Nicht die beste aller Welten

Die Schweiz verliert unter deutschen Zuwanderern den Paradies-Bonus. Der Spiegel, den sie uns vorhalten, zeigt nicht nur Positives.

Edgar Schuler@Edgar_Schuler

Sie kommen immer noch, aber längst nicht mehr so tsunamihaft wie vor einem Jahrzehnt. Für deutsche Zuwanderer ist die Schweiz weniger sexy geworden; viele ziehen auch wieder zurück nach Berlin, Bonn, Bochum.

Die Hauptursache ist schnell geklärt: Das deutsche Jobwunder macht das eigene Land für Deutsche wieder attraktiver, und zwar massiv. Dort ist die Erwerbslosenquote seit 2005 von katastrophalen 10 Prozent auf gegen 3 Prozent gesundgeschrumpft – noch unter das Schweizer Niveau. Zudem gehören deutsche Zuwanderer tendenziell zu einer hochmobilen europäischen Elite, die ihren Arbeitsplatz und ihren Lebensmittelpunkt frei wählen kann und das auch tut.

Aber ein Punkt lässt bei Gesprächen mit den Rückkehrwilligen eben doch aufhorchen: Auffällig häufig wird das Schweizer Schulsystem als Grund für die Heimkehr genannt. Deutsche Eltern wollen ihrem Nachwuchs die hiesigen Schulen nicht zumuten. Sie gelten als zu stressig, zu rigide und zu wenig auf individuelle Stärken und Schwächen der Kinder ausgerichtet.

Auffällig häufig wird das Schweizer Schulsystem als Grund für die Heimkehr genannt.

Noch mehr stört aus deutscher Elternsicht, dass die Schweiz die Hürden für Gymnasium und Studium sehr hoch ansetzt. In Schweizer Ohren tönt das abstrus: Wir sind stolz auf unser Bildungssystem, das den direkten akademischen Weg nur als einen von vielen anbietet. Die langfristig tiefen Arbeitslosenzahlen in allen Berufsgruppen zeugen davon, dass das funktioniert, und zwar gut.

Das heisst nicht, dass es so bleiben muss. Die Digitalisierung pflügt den Arbeitsmarkt um; zulegen werden vermutlich vor allem Berufe, die akademische Qualifikationen voraussetzen. Ob wir mit den tiefen Zulassungsquoten für die Mittelschulen und Universitäten unsere Jugend für den Arbeitsmarkt der Zukunft noch wirklich fit machen, ist zumindest diskutabel.

Von deutschen Rückwanderern können wir womöglich lernen, was wir besser machen müssen. Sich auf dem weichen Kissen der erfolgreichen Vergangenheit auszuruhen, ist kein taugliches Zukunftsrezept.

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