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Neue Studie weckt Zweifel an der hohen Zahl geimpfter Kleinkinder

Laut Daten von Helsana sind im zweiten Lebensjahr nur 70 Prozent der Kinder vollständig geimpft.

Im ersten Lebensjahr werden Kinder häufiger geimpft als im zweiten. Foto: Julia Hiebaum (Alamy Stock Photo)
Im ersten Lebensjahr werden Kinder häufiger geimpft als im zweiten. Foto: Julia Hiebaum (Alamy Stock Photo)

Kinderkrankheiten könnten mit der konsequenten Impfung aller Kinder eliminiert werden. Doch immer wieder flackern Infektionsherde auf, wie kürzlich an einer Stadtzürcher Schule. Nachdem zwei Kinder an Keuchhusten erkrankt waren, forderte der schulärztliche Dienst die Eltern auf, den Impfschutz ihrer Kinder zu überprüfen. Auch bei Masern kommt es in der Schweiz immer wieder zu lokalen Erkrankungswellen. Trotz einer kleinen, aber hartnäckigen Gruppe von Impfgegnern sieht sich jedoch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf gutem Weg: Mittlerweile seien 87 Prozent der zweijährigen Kinder gegen Masern geimpft.

Aber nun weckt eine Datenerhebung der Krankenversicherung Helsana Zweifel an den hohen Durchimpfungsraten. Der Anteil der plangemäss geimpften Kleinkinder ist demnach deutlich niedriger als bisher angenommen. Helsana analysierte die Abrechnungsdaten ihrer Versicherten und stellte fest, dass sich daraus viel tiefere Impfquoten ergeben als bei der Erhebung des BAG.

15 Prozent tiefere Quote

Analysiert wurden bei den zwischen 2010 und 2016 geborenen Kindern die Dreifachimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten (DTP) und gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR) sowie die Impfungen gegen Hirnhautentzündung (Hib) und Kinderlähmung (Poliomyelitis). Bei allen sind für einen vollständigen Schutz mehrere Impfungen nötig, die im ersten und im zweiten Lebensjahr vorgenommen werden. Gemäss der Erhebung von Helsana liegt der Anteil der im zweiten Jahr vollständig geimpften Kinder bei 69 bis 71 Prozent. Das BAG weist hingegen viel höhere Impfraten von 83 bis 86 Prozent aus. Helsana ist von der Qualität ihrer Analyse überzeugt. Denn es sei davon auszugehen, dass die allermeisten Eltern die Impfungen über die Krankenkasse abrechneten.

Das BAG wertet für seine Erhebung eingesandte Impfausweise von zufällig ausgewählten Familien aus, wobei bei der letzten Erhebung 72 Prozent der angefragten Eltern die Daten lieferten. Helsana vermutet nun, dass Impfskeptiker weniger bereit sind, den Impfausweis einzuschicken, weshalb die BAG-Zahlen vermutlich zu hoch seien.

Die hohe Impfrate bei der ersten Dosis zeige, dass die meisten Eltern Impfungen positiv gegenüberstünden.

Auffallend ist, dass die Impfquoten von BAG und Helsana bei den Kindern für die erste Impfdosis fast übereinstimmen. Erst im zweiten Lebensjahr ergibt sich die grosse Differenz. Eva Blozik, Leiterin Gesundheitswissenschaften bei Helsana, schliesst aus der relativ tiefen Impfrate im zweiten Lebensjahr: «Die meisten der Kinder werden zwar zu Beginn geimpft, die Rechnungsdaten weisen aber darauf hin, dass viele keinen vollständigen Impfschutz erhalten.» Die hohe Impfrate bei der ersten Dosis zeige, dass die meisten Eltern Impfungen positiv gegenüberstünden. Warum ein Teil die Kinder dann nicht wie vorgesehen im zweiten Lebensjahr nochmals impfen lasse, sei unklar.

Ulrich Heininger, leitender Arzt am Universitäts-Kinderspital Basel, erklärt sich die laut Helsana niedrigeren Durchimpfungsraten mit dem relativ grossen Zeitfenster, in dem die Impfdosen verabreicht werden. Dies wirke sich vor allem im zweiten Lebensjahr aus, wenn die Eltern mit ihren Kindern weniger zu Vorsorgeuntersuchungen gingen. «Häufig gehen Eltern nur dann mit dem Kind zum Arzt, wenn es krank ist.» Dies sei meist ein ungünstiger Moment zum Impfen. Heininger ist aber überzeugt, dass die Impfraten bei Kindern im Vorschulalter in den nächsten Jahren langsam, aber stetig steigen werden. Heininger empfiehlt, Eltern künftig für die Impfungen aufzubieten.

«Beunruhigende Zahlen»

Den Immunologen Beda Stadler überraschen die Zahlen von Helsana nicht. Beunruhigend findet der emeritierte Professor die Impfquote bei Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Wenn sich ein Kind Tetanus habe, sei dies lebensgefährlich. «Eine einzige Impfung genügt eben häufig nicht, um einen ausreichenden Schutz zu haben.» Aber auch die tiefe Quote bei Masern hält Stadler für gravierend. Um Masernepidemien zu verhindern, sei eine Durchimpfungsrate von über 90 Prozent nötig. Für Stadler zeigen die Zahlen, dass den Eltern das Impfen in der Schweiz zu umständlich ist. Die Impfungen sollten auch in Apotheken möglich sein.

Das BAG hält seine Impfquoten für korrekt. Es verweist auf Vollerhebungen, die 2011 und 2016 in den Kantonen Genf und Jura durchgeführt wurden und deutlich höhere Werte als die Helsana-Analyse ergeben hätten. Möglicherweise sei das Versichertenkollektiv der Helsana nicht repräsentativ.

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