«Nein» – «Nein» – «Nein, nein, nein»

Beobachten ist Blödsinn, Ecopop Etikettenschwindel, die Gold-Initiative Kindergarten – Peter Bichsel rät zu Resignation. Der BaZ gibt der Autor ein Interview, obwohl er keines mehr geben wollte

«Ich bin kein leidenschaftlicher Mensch.» Peter Bichsel in seiner vermeintlichen Stammbeiz, dem «Kreuz» in Solothurn.

«Ich bin kein leidenschaftlicher Mensch.» Peter Bichsel in seiner vermeintlichen Stammbeiz, dem «Kreuz» in Solothurn.

(Bild: Keystone)

Wir treffen Peter Bichsel im Genossenschaftsrestaurant Kreuz in Solothurn. Händeschütteln. Als Erstes greift sich der 79-Jährige an die Stirn. Er hat ein bisschen Fieber. Ist nicht ganz im Strumpf. Nach einem Espresso führt er uns in sein Atelier, das er Lager nennt, seit er nicht mehr, oder nur mehr wenig schreibt. Es ist ein Kuriositätenkabinett voller Devotionalien, darunter eine Pfeife des verstorbenen Schriftstellers und Freundes Max Frisch. Hinter Glas hängt sie an der Wand: «Ceci est une pipe.» Bichsels Realismus. In seiner finsteren Kammer raucht Geschichte.

BaZ: Herr Bichsel, am Sonntag stimmen wir über Ecopop ab. Sie sind Teil eines Künstlerkomitees gegen die Initiative. Man hat Ihr Engagement aber kaum wahrgenommen.Peter Bichsel: Ach bitte, es gibt diese alte Klage: Warum schweigen die Schriftsteller? Früher haben sie noch nicht geschwiegen – sie schweigen ja gar nicht! Sie werden einfach nicht mehr wahrgenommen. Es liegt an der Zeit. Als Max Frisch sich engagiert hatte und auch ich, war das eine andere Zeit, eine politischere Zeit. Heute ist Politik kaum mehr ein Thema.

Das ist doch Unsinn.Wir leben in einer Zeit der Entpolitisierung. Es gibt inzwischen sogar eine Politik-Feindschaft. Blocher macht sein Geschäft mit Politik-Feindschaft.

Wie meinen Sie das?Dieser blöde Staat, diese blöden Politiker, diese blöde Classe politique – er macht sein Geschäft mit den Unpolitischen und hat Erfolg damit.

Eine Entpolitisierung ist doch nicht im Gange. Man klagt im Gegenteil über zu viele Volksinitiativen.Es gibt kaum mehr Parteien, es gibt nur mehr die Bundesversammlung.

Nominell sind aber die Parteien noch da, wie vor fünfzig Jahren auch.Politik findet nur noch in Bern statt und sie findet nicht mehr in der Schweiz statt. Mit einer Ausnahme: die SVP. Sie ist noch eine Partei. Leider eine Partei der Polit-Verdrossenen und der Staats-Verdrossenen. Abgestimmt wird nicht über den Inhalt einer Initiative, abgestimmt wird immer über den Titel. Dieser Titel ist frei. Ich kann einen Titel setzen für eine bessere Pflege der Katzen und dann im Inhalt eine bessere Krankenversicherung fordern. Ecopop ist ein Etikettenschwindel. Die Etikette ist dieselbe wie bei der Masseneinwanderungs-Initiative. Blocher setzt sich zwar gegen die Initiative ein, er hat aber keine Chance, weil die Etikette dieselbe geblieben ist.

Das heisst, Sie gehen davon aus, dass Ecopop angenommen wird.Ich hoffe sehr, dass die Initiative nicht angenommen wird, aber ich habe schon oft gehofft. Wissen Sie, das Problem ist der Patriotismus. Ich halte Patriotismus für etwas sehr Gefährliches. Ich halte Patriotismus, Entschuldigung, für ein Verbrechen. Dann sagen die Leute: Sie meinen wohl Nationalismus. Ich sage: Es gibt keinen Unterschied. Nationalismus ist immer nur der Patriotismus der anderen. Das Schlimme am Patriotismus ist, er ist eine Glaubensfrage.

