Ausländer haben mehr Vertrauen in Behörden als Schweizer

Neue Zahlen des Bundes zeigen: Nirgends in Europa vertraut die Bevölkerung der Politik mehr als in der Schweiz.

In den letzten drei Jahren haben sich die Vertrauenswerte durchwegs verbessert. Foto: Gabriela Baertels (Keystone)

In den letzten drei Jahren haben sich die Vertrauenswerte durchwegs verbessert. Foto: Gabriela Baertels (Keystone)

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In keinem europäischen Land geniesst die Politik mehr Vertrauen als in der Schweiz. Bei der letzten Befragung der Bundesstatistiker erhielt das politische System auf einer Skala von 0 bis 10 die Note 6,6. Dahinter folgt abgeschlagen Finnland mit einer 6, Schlusslicht ist Portugal (1,7). In der Schweiz spricht die Bevölkerung auch der Justiz (7) und der Polizei (7,4) ein grösseres Vertrauen aus als in den allermeisten Ländern. 

Innerhalb der Schweiz zeigt sich ein interessanter Unterschied: Migranten und ihre Kinder vertrauen den Institutionen noch stärker als die Schweizer «Mehrheitsgesellschaft». Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat dazu gestern neue Zahlen veröffentlicht. In allen drei Bereichen – Politik, Rechtssystem und Polizei – erhalten die Behörden von Alteingesessenen schlechtere Noten als von der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Dazu zählt das BFS grob gesagt Ausländer und Eingebürgerte der ersten und zweiten Generation. Nach dieser Definition haben fast 37 Prozent einen Migrationshintergrund. 

Grösste Differenz bei Politik

In dieser Gruppe geben zwei von drei Befragten der Polizei Bestnoten zwischen 8 und 10. Im Vergleich dazu sind die eingesessenen Schweizer skeptischer: «Nur» 61 Prozent erteilen hier Bestnoten. Am grössten ist die Diskrepanz jedoch beim Vertrauen in das politische System. 47 Prozent der Migranten geben der Politik Noten zwischen 8 und 10, während bei den Einheimischen nur 37 Prozent so grosszügig sind. Die Reihenfolge hingegen ist bei beiden Gruppen dieselbe: Am meisten Vertrauen geniesst die Polizei, gefolgt von der Justiz und, zuhinterst, der Politik. 

Warum vertrauen Zugezogene den Institutionen stärker als die Eingesessenen? Naheliegende These aus Schweizer Sicht: Migranten stammen oft aus Ländern, in denen die staatlichen Institutionen weniger vertrauenswürdig sind. Türken, Italiener oder Serben wissen besser, wie wacklig der Rechtsstaat sein kann, und sind umso dankbarer für den Zustand der hiesigen Behörden. Stimmt diese These oder ist sie Ausdruck helvetischer Überheblichkeit?  

«Ich denke schon, dass sie stimmt», sagt Hasan Kanber. Er ist schweizerisch-türkischer Doppelbürger, hier geboren, Unternehmer, und er politisiert für die SP im Baselbiet. «Mir geht es selber genauso», sagt Kanber. Von Verwandten und Freunden in der Türkei höre er, wie unsicher das Leben sei, seit die aktuelle Regierung die Gewaltenteilung sukzessive ausheble. «Erst jetzt, angesichts dieser Entwicklungen, ist mir richtig bewusst geworden, dass der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit ist.» 

Trotzdem ist auch Hasan Kanber etwas überrascht, dass das Vertrauen der Migranten generell grösser ist. Aus seinen Erfahrungen als Politiker und langjähriger Funktionär im Fussballverband sind ihm viele Geschichten von Zugezogenen bekannt, die sich von Polizei oder Justiz ungerecht behandelt oder gar diskriminiert fühlten. «Das ist auch ein Teil der Realität», sagt er. Aber viele dieser Leute hätten gemerkt, dass man sich in der Schweiz gegen solche Vorfälle wehren und notfalls sogar gegen die Polizei vor Gericht gehen könne. «Der zuverlässige Rechtsstaat stärkt das Selbstvertrauen der Migranten.» 

Erfahrung mit Ämtern

Einen anderen Grund ortet FDP-Nationalrat Kurt Fluri, der zugleich Stadtpräsident von Solothurn ist. Er geht davon aus, dass die meisten Migranten mehr eigene Erfahrungen im Umgang mit den Behörden haben als die restliche Bevölkerung. «Wer selber öfter mit den Behörden zu tun hat, weiss, dass diese gut arbeiten.» Die anderen hingegen hörten immer nur von den Fällen, in denen etwas schlecht laufe, oder würden negative Vorurteile weitergeben. 

Derweil rät Didier Ruedin, Forscher am Forum für Migrationsstudien der Universität Neuenburg, zur Vorsicht. Er zweifelt an der Vergleichbarkeit der Zahlen, unter anderem weil die beiden Gruppen sehr heterogen seien. Würde man zum Beispiel Schwarze zur Polizei befragen, kämen wohl andere Antworten, schreibt Ruedin auf Anfrage. Das Wichtigste aus seiner Sicht ist die zeitliche Entwicklung, die das Statistikamt ebenfalls ausweist: In den letzten drei verfügbaren Jahren haben sich die Vertrauenswerte durchwegs leicht verbessert, die Entwicklung bei Migranten und Eingesessenen verlief dabei im grossen Ganzen parallel.  

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2018, 08:31 Uhr

Finanziell schlechter gestellt

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund steht in der Schweiz finanziell schlechter da als jene ohne Migrationshintergrund – meistens auch bei gleichem Alter und Bildungsniveau. Das zeigen Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS). Die Armutsquote der Personen ab 16 Jahren lag im Jahr 2016 insgesamt bei 7,6 Prozent. Bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lag die Quote signifikant höher, nämlich bei 8,5 Prozent. Die Sozialhilfequote betrug 2016 in der Schweiz 3,3 Prozent. Bei den in der Schweiz geborenen Personen lag die Quote bei 2,5 Prozent, bei den im Ausland Geborenen belief sie sich auf 5,1 Prozent. Personen mit Migrationshintergrund sind mehr als dreimal so häufig von materieller Entbehrung betroffen wie Personen ohne Migrationshintergrund. (sda)

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