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«Medienmächtig heisst nicht medienmündig»

Der öffentliche Diskurs müsse entgiftet werden, sagt Medienwissenschafter Bernhard Pörksen. Die klassischen Medien könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Bernhard Ott
«Die Frage ist letztlich, ob man noch an die Aufklärung glaubt»: Bernhard Pörksen in seinem Büro. Foto: Deniz Saylan
«Die Frage ist letztlich, ob man noch an die Aufklärung glaubt»: Bernhard Pörksen in seinem Büro. Foto: Deniz Saylan

US-Präsident Donald Trump bleibt im Amt, obwohl alle wissen, dass er lügt. Was ist zu tun, wenn Fakten nichts mehr gelten?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Fakt ist, dass der klassische ­Journalismus die Hoheit über die Vertriebskanäle verloren hat. Er steckt in einer ernsten ­Krise, weil Qualität sich immer schwieriger refinanzieren lässt und weil Populisten die Institutionen unabhängiger Berichterstattung schamlos attackieren. Wer will und genug Geld hat, kann Solidarität und Gefolgschaft über soziale Medien organisieren. Er braucht dazu keine klassischen Medien mehr.

Gemäss einer US-Studie braucht eine wahre Twitter-Nachricht sechsmal mehr Zeit, um 1500 Nutzer zu erreichen, als eine falsche Nachricht. Wie ist das möglich?

Das ist die Folge des Zusammenspiels von moderner Medientechnologie, digitaler Ökonomie und Psychologie. Soziale Medien wollen die Nutzer möglichst lange bei der Stange halten, um deren Datenspuren besser auszuwerten und an die Werbeindustrie zu verkaufen. Und es ist das Aufregende und Emotionale, das die Menschen auf den Plattformen hält. Zugleich haben sie eine grosse Sehnsucht nach Bestätigung. Falschnachrichten bestätigen die Vorurteile einzelner Milieus in maximal dramatischer Form. Sie handeln etwa davon, dass es sich bei der Warnung vor dem menschengemachten Klimawandel um einen Riesenschwindel handeln soll oder dass Impfen Autismus erzeugt.

Facebook will die Selbstkontrolle verstärken. Was halten Sie davon?

Das kann nicht klappen, weil Unternehmer wie Mark Zuckerberg so tun, als ob Facebook keine redaktionelle Verantwortung hätte. Und doch: Aufgrund ­intransparenter Algorithmen werden Brustwarzenbilder sofort gelöscht. Holocaustleugner bleiben hingegen ­unbehelligt. Es macht keinen Sinn, auf die Einsicht von Facebook und Co. zu vertrauen. Es braucht einen ganz anderen Zwang zur Offenlegung der tatsächlichen publizistischen Spielregeln. Die Gesellschaft muss wissen, welche Effekte Algorithmen haben. Dafür braucht es neue Instrumente.

Woran denken Sie?

Es braucht eine Art Plattformrat auf nationaler und internationaler Ebene. ­Dieser könnte aus Unternehmern, Journalisten und Wissenschaftlern zusammengesetzt sein. Seine Aufgabe wäre es, die publizistischen Spielregeln transparent zu machen. Bei einer Zeitung weiss der Leser, welche redaktionelle Linie sie verfolgt. Er kann sich bei Bedarf an die Redaktion wenden. Dasselbe müsste auch für soziale Medien gelten.

«Jeder Dialog beginnt mit Wertschätzung. Man muss für möglich halten, dass der andere recht haben könnte.»

Ihr Vorschlag ist nicht neu. Haben Sie die Politik zu überzeugen versucht?

Ich schreibe Artikel, halte Vorträge und spreche auf Einladung in Ministerien. Ob das Erfolg hat? Keine Ahnung. Aber in einem bin ich mir sicher: Wir haben den Bildungsauftrag, der in der laufenden Kommunikationsrevolution steckt, noch nicht wirklich begriffen. Es braucht eine radikale Bewusstseinsbildung in der Breite der Gesellschaft.