Ein Gefühl eigentlich.Patriotismus ist ein Religionsersatz. Im Grunde genommen werden nur Religionskriege geführt. Man macht aus dem Vaterland etwas Göttliches und zieht in den Krieg: Das ist Patriotismus. Ja, ein Gefühl! Ich versteh dieses Gefühl, ich hab auch Spuren dieses Gefühls in mir. Die Gefahr ist: Der Glaube braucht keine Argumente. Ich glaube an Jesus Christus: Basta. Das ist Glaube. Ich glaube an ihn, basta. Der Patriotismus kommt sehr schnell zum Resultat: Wir müssen das Vaterland schützen und das Vaterland retten. Und dieser neue, meist bürgerlich-rechts stehende Patriotismus hat den Feind des Vaterlandes entdeckt, und der Feind des Vaterlandes ist der Staat. Da wird dann der Patriotismus plötzlich zum Staatsfeind. Demokratie aber ist keine Religion. Sie ist eine vernünftige Idee und hie und da halt etwas langweilig, weil Vernunft immer etwas langweiliger ist.

Ist der rechte Patriotismus denn anders als der linke Patriotismus?Darüber habe ich nicht nachgedacht. Wenn das Verhältnis zur staatlichen Gemeinschaft reduziert wird auf Siege im Tennis und im Fussball, dann wird es aber schlimm. Ich habe hie und da das Gefühl, Staat ist in der Schweiz nur noch ein sportliches Ereignis.

Der Staat ist Roger Federer?Ja.

Ihnen wurde auch schon das Label Nationalschriftsteller aufgedrückt. Das ärgert Sie wohl sehr.Nein, überhaupt nicht. Damit habe ich keine Schwierigkeiten. Dazu überlege ich mir gar nichts.

Gehen wir nochmal zurück: Was ist das Gefährliche an der Ecopop-Initiative, ja an all diesen Initiativen mit den gleichen Etiketten?Dass die Leute glauben, man könne ein einzelnes Problem lösen. Bei den Medikamenten wissen sie, dass sie unliebsame Nebenwirkungen haben und dass man nicht alle Medikamente kombinieren kann und dass man nicht gezielt ein Flecklein im Körper behandeln kann mit Pillen. Gut, man kann sagen, ja, verständlich, man müsste diese Einwanderung irgendwie kontrollieren können, aber was passiert dann?

Was passiert dann?Ich muss halt wieder von Patriotismus sprechen: Der Patriot hat das Gefühl, er könne sich gegen die ganze Welt stellen und komme damit durch. Die Welt ist nicht so, und sie ist vermehrt nicht mehr so. Globalisierung kann man nicht partiell in der Wirtschaft durchsetzen. Es gibt auch eine Globalisierung der Politik, und die ist sehr wichtig. Ich sehe schwarz für eine Schweiz, die nicht mehr zur Welt gehören will. Natürlich ist die Schweiz meine Welt: Das kann schnell zum Irrtum führen, die Schweiz sei die ganze Welt.

Diesem Irrtum sind Sie nie aufgesessen?Als Kind ganz bestimmt, als Kind ganz bestimmt.

Sie haben mal gesagt, Sie seien gerne Schweizer. Ist das immer noch so?Wenn ich das nicht wäre, würde ich Ihnen doch nicht ein Interview zu Ecopop geben. Viel schlimmer finde ich übrigens diese Gold-Initiative und noch viel gefährlicher. Das ist Kindergarten, absoluter Kindergarten, und hat nichts mit Realität zu tun.

Erklären Sie bitte.Ganz einfach, Gold hat keinen Eigenwert, Gold hat nur einen Handelswert. Wenn man mit Gold nicht handeln kann, dann ist es wertlos.

Ist ja mit Geld dasselbe.Natürlich. Aber die Initiative schreibt vor, die Schweiz muss so und so viel Gold haben und darf es nicht verkaufen. Es ist ein totaler Unsinn. Es gibt einen ganz gefährlichen SVP-Satz.

Bitte.Der Satz: Man kann über alles abstimmen.

Was ist daran gefährlich? Das ist nicht die Meinung der Demokratie. Also: Man kann über alles abstimmen? Dann kann man auch über die Abschaffung der Demokratie abstimmen.

Im extremsten Fall ja.Wäre die Abstimmung gegen die Demokratie ein demokratischer Vorgang, das ist die Frage. Nein, es wäre kein demokratischer Vorgang.

Wieso nicht? Wer definiert die Tabus in einer Demokratie?Eigentlich die Verfassung. Aber wir haben keine Verfassung. Unsere Verfassung ist eine Mischung aus Gesetzessammlungen. Wir haben kein Grundgesetz. In der deutschen Verfassung gibt es grundsätzliche Artikel, die sind unveränderbar auf ewige Zeit.

