Über den Gletscher für den Ruhetag?

16-Stunden-Schichten und keine Freitage: Was im Gastgewerbe verboten ist, lässt sich in SAC-Hütten nicht umgehen.

Auch hier gilt der GAV: Die Cabane du Mountet auf 2886 Meter über Meer im Val d’Annivier VS.

Auch hier gilt der GAV: Die Cabane du Mountet auf 2886 Meter über Meer im Val d’Annivier VS. Bild: Keystone

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Es hat geschneit in den Glarner Alpen. Bei der Planurahütte auf 3000 Meter über Meer liegt ein halber Meter Neuschnee – mitten im Hochsommer. Hüttenwartin Silvia Blatter und ihre Kollegin haben derzeit keine Gäste zu bewirten und können es gemütlicher angehen. Herrscht aber Betrieb, sind die Arbeitstage lang. Zu lang, um alle Bestimmungen des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) für das Gastgewerbe einhalten zu können.

Dieser sieht für Kleinbetriebe eine Wochenarbeitszeit von 45 Stunden sowie zwei Ruhetage nach einem Einsatz von sieben Arbeitstagen vor. «Von unserer Hütte aus braucht man einen Tag bis ins Tal. Ein Angestellter könnte an seinen Ruhetagen also einmal runter- und dann wieder hochlaufen», sagt Blatter, die die Planurahütte zusammen mit Freunden und Bekannten betreibt.

«Mal eben über den Gletscher»

«Es ist illusorisch, alle GAV-Bestimmungen einhalten zu können», sagt Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb des SAC. So seien viele Hütten zu klein, um die geforderte Trennung von Ruhe- und Arbeitsraum für alle Angestellten zu gewähren. Ist der Gästeandrang gross, kann dies zu Arbeitstagen von 16 Stunden führen, und auch die Ruhetage-Regelung ist oft schwer einzuhalten.

«Der Hüttenwart der Konkordiahütte im Wallis kann seine Angestellten nicht einfach mal über den Gletscher ins Tal schicken, damit sie ihre Freitage beziehen», sagt Lüthi. Das sei nur schon aus Sicherheitsgründen nicht statthaft. Entscheidend ist für ihn zudem: «Jeder, der auf einer Hütte arbeitet, weiss, worauf er sich einlässt. Viele machen das aus Freude am Bergleben und suchen bewusst eine Auszeit.»

Erfolgloser Versuch

Der Gastro-GAV wird jeweils vom Bundesrat allgemein verbindlich erklärt. Eigentlich unterstehen die SAC-Hütten wie alle Restaurationsbetriebe seit den Siebzigerjahren dem GAV, aber erst seit 2015 wird das in der Praxis auch kontrolliert. Der SAC bemühte sich damals bei der zuständigen paritätischen Kommission um Ausnahmeregelungen.

Die an den Verhandlungen beteiligten Vertreter der Gastrobranche waren dem Anliegen zunächst nicht abgeneigt. Zum Schluss scheiterte jedoch eine Ausnahmeregelung, weil sich die Verhandlungspartner durch einen vom «Blick» entfachten Medienwirbel und eine politische Intervention von SVP-Nationalrat Adrian Amstutz unter Druck gesetzt fühlten.

Seither blieben alle Versuche des SAC für eine Ausnahmeregelung erfolglos. Letzten Dezember erklärte der Bundesrat den GAV für weitere drei Jahre allgemein verbindlich. Dafür haben auch die Gewerkschaften gesorgt. «Viele SAC-Hütten haben sich zu Berghotels entwickelt. Es ist klar, dass sie dem GAV unterstehen müssen», sagt Mauro Moretto von der Unia. Wie oft SAC-Hütten kontrolliert werden und zu wie vielen Beanstandungen es dabei gekommen ist, sagt die GAV-Aufsichtskommission nicht.

Ein Verlustgeschäft

Trotz der aktuellen Situation hofft Bruno Lüthi vom SAC weiterhin auf ein Entgegenkommen der Gewerkschaften und der Gastrobranche. «Von den 152 SAC-Hütten erwirtschaften etwa zehn einen Gewinn. Die anderen können nur dank Mitgliederbeiträgen, Gratisarbeit der Sektionen und Fundraising bewirtschaftet werden», sagt der Hüttenverantwortliche.

Kommen für die oft nur wenige Monate im Jahr geöffneten Unterkünfte strikte GAV-Bestimmungen hinzu, könne das für einzelne Hütten existenzbedrohend werden. Gänzlich ungehört bleiben diese Argumente nicht. So hielt der Bundesrat im letzten Dezember fest, die GAV-Vertragsparteien müssten bis Ende 2020 Lösungen finden für «Berghütten, die nur in mehrstündigem Fussmarsch und über mittelschwierige oder schwierige Routen erreichbar sind».

Rückgriff auf die Familie

Sollten die Verbände keine Lösung finden, behält es sich der Bundesrat vor, den Geltungsbereich des Gastro-GAV selbst zu regeln. Die neue Verhandlungsrunde wird allgemein begrüsst. «Es ist wichtig, dass auch die SAC-Hütten dem GAV unterstehen», sagt etwa Pius Fähndrich, Hüttenwart der Lidernenhütte im Kanton Uri. Ohne GAV könnten Hüttengehilfen ausgebeutet werden. Doch auch Fähndrich sagt: «Man muss Sonderregelungen für abgelegene Hütten finden.»

Eine erste Gesprächsrunde zwischen dem SAC und der GAV-Aufsichtskommission soll nächstens stattfinden. Bis eine Lösung gefunden ist, werden die SAC-Hütten mit den herrschenden Rahmenbedingungen auskommen müssen. Eine Folge zeigt sich bereits: Hüttenwarte sind noch stärker dazu übergegangen, das Personal aus der eigenen Familie zu rekrutieren. Denn Familienangehörige unterstehen nicht dem GAV. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2017, 11:34 Uhr

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