Mit verschiedenen Ellen

Die Diskussion um den schulischen Erfolg von Mädchen zeigt, dass Frauen anders beurteilt werden als Männer.

Im Berufsleben haben die Männer die Nase vorn. Wenns um die Matura geht nicht mehr. (Symbolbild)

Im Berufsleben haben die Männer die Nase vorn. Wenns um die Matura geht nicht mehr. (Symbolbild) Bild: Felix Kaestle / AP Photo

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Verschiedene EllenWahrscheinlich sind Mädchen nicht intelligenter als Knaben. Doch nun überflügeln sie in der Mittelschule ihre Klassenkameraden. Warum das so ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. In der Forschung gibt es Lücken. An den Knaben liege es aber nicht, sagt etwa Alt-Nationalrat Rudolf Strahm (SP). Das Schulsystem sei schuld. Es sei gewissermassen den Mädchen angepasst worden. Denn es gewichte Sprachfächer, Sozialkompetenz und Selbstständigkeit zu hoch. Die Knaben sind also Opfer des Systems.

Der Bildungsforscher Stefan Wolter und die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm sehen das ähnlich. Die Knaben haben in der Pubertät anderes im Kopf als Schule. Dass die Schule Knaben und Mädchen nicht gleich gerecht wird, ist schlecht und gehört korrigiert.

Die Frauen sind schuld

Unter den dreien besteht also Einigkeit, was die tiefere Maturitätsquote der Knaben betrifft: Schuld ist das System. Wenig spricht dagegen, dass dies hier tatsächlich stimmt. Ärgerlich ist, dass dieselben Leute anders argumentieren, wenn es um den Misserfolg von Frauen in der Berufswelt geht. Hier sind die Frauen trotz bester Ausbildung meist im Nachteil – und laut Strahm, Stamm und Wolter selber schuld. Das Wirtschaftssystem zweifeln sie nicht an. Die Frauen wählten nämlich nach der Matura die falsche Studienrichtung, so Wolter. Und Margrit Stamm gibt noch einen drauf. Die Frauen trauten sich im Beruf nicht genug zu. Zudem wollten sie ihren Kindern gute Mütter sein, begründet Stamm. Wie gesagt: Die Frauen sind schuld und nicht das System.

Wolter unterschlägt dabei, dass sowohl Löhne wie Prestige eines Berufes mit steigendem Frauenanteil stagnieren. Dies hat der Soziologe Pierre Bourdieu vor fast 20 Jahren aufgezeigt. Zur Erinnerung: Arzt, Lehrer und Pfarrer waren einmal prestigeträchtige Männerberufe. In dem Moment, wo der Frauenanteil stieg, verloren sie an Bedeutung. Das hat nicht nur mit dem Autoritätsverlust im Zuge einer immer pluralistischeren Gesellschaft zu tun: Die Gesellschaft ist bis heute auch durchdrungen von der Vorstellung, dass alles Weibliche weniger wert ist.

Margrit Stamm verlangt wenigstens mehr Krippenplätze, um die Frauen zu fördern. Aber sie lässt den oft fehlenden Willen der Wirtschaft ausser acht, familienfreundliche Modelle wie Jobsharing und Teilzeitstellen für Männer und Frauen auch in höheren Positionen zu fördern.

2013 gaben 22'000 Hausfrauen mit Uni- oder Fachhochschulabschluss an, dass sie gerne in ihrem Beruf arbeiten würden. Das liegt sicher nicht nur daran, dass vielerorts immer noch Krippen fehlen. Viele Frauen haben vermutlich keinen Job gefunden, der mit der Familie zufriedenstellend vereinbar ist.

Erstellt: 28.10.2017, 08:37 Uhr

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