In der Bundesverfassung stehen auch sehr grundsätzliche Artikel.Ja, aber sehr abstrakte und nicht sehr verbindliche. In Deutschland kann zum Beispiel die Todesstrafe nicht eingeführt werden.

Sie haben gesagt, die SVP sei noch die einzige Partei. Woran liegt das?Das liegt daran, dass, wenn in Welschenrohr drei Leute eine SVP gründen, Toni Brunner kommt und für die drei Personen einen Vortrag hält. Ich finde das grossartig, toll. Aber ich finde die SVP selbstverständlich nicht toll.

Warum gibt es die SP nicht mehr?Der letzte wirkliche Parteipräsident der SP war Helmut Hubacher. Der hat sich noch um Sektionen gekümmert, der hat als Person ausgestrahlt auf die Sektionen.

Und was war mit seinem Nachfolger Peter Bodenmann?Bodenmann war derjenige, der das völlig verändert hat. Der war an der SP nicht interessiert, nur an Bern. Bodenmann war ein hervorragender Taktiker. Er hat Grossartiges zustande gebracht, er hat Ruth Dreifuss in den Bundesrat gebracht, eine wunderbare Bundesrätin. Aber die Partei interessierte ihn nicht.

Und der aktuelle SP-Präsident, Christian Levrat?Der versucht es.

Haben Sie mit ihm Kontakt?Nein, ich habe ihn einmal gesehen und ihm die Hand geschüttelt.

Sie sind 1995 aus der SP ausgetreten.Ich habe meine Beiträge trotzdem immer bezahlt. Ich bin öffentlich ausgetreten und heimlich wieder eingetreten.

Warum verhält sich die SP bei der Zuwanderungsproblematik so passiv? Verschläft die Linke ein reales Problem oder handelt es sich beim Thema um eine Schimäre, die die Rechte geschaffen hat?Das würde ich so nicht sagen. Eines ist ganz sicher: Was wir auch immer tun, die Zuwanderung wird ein Dauerproblem bleiben. Wissen Sie, die Welt hat die Schweiz nicht nötig, aber die Schweiz hat die Welt nötig. Die Welt kann ohne Schweiz überleben, die Schweiz aber nicht ohne die Welt. Seit die Masseneinwanderungs­Initiative angenommen worden ist, ist allen ein bisschen unwohl.

Wieso?Weil man erkennt, wie immens die Schwierigkeiten mit der EU sind. Selbst den Initianten ist unwohl. Soll es uns jetzt noch unwohler werden, mit der neuen Initiative?

Ecopop, meinen Sie?Ja.

Sie haben doch einmal sinngemäss gesagt, am wohlsten sei Ihnen, wenn ein gewisser Ärger herrsche. Dann müsste es Ihnen doch jetzt gut gehen, wo über Ecopop so gestritten wird.Nein, nein, nein! Ich habe es ganz anders formuliert: Ich habe meine Heimat dort, wo ich meinen Ärger habe. Das ist etwas vollkommen anderes!

Kann man das nicht in dem Sinne interpretieren, dass es gut ist, wenn in der Schweiz heftig gestritten wird über ein Thema?Nein, nein, nein.

Aber diese Auseinandersetzung um die Zuwanderung …… nein, nein, nein …

… ist doch gut. Schlimmer wäre es, Probleme totzuschweigen.Nein, nein, nein. Am Ärger erkenne ich, dass ich zu Hause bin. Wenn ich in New York bin, habe ich auch keinen Ärger, wenn ich fürs Brot zu viel zahle oder etwas kaufe und übers Ohr gehauen werde, weil ich ja nicht weiss, wie viel die Dinge dort kosten. Ich erkenne an meinem Ärger, dass ich zu Hause bin. Mit Wohlsein hat das nichts zu tun.

Macht interessiere Sie nicht, sagen Sie. Gleichzeitig waren Sie von 1974 bis 1981 Berater von Bundesrat Willi Ritschard und haben damit auch eine mächtige Steuerungsfunktion wahrgenommen.Nein.

Doch.Nein, nein. Wir wussten beide, Willi Ritschard und ich, dass wir nicht viel verändern werden. Wir wussten beide, er und ich, dass es in der Resignation enden wird. Das ist so. Resignation ist nicht die schlechteste Reaktion. Man müsste eigentlich von jedem Politiker wissen, ob er auch die Fähigkeit hat zu resignieren. Wie es der Sachsenkönig Friedrich August III. gesagt hat von seinem Balkon herab, als sie ihn abgesetzt haben: Macht euren Dreck alleene. Das ist Resignation.

