dagegen spricht von einem «Kompromiss» zwischen Güter- und Personenverkehr. Dieser sollte seiner Ansicht nach jedoch erst greifen, wenn er «wirklich nötig ist». Wobmann spricht damit einen zentralen Punkt an. Wie Zahlen des BAV zeigen, gibt es für den Güterverkehr derzeit noch freie Kapazitäten im Gotthardbasistunnel – was für Experten so kurz nach der Eröffnung des Bauwerks freilich nicht überraschend ist.

Pro Stunde und Richtung stehen fünf Trassen für Güterzüge und zwei für Personenzüge (im Halbstundentakt) zur Verfügung. Effektiv von Güterzügen genutzt werden im Wochenschnitt circa 55 Prozent der Trassen, die zur Verfügung stehen; an Spitzentagen sind es gegen 70 Prozent, wie das BAV schreibt. Auch die SBB betonen, die Kapazität decke die «aktuelle Nachfrage problemlos ab». Die Neat sei so dimensioniert, dass sie auch in Zukunft genügend Platz für den Güterverkehr zur Verfügung stellen könne.

Video: Spuhlers Highspeed-Gotthard-Zug

Stadler Rail will mit dem Giruno auf die Schnellstrecke.

Also alles nur politisches Schattenboxen? Grünen-Präsidentin Rytz verneint. Ihren Vorstoss versteht sie als präventive Massnahme: Mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels im Tessin (2020) werde die Nachfrage nach Güterverkehr-Trassen steigen, sagt sie. «Personen- und Güterverkehr kommen gut aneinander vorbei, wenn man die Temporegimes von Anfang an auf Kooperation einstellt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.09.2017, 16:25 Uhr

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