Sind die klassischen Medien Teil der Lösung oder des Problems?

Die klassischen Medien sind unbedingt Teil der Lösung. Eine Gesellschaft lebt von einem Minimum an kollektiv akzeptierter Information. Es braucht eine gemeinsame Faktenbasis. Wer, wenn nicht ausgebildete Journalisten – im Verbund mit dem Publikum –, sollte sie vermitteln? Die Attacken von Populisten auf einen unabhängigen Journalismus nehmen zu, weil dieser ein Korrektiv ist. Und pauschale Journalismuskritik ist längst überall in Europa ein von Populisten genutztes Aufregerthema – ganz gleich, ob diese auf der Strasse demonstrieren oder auf der Regierungsbank sitzen.

Viele Medien reagieren auf die ­Legitimationskrise mit der ­Etablierung neuer Tools, die in ­Echtzeit zeigen, wie gut ein Artikel performt. Was ist davon zu halten?

Nicht sehr viel. Guter Journalismus lebt von einem immer neu auszutarierenden Mischungsverhältnis von Nähe und Distanz und den Interessen des Publikums. Im Journalismus tobt im Moment der Kampf zwischen zwei Prinzipien: dem Prinzip der Relevanz, wonach das gebracht werden soll, was gesellschaftlich von Bedeutung ist, und dem Diktat der Interessantheit. Was funktioniert in einem härter werdenden Kampf um ­Aufmerksamkeit? Ich bin überzeugt: ­Seriöser Journalismus zeichnet sich ­dadurch aus, dass er nicht allein dem Diktat der Interessantheit folgt. Viel zu oft gilt heute aber: Interessantheit schlägt Relevanz.

Der Gatekeeper-Journalismus ist vorbei. Es ist doch demokratisch, wenn alle die öffentliche Meinung mitbestimmen können.

Klar. Die Öffnung des kommunikativen Raumes war und ist zuerst einmal eine gute Nachricht. Aber die Kommunikationsrevolution hat das Publikum zwar medienmächtig gemacht, aber eben nicht automatisch auch medienmündig. Daher ist der seriöse Journalismus unverzichtbar, ja systemrelevant für eine Demokratie. Welche Instanz gibt es sonst, die im Zusammenspiel mit ­anderen Playern und auf der grossen Bühne mit der nötigen Zeit und Hartnäckigkeit Fakten herausarbeitet und einordnet?

Ein todsicherer Wert beim ­Smartphone-Publikum sind Gesellschaftsthemen. Texte über Politik haben es schwerer.

Ich plädiere ja nicht dafür, dass man dem Publikumsinteresse mit Ignoranz begegnen soll. Es geht nicht darum, ­anstelle der Geschichte, die von einem Pavian erzählt, der ein Löwenbaby auf einen Baum zerrt, den hundertsten ­Bericht über die Konfliktlage im Nahen Osten zu publizieren. Aber es kommt eben auf die richtige Mischung an. Journalismus, der sich vollkommen dem Diktat der Quote unterwirft, ist schlechter Journalismus. Das sah man bereits beim Fernsehen. Die Einordnung von Ereignissen nach Kriterien der Relevanz ist eine Kernaufgabe des Journalismus.

Was wäre ein sinnvoller Umgang mit Echtzeitquoten?

Die «New York Times» hat ihren Journalisten anfänglich verboten, Quoten zu einzelnen ­Artikeln zu betrachten. Nach dem Motto: «Wir lassen uns unsere ­Inhalte nicht von Zahlen diktieren. Schliesslich sind wir nicht bei ­‹American Idol›.» Aber diese Phase ist vorbei. Man wird durch diese Tools sicher auch auf Themen und Blick­winkel hingewiesen, die bedeutsam sein können.

Sie plädieren für andere Formen der Kommunikation in den elektronischen Medien. «Diffamierende Verallgemeinerungen» seien zu ­vermeiden. Gilt das auch gegenüber Menschen, die genau das tun?

