«Nennen Sie mir ein Verfahren, das er nicht verbockt hat, ein einziges!»

Der Fall Luca Mongelli war das erste Verfahren, das Untersuchungsrichter Yves Cottagnoud leitete. Es blieb nicht der erste Fall, der ihn überforderte.

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Monica Fahmy@fahmy07

Am Abend des 7. Februar 2002 wurde der damals siebenjährige Luca Mongelli zum Invaliden. Seine Mutter fand ihn nackt und bewusstlos im Schnee in der Nähe ihres Chalets in Veysonnaz. Der Familienhund hatte sie zu ihm geführt. Unweit davon stand verstört Lucas Bruder Marco, er hatte gesehen, was mit Luca geschah.

Der Fall Luca Mongelli landete auf dem Tisch von Untersuchungsrichter Yves Cottagnoud. Es war sein erstes Verfahren. Für den unerfahrenen Juristen stand sofort fest: Der Hund musste Luca so zugerichtet haben. Er blieb dabei, obwohl die vom Gericht beauftragte Veterinärin die These für höchst unwahrscheinlich hält. Die Kratzspuren auf Lucas Körper könnten nicht von einem Hund stammen. Und ein Hund könnte den Jungen nicht ausgezogen haben, denn Jacke und Hose seien unbeschädigt.

Am Hund festgebissen

Untersuchungsrichter Cottagnoud hielt den Hund auch noch für den Schuldigen, als die Kinderärztin, die Lucas Bruder untersucht hatte, eine Einwirkung Dritter nicht ausschloss. Cottagnoud liess sich nicht einmal dann beirren, als Luca nach Monaten aus dem Koma erwachte und erzählte, er sei angegriffen worden. Für den Untersuchungsrichter war klar, nicht seine These ist falsch, sondern Luca sei unglaubwürdig, weil er im Koma gelegen habe.

Yves Cottagnoud war 2002 vom kantonalen Untersuchungsrichter Jo Pitteloud ins Amt geholt worden (siehe Box). Der 41-jährige Cottagnoud, Oberstleutnant und Präsident des Militärgerichts 1 in Vétroz, schuf sich in seiner Laufbahn als Untersuchungsrichter wenig Freunde. «Nennen Sie mir ein Verfahren, das er nicht verbockt hat, ein einziges!» sagt Sébastien Fanti zu DerBund.ch/Newsnet. Der ehemalige Anwalt der Familie Mongelli ist Cottagnouds schärfster Kritiker.

Monatelange Haft ohne Anwalt und Familie

Da war das Verfahren gegen drei Roma-Flüchtlinge, die 2003 wegen Hehlereiverdachts in Untersuchungshaft sassen. Drei Monate lang untersagte ihnen Untersuchungsrichter Cottagnoud jeglichen Kontakt zu ihren Familien. Auch die Anwälte der Verhafteten wurden nicht, wie es das Gesetz vorschreibt, informiert, wenn etwa einen Befragung vorgenommen wurde. Gesuche um Haftentlassung und Familienbesuche beantwortete Cottagnoud nicht.

Dass Häftlinge ihre Anwälte nicht beiziehen dürfen, widerspreche «den elementaren strafprozessualen Grundsätzen und der Menschenrechtskonvention», sagte Anwalt Peter Volken damals dem «Beobachter». «Ich habe in 20 Jahren Anwaltspraxis selten eine so undurchsichtige und leidvolle Geschichte miterlebt.» Cottagnoud verteidigte die getroffenen Massnahmen gegenüber dem «Beobachter» als «verhältnismässig».

50'000 Franken für eine angefochtene Expertise

Sébastien Fanti kritisiert, dass Cottagnoud in einem internationalen Verfahren hunderttausende Franken ausgegeben habe, um einem Verdächtigen eine Straftat zur Last zu legen. Bisher sei der Mann noch nicht einmal einvernommen worden. Das Dossier wurde ihm 2010 entzogen.

Dabei wurde klar, dass Cottagnoud einem umstrittenen externen Experten 50'000 Franken für eine Expertise gezahlt hatte, obwohl sowohl die Anklage wie die Verteidigung das Mandat angefochten hatten. Die 50'000 Franken konnten dann auch keiner Partei belastet werden, sie wurden aus der Staatskasse bezahlt.