Aber wenn ein Bundesratskandidat sagen würde: Wählt mich, ich bin ein resignativer Typ …… ja, dann wäre das Blödsinn, klar. Zur Zeit Willi Ritschards waren die Bundesräte nichts anderes als die Repräsentanten ihrer Departemente, nicht die Mächtigen ihres Departements. Im Grunde genommen haben die Bundesräte damals nicht regiert: Sie haben verwaltet. Sie haben ihr Departement vertreten wie ein Anwalt seine Klienten. Wir hatten über 100 Jahre lang einen verwalteten Staat. Offensichtlich waren diese Beamten nicht so schlecht, wie immer gesagt wird. Auch nicht so faul, wie behauptet wird. Eine direkte Demokratie funktioniert nur in einem verwalteten Staat.

Wie steht es heute mit unseren Bundesräten?Blocher hat aus dem Bundesrat einen regierenden Verwaltungsrat ge­macht. Die Kollegen waren gar nicht so unfroh darüber: Sie durften jetzt auch. Da ist etwas Grundsätzliches verändert worden.

Aber Christoph Blocher war nur vier Jahre lang Bundesrat.Das System Blocher ist geblieben.

Auf eine Ihrer Kolumnen in der Schweizer Illustrierten bekamen Sie Lob von einer Frau, die erklärte, sie möge nebst Ihnen auch Christoph Blocher. Sind Blocher und Bichsel kompatibel? Kann man beide lieben?Von uns zwei aus gesehen, sind wir wohl nicht kompatibel. Ja, ich finde das schon ein bisschen komisch. Das war eine ältere Frau.

Und was haben Sie sich dabei gedacht?Nichts. Ich fand es eher rührend als ärgerlich. Sie hat gewusst, dass ich den nicht mag. Und sie mochte ihn halt auch, warum nicht.

Sie haben einmal gesagt, die Schweiz habe nur eine Folklore, die Armee, und nur eine Kultur, die Politik. Politik, sagen Sie heute, befinde sich im Zerfall. Die Armee ist aber auch nicht mehr Folklore – der Kampfjet Gripen wurde an der Urne abgelehnt. Was bleibt eigentlich noch von der Schweiz?Ich weiss es nicht. Man könnte experimentell herausfinden, was von der Schweiz bleibt. Aber ich warne vor diesem Experiment. Vielleicht gelingt es, wenn die Gold-Initiative angenommen wird: nämlich das Experiment arme Schweiz. Stellen Sie sich eine Schweiz vor, die innerhalb von zwei Jahren verarmt, bis zum Staatsbankrott. Dann wüssten wir, was kulturell oder was folkloristisch von dieser Schweiz geblieben ist. Ja, Fussball könnte man nicht mehr spielen in einer verarmten Schweiz. Meine wirkliche Freude in diesem Land heisst Schwingen. Ich bin ein Schwingsport-Fan.

Was fasziniert Sie so daran?Ursprünglich das Publikum. Inzwischen verstehe ich auch etwas vom Schwingen selber. Das Publikum ist ein friedliches Publikum. Jeder Schwinger bringt die halbe Familie mit. Albert Camus, ehemaliger Nationaltorhüter von Algerien, hat mal geschrieben: Nur in einem vollgepfropften Fussballstadion fühle er sich als Mensch unter Menschen. So geht es mir mit dem Schwingen. An einem Schwingfest fühle ich mich gerne als Schweizer unter Schweizern und Schweizerinnen.

In Fussballstadien sitzen doch auch viele Familien. Nein, das funktioniert nicht gleich.

Weil in einem Stadion mehr Menschen sitzen?Nein, im Fussball gibt es keine Familie. Nur am Eidgenössischen Schwingfest ist die Stimmung ähnlich wie beim Fussball.

Sind Sie eher ein konservativer Mensch? Sie haben Ihre Gewohnheiten, Sie gehen immer in dieselbe Beiz in Solothurn, Sie tragen Ihr Gilet, ein Markenzeichen.Ein Mensch, der nicht konservativ ist, ist ein armer Mensch. Selbstverständlich bin ich konservativ. Ich bin ein konservativer Sozialdemokrat. Ich bin auch ein sehr konservativer Marxist.