Auf jeden Fall. Jeder Dialog beginnt mit einem Minimum an Wertschätzung. Man muss für möglich halten, dass der andere recht haben könnte. Das ist ­keine Weltformel der Diskursrettung. Aber schon ein Verzicht auf Pauschalattacken wie «alter weisser Mann», «hysterische Feministin» oder «naiver Gutmensch» bringt etwas.

Auf 280 Twitter-Zeichen ist das eine Herausforderung.

Stimmt. Die weltweite Vernetzung hat das Miteinanderreden nicht einfacher, sondern schwieriger gemacht. Es wird aber auch wichtiger, wenn wir globale Aufgaben wie die Klimakrise ­bewältigen wollen. Es braucht daher eine neue Aufklärung, die Medienanalyse und Kommunikationspsychologie kombiniert. Denn es gibt noch jede Menge Wissen aus der Psychologie, das der vernetzten Kommunikation dienen könnte – zum Beispiel die Trennung zwischen Position und Person, die Abkehr vom kommentierenden Sofortismus und von der Idee, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit. All das sind Dialogblockaden.

Dann müssen Sie aber den Kanal wechseln und soziale Medien meiden.

Es kann solche Situationen geben. Aber ich erlebe auch in den sozialen Medien viele gute Diskussionen. Es gibt drei Debattenwelten: Die eine ist geprägt von Hass und Hetze, die andere von Betulichkeit und Hypermoralisierung. Und es gibt tatsächlich auch die Welt des ­respektvollen Austausches.

Friedemann Schulz von Thun, ­Co-Autor Ihres neuen Buches, plädiert dafür, selbst mit Verschwörungs­theoretikern auf ­«dialogische ­Wahrheitssuche» zu gehen. Soll man mit Antiliberalen reden?

Auch Schulz von Thun plädiert für rote Linien. Die Frage ist, ob man ein ­Gespräch überhaupt versucht und zu welchem Zeitpunkt man es beendet. Schulz von Thun unterscheidet zwischen Verstehen, Verständnis und Einverständnis. Verstehen sollte man den ­anderen immer. Verständnis haben – vielleicht. Und ob man einverstanden ist? Das ist eine vollkommen offene ­Frage. Aber klar: Auf haltlose Pöbeleien, Gewaltdrohungen und antisemitische Verschwörungstheorien kann man nicht dialogisch-empathisch reagieren. Es gibt den Moment, wo man intolerant auf Intoleranz reagieren muss.

Was bringt Kommunikations­psychologie für die Medienanalyse? Man kann Ideen zur Deeskalation im Gespräch von Mensch zu Mensch doch nicht auf die Medienwelt übertragen.

Das sehe ich nicht so. Welche Erkenntnis bringt denn eine vorgefertigte Spektakeldebatte in einer Talkshow? Was nützt es, andere zu diffamieren, nur um Aufmerksamkeit zu erreichen? Hier ­liessen sich kommunikationspsycho­logische Erkenntnisse zur Entgiftung des Diskurses nutzen. Denn die Gefahr besteht, dass lautstarke Minderheiten von den Rändern der Gesellschaft her das Kommunikationsklima dominieren.

Das klingt reichlich löblich, aber auch etwas papierig.

Die Frage ist letztlich, ob man noch an die Aufklärung glaubt. Kann das Gespräch unter heutigen medialen Bedingungen noch funktionieren? Ich bin der Ansicht, dass man als Demokrat zum Diskurs- und Aufklärungs­optimismus verpflichtet ist. Was wäre denn die ­Alternative? Die fortwährende Verschärfung von Gesetzen? Die Anwendung von Nudging-Techniken der ­Beeinflussung? Elitenherrschaft? Das Miteinander­reden ist für mich alternativlos. Letztlich entscheidet man sich für den ­Diskurs- und Aufklärungs­optimismus oder dagegen. Wenn es schiefgeht, hat der Aufklärungsoptimist wenigstens das schönere Leben gehabt.

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