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Mundart im Kindergarten: SVP nimmt weitere Kantone ins Visier

Nach den Abstimmungsresultaten vom Wochenende verspüren die Dialekt-Befürworter Aufwind. Bereits habe die SVP ihre kantonalen Sektionen aufgerufen, aktiv zu werden.

Kindergarten in Uetikon am See: Bisher wurde der Unterricht zu mindestens einem Drittel auf Hochdeutsch geführt, nun soll dies die Ausnahme werden.
Kindergarten in Uetikon am See: Bisher wurde der Unterricht zu mindestens einem Drittel auf Hochdeutsch geführt, nun soll dies die Ausnahme werden.
Michael Trost

Reden, wie der Schnabel gewachsen ist, zuhören, wie von ganz klein auf gewohnt: Nach dem Abstimmungssonntag wird dies in Zürcher Kindergärten für Deutschschweizer Kinder wieder zur Regel. Hochdeutsch soll höchstens ausnahmsweise gesprochen werden. Auch in Basel-Stadt hat die Bevölkerung Mundart auf der Vorschulstufe gestärkt. Ein gleich weit reichender Vorschlag wie in Zürich scheiterte nur hauchdünn. In beiden Kantonen hatte sich ein überparteiliches Komitee für das Anliegen eingesetzt.

Es geht um die Identität

Gestärkt von den Abstimmungsergebnissen will nun allen voran die SVP in weiteren Kantonen Mundart als Kindergartensprache Nummer eins gesetzlich verankern. Dies ist ein Ziel der im letzten Herbst präsentierten Bildungsstrategie der Partei. Die kantonalen Sektionen seien bereits bei einem Treffen im März ermuntert worden, aktiv zu werden, sagt SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer. Die Partei habe die «ausdrückliche Empfehlung» vor einigen Wochen schriftlich wiederholt. Er rechne damit, dass sich die Abstimmungsresultate aus Zürich und Basel auf die Diskussion in anderen Kantonen auswirken werden.

Die Mundart-Thematik steht verschiedentlich bereits auf der politischen Agenda. In Luzern sammelt die Junge SVP Unterschriften für eine Volksinitiative. Damit soll die Direktive abgeschafft werden, rund zwei Drittel des Kindergartenunterrichts auf Hochdeutsch zu bestreiten. Die Unterschriftensammlung laufe gut, sagt Anian Liebrand, Präsident der Jungen SVP des Kantons. 2500 von den bis im Oktober notwendigen 4000 Signaturen seien beisammen. Der Unterschriftenbogen zeigt unmissverständlich, um was es den Initianten geht: um die schweizerische Identität. Auf dem Bogen prangt ein Gesicht, auf das ein grosses Schweizer Kreuz geschminkt ist. Im Kanton Solothurn hat sich das Parlament vor Wochenfrist deutlich gegen einen Mundart-Zwang im Kindergarten ausgesprochen. Nun überlege man sich, eine Initiative zu lancieren, sagt SVP-Fraktionspräsident Herbert Wüthrich. Denselben Weg fasst der Berner SVP-Grossrat Erich Hess ins Auge, sollte das Kantonsparlament im Juni seinen Mundart-Vorstoss ablehnen. In Bern und Solothurn dürfte es die SVP indes schwerer haben, eine Volksmehrheit zu finden. Denn das Gesetz sieht hier im Kindergarten keine Sprachquote vor. Die Berner Regierung hält in ihrer ablehnenden Antwort auf den Vorstoss denn auch fest, dass ohnehin grösstenteils Mundart gesprochen werde.

Kritik der Lehrer

Keine Freude an der Mundart-Diskussion hat der Lehrer-Dachverband LCH. «Es ist nicht sinnvoll, wenn sich die Politik so stark in die operativen Details des Schulwesens einmischt», sagt LCH-Präsident Beat W. Zemp. Da nicht jede Kindergartenklasse gleich sei, sollten die Lehrpersonen selber entscheiden können, wann sie welche Sprache benutzten. An ihrer Kompetenz änderten auch Gesetzesparagrafen nichts, die «grundsätzlich» Mundart vorschrieben. Wo der Gebrauch von Hochdeutsch unbestritten sinnvoll sei, wie zum Beispiel bei der Vorbereitung auf die Primarschule, wechsle die Lehrperson ohnehin auf die Standardsprache.

Auch in der Romandie löst die Mundart-Welle Stirnrunzeln aus. Sie sei ein Signal, dass die Deutschschweizer nicht an einer ganzheitlichen Schweiz interessiert seien, sagt der Genfer Nationalrat Antonio Hodgers (Grüne). Denn der Sprachkonsens, dass die Bevölkerung jedes Landesteil mindestens eine weitere Landessprache verstehe, funktioniere bei Mundart nicht. Besorgniserregend sei, dass es nicht um pädagogische Fragen gehe, sondern um solche der Identität – mit der Konsequenz, dass sich das Land spalte. Raphael Berthele, Professor am Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg, glaubt, dass Abstimmungsresultate wie am Sonntag gängige Aversionen gegen die Deutschschweiz verstärken. «Der Deutschschweizer Populismus nährt den welschen Populismus», sagt er. Gleichzeitig ortet er ein grundsätzliches Problem: «Wenn die sprachliche Vielfalt wirklich gepflegt werden soll, müssen auch die Dialekte in der ganzen Schweiz gepflegt werden.»

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