Sind Sie auch ein konservativer Mann?Nein. Nein, das nicht. Nein, nein, ich kann selber denken. Das Wort konservativ ist für mich nicht besetzt von der Rechten. Ich mag konservative Sozialdemokraten, grundsatztreue Sozialdemokraten.

Intellektuelle sind in der politischen Debatte nicht mehr gefragt. Kommt man sich als Schriftsteller ausrangiert vor?Keinesfalls.

Man ist froh?Nein, nein, nein. Ich rede nicht als Schriftsteller, sondern als Bürger dieses Landes. Ich bin nicht angetreten, um die Welt zu verändern.

Ist das nicht ein Widerspruch? Sie sind beherzter Sozialist und sagen gleichzeitig, das Resignative sei stets prägendes Element Ihres Schaffens gewesen.Jene Sozialdemokraten, die noch gesungen haben: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit – die haben alle gewusst, dass sie es nicht erreichen werden. Aber sie wussten, dass die Zeit kommen wird. Sie waren glücklich in der Vorstellung, Brüder zu sein, zur Sonne, zur Freiheit.

Das tönt aber nicht resignativ, eher utopisch-optimistisch.Ein Körnchen Resignation ist im Hinterkopf dabei. Dieser schnelle Effekt, wir müssten alles Gold horten und nicht mehr verkaufen, und die Welt ist in Ordnung, wir müssten die Einwanderung total beschränken, Ecopop, und die Welt ist in Ordnung, und zwar morgen – am Sonntag stimmen wir ab, am Montag ist es gut. Das ist Unsinn. Wer mit den Problemen kurzen Prozess macht, vergrössert die Probleme. Denn wenn man an die Probleme geht, muss man wissen, dass man sie nie ganz beseitigen wird.

Ein mögliches Problem ist der sogenannte Dichtestress. Unterhalten wir uns doch ein wenig über diesen Begriff.Die Leute sollten ein bisschen mehr spazieren gehen.

Ist Dichtestress in Ihren Augen nur ein Propagandabegriff der SVP?Ein amerikanischer Soziologe hat einmal gesagt, das mit der Überbevölkerung löse sich von selbst. Denn wenn es so viele Leute gebe auf der Erde, dass keiner mehr liegen kann und alle stehen müssen, dann gäbe es von selbst weniger Kinder.

Sie haben einst gesagt, die letzte politische Leistung der Schweiz sei 1948 die Einführung der AHV gewesen – ziemlich lange her. Gilt das immer noch? Ich meinte damit den grossen politischen Wurf. Die AHV hat sich bewährt, auch für die Wirtschaft, die AHV stützt auch den Konsum in Krisenzeiten. Ja, ich wüsste keinen anderen grossen politischen Wurf. Erstaunlich, dass das damals gelang, gegen alle bürgerlichen Widerstände. Wenn es die AHV noch nicht gäbe: Könnte man sie heute noch realisieren? Stellen Sie sich vor, das Rote Kreuz würde es nicht geben, und ein paar reiche Genfer Industrielle kämen auf die Idee, ein Internationales Komitee vom Roten Kreuz ins Leben zu rufen. Wären wir heute fähig, das zu tun? Das Rote Kreuz wurde gegründet mit viel Geld in einer Zeit, als die Schweiz noch ein armes Land, ein Auswanderungsland war. Damals hätte man sagen können: Dieses kleine Land muss nicht die ganze Welt retten.

Die Gold-Initiative würde uns verarmen lassen, sagen Sie. Vielleicht würde sie auch wieder grosse Projekte in Gang setzen.Nein. Unter diesen Bedingungen kann die Nationalbank den Eurokurs nicht mehr stützen. Wenn wir Devisen kaufen, müssen wir Gold kaufen. Idiotisch! Gold ist wertlos, wenn man nicht handeln kann damit. Nur Kindsköpfe glauben, wenn man viel vom Gleichen hat, viele Büroklammern zum Beispiel, sei das wunderbar. Alle Büroklammern in die Schweiz! Und ja nicht verkaufen! Wenn diese Kinderei angenommen wird, dann hat die Schweiz nichts anderes verdient. Dann soll sie am Gold verhungern.

Sie haben gesagt, die Schweiz verhalte sich so, als ob sie auf internationale Kooperation nicht angewiesen sei. Woher rührt dieses Gefühl?Die Schweiz hat sich schon immer überschätzt. Blocher hat dieses Gefühl immens verstärkt. Und er weiss, dass es nicht so ist. Aber es ist so wunderbar, das Volk jubeln zu sehen.