Psychiatrisches Gutachten des koksenden CVP-Grossrats verwechselt

Ein weiteres Dossier Cottagnouds war das Verfahren gegen den ehemaligen CVP-Grossrat Xavier Bagnoud, der Ende 2007 nackt beim Sniffen von Kokain gefilmt worden war. Der Film fand seinen Weg ins Internet. Cottagnoud ermittelte gegen Bagnoud, der wiederum den Mann anzeigte, der das Video veröffentlicht haben soll. Der Mann beauftragte Fanti mit seiner Verteidigung.

Im Fall Bagnoud habe Cottagnoud sich nebst etlichen Verfahrensfehlern eine krasse Verwechslung geleistet, erzählt der Anwalt. Alle im Verfahren verwickelten Parteien hätten plötzlich einen «surrealen» Brief erhalten. Inhalt war das psychiatrische Gutachten eines Bagnoud, aber nicht dasjenige des CVP-Grossrats. Der Untersuchungsrichter hatte die Gutachten verwechselt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt von Xavier Bagnoud noch gar keine Expertise angefordert hatte. Fanti verlangte daraufhin, dass Cottagnoud sofort seines Amtes enthoben wurde, doch nichts geschah.

Ausbildung zum Fluginstruktor während er krank geschrieben war

«Der kantonale Untersuchungsrichter Jo Pitteloud hat ihn lange beschützt, dann hat er ihn fallengelassen», sagt Jean-Luc Addor, SVP-Grossrat und Generalsekretär der Walliser SVP. Pitteloud, ein CVP-Mann, der von der SVP, FDP und der SP immer wieder kritisiert worden war, trat im Februar 2010 zurück. Er litt an einem Burn-out, schrieb «20 Minutes».

An einem Burn-out litt in derselben Zeit auch Cottagnoud. Das Kantonalgericht bestätigte auf Anfrage von Fanti am 24. Februar 2010, dass der Untersuchungsrichter krank geschrieben sei. Das hinderte ihn nicht daran, sich auf dem Flugplatz Sion zum Fluginstruktor ausbilden zu lassen. Die Regeln des Bundesamtes für Zivilluftfahrt in einem solchen Fall sind klar, Cottagnoud hätte nicht fliegen dürfen. «Ein Pilot mit einem Burn-out darf in dieser Zeit nicht fliegen», schrieb das Bazl auf Anfrage eines Ermittlers.

Auf Druck der SVP Administrativuntersuchung eröffnet

Jean-Luc Addor wandte sich deswegen mehrmals ans Walliser Kantonsgericht. Er wollte wissen, ob man vom Vorfall Kenntnis hatte und was man gedachte zu unternehmen. «Der Vorfall habe Anlass zu einer Untersuchung der Administrativkommission des Kantonsgerichts gegeben», erhielt Addor am 22. April 2010 schriftlich Antwort. Im Juli wandte sich Addor dann an die Justizkommission, er wollte wissen, was die Untersuchung ergeben hat. Erst auf Nachfragen hin erhielt Addor am 1. Oktober 2010 Antwort.

Von einem Bericht der Administrativkommission habe man keinerlei Kenntnis. Man habe allerdings einen Brief des Präsidenten des Kantonsgerichts erhalten, in dem es heisse, «dass das Dossier am 9. August 2010 geschlossen wurde». Da Cottagnoud nicht mehr als Untersuchungsrichter arbeite, könne man gegen ihn auch keine Disziplinarmassnahme verhängen, lautete die Begründung. «In jedem anderen Kanton wäre er entlassen und rechtlich belangt worden», sagt Sébastien Fanti. «Aber nicht im Wallis. Das ist das Problem bei uns.»

Kein Handlungsbedarf wegen Rücktritts

Yves Cottagnoud ist am 30. Juni 2010 als Untersuchungsrichter zurückgetreten. «Die geplante Ausweitung seiner nebenberuflichen Tätigkeit wäre mittelfristig nur schwer mit dem Vollzeitamt eines Magistraten vereinbar gewesen», heisst es in der Mitteilung des Kantonsgerichts. Wegen seines Rücktritts erübrige sich «die Durchführung einer externen Untersuchung oder eines Audits betreffend die Arbeit von Untersuchungsrichter Yves Cottagnoud», schreibt die Justizkommission am 1. Oktober Sébastien Fanti.

Cottagnoud war auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Beim Kantonsgericht hat unterdessen Nicolas Dubuis als kantonaler Untersuchungsrichter das Zepter übernommen. Dubuis ist der Mann, der den Fall Luca Mongelli von Yves Cottagnoud übernommen hatte. Der Fall ist hängig. In seiner Hand liegt es nun, ob neu untersucht wird, wer den Jungen damals zum Invaliden machte.

DerBund.ch/Newsnet

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