Zum Hauptinhalt springen

Keine Alibiübungen mehr

Der Thurgau will das Frühfranzösisch abschaffen, andere Kantone könnten folgen. Ein Fehlentscheid.

Oui: Befürworter des Französischunterricht am Eingang zum Grossen Rat im Ratshaus in Frauenfeld. (3. Mai 2017)
Oui: Befürworter des Französischunterricht am Eingang zum Grossen Rat im Ratshaus in Frauenfeld. (3. Mai 2017)
Walter Bieri, Keystone

Nach 24 Jahren haben die Thurgauer genug: Das kantonale Parlament will das Frühfranzösisch abschaffen. Zu enttäuschend seien die Resultate, zu überfordert die Schüler, argumentierten die Gegner heute im Grossen Rat. Zwar ist das letzte Wort noch nicht gesprochen – die Vorlage dürfte per Behördenreferendum vors Volk kommen. Doch der Entscheid hat Signalwirkung.

Der Bundesrat hatte vor knapp einem Jahr gedroht, die Kantone notfalls per Gesetz dazu zu zwingen, den Sprachenkompromiss von 2004 einzuhalten. Dieser schreibt vor, dass jeweils eine Fremdsprache ab der 3. sowie ab der 5. Klasse unterrichtet werden muss. Dass sich der Thurgau nun unbeirrt von dieser Drohkulisse zeigt, wird weit über die Kantonsgrenze hinaus Folgen haben. In mehreren Deutschschweizer Kantonen gibt es Bestrebungen, das Französisch von der Primar- auf die Sekundarstufe zu verschieben. In Zürich wird das Stimmvolk bereits in drei Wochen über die Fremdspracheninitiative abstimmen. Diese will eine der beiden Fremdsprachen aus der Primarschule kippen – ob dies Englisch oder Französisch sein soll, lässt sie offen. Wird sie angenommen, bricht der seit Jahren schwelende Sprachenstreit definitiv offen aus.

Eine solche Eskalation gilt es zu verhindern. Denn in Frauenfeld, Zürich oder Luzern wird verkannt, welchen Wert das Frühfranzösisch hat – nicht nur für die Romandie. Die Mehrsprachigkeit ist ein zentrales Wesensmerkmal unseres Landes. Rückt nun für die Deutschschweizer Mehrheit die Verständigung mit der welschen Minderheit in den Hintergrund, bringt dies das Gefüge der Willensnation ins Wanken.

Doch auch die Befürworter eines frühen Französischbeginns sind in der Pflicht. Sowohl im Thurgau als auch in Zürich unterstützt eine deutliche Mehrheit der Lehrerschaft das Anliegen, nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule zu unterrichten. Unter den gegebenen Bedingungen – zu grosse Klassen, zu wenige Lektionen – sei kein sinnvoller Französischunterricht möglich, sagen sie. Dass die Umsetzung scheitert, muss endlich ernst genommen werden. Schliesslich müssen neben der Absicht auch die Ergebnisse stimmen, wenn dem Erwerb einer zweiten Landessprache staatspolitische Priorität eingeräumt wird. Alles andere sind Alibiübungen.

Video – so sprechen Deutschschweizer Französisch:

Deshalb gehört nicht das Frühfranzösisch, sondern dessen mangelhafte Qualität abgeschafft. So sollte zum Beispiel Halbklassenunterricht oder Teamteaching in diesem Fach Standard werden. Und die Sprache muss für die Schüler erlebbar werden. Denn vielen fehlt in einer von Englisch durchdrungenen Lebenswelt die Motivation, Französisch zu lernen. Verbindliche Austauschprogramme oder gemeinsame Klassenlager sind ein Weg, um direkte Begegnungen mit Romands zu ermöglichen.

Doch solche Massnahmen kosten. Ist es der Politik ernst mit dem nationalen Zusammenhalt, muss sie auch bereit sein, zu investieren. Es wäre eine Investition in die Schweizer Identität.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch