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«Migrantinnen sind eher Opfer»

Psychiater Marc Graf sagt, dass in der Schweiz bereits sehr viel zum Schutz von Frauen unternommen werde.

Marc Graf

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik an der Universität Basel.

Trennungen sind oft mit Streit und Aggressionen verbunden. Wie weiss man, ob jemand tatsächlich zur Tat schreitet?

Ein Familiendrama entwickelt sich selten aus heiterem Himmel. Meistens schaukelt sich der Konflikt langsam auf. Wenn man merkt, dass es bei den Diskussionen um alte Kränkungen geht, wenn das Problem eine Eigendynamik annimmt, dann sollte man Hilfe bei Paartherapeuten oder Mediatoren holen. Erfahrene Therapeuten prüfen, ob Risikofaktoren für eine Gewalttat vorliegen.

Was sind Risikofaktoren?

Zum Beispiel psychische Störungen wie Narzissmus, Psychosen oder Schizophrenie. Auch die Verfügbarkeit von Waffen, suizidale Äusserungen und übermässiger Konsum von Alkohol, Schlafmitteln oder Aufputschmitteln gelten als Risikofaktoren. Zudem sollte die Vergangenheit angeschaut werden: Ist die Person früher schon gewalttätig geworden? Gab es Tierquälereien?

Sind Kontaktverbote sinnvoll?

In der Regel ist eine Kontaktsperre sehr nützlich. Das Brechen des Verbotes ist eine Straftat, bei der die Staatsanwaltschaft, ohne zu zögern, mit Sicherheitshaft reagiert. Da werden auch Forensiker beigezogen, um abzuklären, wie gefährlich jemand ist. Aber natürlich stimmt es: Wenn jemand entschlossen ist, den anderen umzubringen, dann kann man das nicht verhindern. Ausser die Person taucht ganz unter.

Ein Problem ist, dass verhängte Kontaktverbote nicht überwacht werden können. Würden elektronische Fussfesseln die Sicherheit erhöhen?

Nur wenn diese bestimmte Voraussetzungen erfüllen: nicht einfach abnehmbar, verlinkt mit einem GPS-Monitoring, um ein Eindringen in gesperrte Bereiche sofort zu erkennen, und gut definierte sowie eingespielte Prozesse für die sofortige Intervention durch die Polizei. Solche Versuche laufen im Moment, diese zeigen, dass das System grundsätzlich funktioniert, aber in der Anwendung anspruchsvoll ist.

Wird in der Schweiz genug ­unternommen, um Morde wie in Wilderswil zu verhindern?

Man macht bereits sehr viel. Heute arbeiten Polizei, Psychiatrie, Staatsanwalt und Erwachsenenschutz viel stärker zusammen als früher. Trotzdem kann man immer nur mit Risikokategorien arbeiten: Wir können Menschen in Risiko­kategorien einteilen und wissen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand in dieser Kategorie gewalttätig wird. Wie das Individuum tatsächlich handelt, kann man nicht voraussagen.

Man tut also das Möglichste?

Es kommt sehr darauf an, welche Schicht wir anschauen. Es gibt viele Frauen in der Schweiz, die gar nicht wissen, was sie tun können, um sich zu schützen. Migrantinnen, die keinen Kontakt nach draussen haben, die kein Deutsch sprechen und über kein eigenes Geld verfügen: Wie sollen diese Frauen einen Mediator oder einen Anwalt finden, der ihnen hilft? Für eine Frau mit Bildung und eigenen finanziellen Mitteln ist das Risiko, Opfer zu werden, viel kleiner.(Mit Marc Graf sprach Simone Schmid)

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