Das wäre eine sehr zynische Haltung.Etwas vom Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann, und es passiert eigentlich allen, ist, dass man auf sich selbst hereinfällt. Blocher ist ein Mensch, der auf sich selbst hereingefallen ist.

Sind Sie auch schon auf sich selber hereingefallen?Ja, sicher, aber relativ selten.

Sie sind der Sonderfall Bichsel?Nein, nein, da kenne ich noch viele andere.

Sie sagen aber, es passiert fast allen.Würde ich schon sagen, ja, ja. Letztlich habe ich am Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, immer nur einen gesehen: mich. Nein, ich bin kein Sonderfall.

Blocher hat einmal gesagt, Journalisten sollten schreiben, was ist. Sie sind bekannt als Schriftsteller, der schreibt, was ist …… nein, nein. Ach, das ist eine so abstrakte Forderung, zu schreiben, was ist.

Wirklich?Ich schreibe nicht, was ist, nein, nein. Im Gegenteil, ich lasse mich von der Sprache verführen. Ich versuche, die Welt erzählend zu verstehen.

Gemeint ist Ihre Rolle als präziser Beobachter. Sie haben ja einmal gesagt, es gebe nichts Interessanteres, als in einem Bahnhof zu sitzen und die Menschen zu beobachten.Schreiben funktioniert nicht so. Schreiben ist Umgehen mit Sprache, so wie man Ton modelliert. Dass dabei auch Politisches entstehen kann, sicher, ich bin ein politischer Mensch. Es funktioniert nicht so, wie der Sekundarschullehrer meint, der seinen Schülern sagt, geht auf den Markt, beobachtet und schreibt euren Aufsatz. Ich gehe nie mehr auf den Markt. Jeder Zweite, den ich antreffe, sagt: Aha, Sie beobachten. Die Leute sagen das, weil sie es aus der Schule kennen. Beobachten ist ein grosser Blödsinn.

Inwiefern?Ich beobachte nicht. Ich schaue.

Das ist doch dasselbe.Nein. Beobachten ist immer ein Schauen mit Vorurteilen. Der Polizist beobachtet, er weiss im Voraus, was er beobachtet und was passieren könnte. Der Soldat beobachtet, weil er weiss: Der Feind wird kommen.

Wie haben Sie sich diese Haltung des unvoreingenommenen Schauens bewahrt ohne Absicht, etwas literarisch zu verwerten?Ich bin kein leidenschaftlicher Mensch …

Das bezweifeln wir …… und habe nie im Sinn gehabt, ein leidenschaftlicher Mensch zu werden.

Herr Bichsel, das nehmen wir Ihnen nicht ab.Wenn Rauchen oder Rotweintrinken eine Leidenschaft ist, gut, dann bin ich es. Aber meine Faulheit hat mich vor vielem bewahrt.

Schätzen Sie Leidenschaft an anderen Menschen nicht? Leidenschaft heisst doch auch, für etwas zu kämpfen.Ja, ja. Für Briefmarken, meinetwegen.

Schreiben Sie eigentlich noch Bücher?Nein. Ich habe keine Ideen mehr und ich habe nie Ideen gehabt. Schon als Zwölfjähriger habe ich mich ans Pult gesetzt und nicht gewusst, was schreiben. Ende dieses Jahres höre ich auch mit meiner Kolumne in der Schweizer Illustrierten auf. Der Schriftsteller, denken alle, hat eine grosse Fantasie. Aber seine Fantasie ist nicht grösser als die Fantasie der anderen Menschen. Schreiben macht mich inzwischen körperlich müde. Ich muss zwei Gänge runterschalten.

Nächstes Jahr werden Sie 80. Der Suhrkamp Verlag will sicher eine Biografie oder Ihr Gesamtwerk herausbringen. Nein, das nehme ich nicht an, nein, nein.

Aber es wird ein Jubiläums-Brimborium auf Sie zukommen. Alle werden Interviews mit Ihnen machen wollen.Interviews werde ich keine geben zu meinem 80. Geburtstag. Ich habe schon vor 20 Jahren geschworen, ich gebe keine Interviews mehr. Interviews bereiten immer nur Ärger.

Warum? Weil die Journalisten versuchen zu schreiben, was ist. Und das ist Unfug

Basler Zeitung

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