Luzerner Regierung will Luzerner Journalisten

Standort der neuen Mantelredaktion der AZ- und NZZ-Regionalmedien ist Aarau. Der Luzerner Regierungsrat macht sich Sorgen.

Die neue Mantelredaktion ist im Aufbau. Ab Mitte 2019 sollen sämtliche AZ-NZZ-Regionalmedien mit überregionalen Inhalten aus Aarau beliefert werden.

Die neue Mantelredaktion ist im Aufbau. Ab Mitte 2019 sollen sämtliche AZ-NZZ-Regionalmedien mit überregionalen Inhalten aus Aarau beliefert werden.

(Bild: Keystone)

Claudia Blumer@claudia_blumer

Eines war klar: Es wird Enttäuschte geben. Wenn die Zeitungen dreier Regionen (Ostschweiz, Zentralschweiz, Mittelland) künftig im überregionalen Teil aus einer einzigen Redaktion gespeist werden, hofft jede Region, dass der Zuschlag sie trifft.

Die künftige Redaktion für Inland, Ausland, Wirtschaft und Kultur stehe in Aarau, teilte CH Media diese Woche mit. Das Gemeinschaftsunternehmen von AZ Medien («Aargauer Zeitung») und NZZ hatte im August die Erlaubnis der Wettbewerbskommission erhalten, im Oktober hat es den Betrieb aufgenommen. Nun ist die überregionale Redaktion im Aufbau, Mitte 2019 startet sie.

Der Aargau spielt in dem neuen Unternehmen eine dominierende Rolle. Verleger von CH Media ist der Aargauer Peter Wanner, Geschäftsführer ist Axel Wüstmann war zuvor CEO der AZ Medien. Und auch Patrik Müller, Chef der Mantelredaktion, kommt aus dem Aargau.

Zentralschweizer Know-how gefordert

Nun befürchtet der Luzerner Regierungsrat, dass der Kanton Luzern zu kurz kommt. Wie die Regierung diese Woche mitteilte, schrieb sie dieser Tage dem Unternehmen CH Media einen Brief, zuvor schon hatte sie ihre Befürchtungen im Gespräch mit Verleger Peter Wanner geäussert.

Der Regierungsrat bedauere den Entscheid, die überregionalen Ressorts der CH-Media-Zeitungen in Aarau zusammenzuführen, heisst es in der Medienmitteilung. Man befürchte eine Schwächung des Medienplatzes Luzern. Für die Mantelredaktion brauche es «Zentralschweizer Know-how», konkret: Qualifizierten Journalistinnen und Journalisten aus Luzern solle am neuen Redaktionsstandort eine annehmbare berufliche Perspektive geboten werden. Weiter fordert der Regierungsrat, dass nicht zulasten der regionalen Berichterstattung gespart wird. Im Gegenteil: Man erhoffe sich von dem Joint Venture, dass die regionale Berichterstattung sich sogar weiterentwickeln könne.

CH Media beschäftigt derzeit 2200 Mitarbeitende, in den kommenden zwei Jahren sollen aber 200 Vollzeitstellen gestrichen werden. Dies gab das Unternehmen im Herbst bekannt. Es will damit 10 Prozent der Kosten (45 Millionen Franken) sparen.

Dass die Interessen des Kantons Luzern in der Aarauer Redaktion weniger Platz fänden, sei absehbar, sagt der Luzerner CVP-Stadtparlamentarier Albert Schwarzenbach. «Wo Journalisten arbeiten, machen sie auch Kaffeepausen, pflegen sie ihr Beziehungsnetz. Das wirkt sich auf die Berichterstattung aus.» In Luzern, namentlich in seiner Partei, der CVP, herrsche die Befürchtung, dass die Standpunkte des Kantons weniger zum Zug kämen. «Gerade im Fall von Bundesratswahlen, wenn jemand aus dem Kanton Luzern kandidieren würde, könnte sich das manifestieren. Ich befürchte auch, dass wir in Luzern weniger über das Wirken unserer eidgenössischen Parlamentarier informiert werden.»

Weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten

Schwarzenbach hat der Stadtregierung vor Monaten Fragen gestellt, und diese teilte seine Befürchtungen. Auch im Kantonsrat gab es besorgte Vorstösse über den «abnehmenden Bezug der ‹Luzerner Zeitung› zur Region sowie die Konsequenzen dieser Entwicklung». Bisher habe es jährliche Treffen gegeben zwischen dem Luzerner Regierungsrat und den Vertretern der «Luzerner Zeitung» beziehungsweise dem Mutterhaus NZZ, antwortete die Regierung. Beim letzten Treffen im März 2018 sei das neue Joint Venture thematisiert worden. «Unser Rat wird die nächsten Schritte beim Vollzug des Joint Ventures aufmerksam verfolgen und bei Bedarf den gegenseitigen Austausch wieder aufnehmen», schrieb der Regierungsrat.

Ob dieser Austausch weiterhin möglich ist, wird sich weisen. Sicher findet mit der Neuorganisation auch ein Kulturwandel statt. Bisher wurde bei den Regionalmedien «St. Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung», die schon länger der NZZ gehören, auf die regionalen Befindlichkeiten soweit wie möglich geachtet. Die Mantelseiten wurden in beiden Regionen hergestellt, teilweise wurde wochenweise abgewechselt, um in beiden Landesteilen gebührend präsent zu sein. Auf solche Befindlichkeiten wird künftig wohl weniger Rücksicht genommen.

CH Media nimmt zu den Befürchtungen in Luzern wie folgt Stellung: «Wir stehen in regelmässigem und persönlichem Austausch mit der Luzerner Regierung, das werden wir auch in Zukunft beibehalten.» Die neue Mantelredaktion werde so ausgestaltet, dass diese journalistisch die verschiedenen Regionen von CH Media widerspiegle; unabhängig vom Standort, schreibt eine Sprecherin. Die Qualität der regionalen Berichterstattung werde man auf dem gewohnten Niveau halten.

TV-Sender vom Aargau nach Luzern – und zurück

Luzern ist vom Medienschwund beinahe in prototypischer Weise betroffen: Noch vor 27 Jahren zählte der Kanton drei unabhängige Tageszeitungen, heute ist es noch eine, und diese schrumpft bald zu einer Lokalredaktion.

Immerhin gibt es in Luzern drei Regionalradios und einen Fernsehsender. Dieser Sender allerdings, Tele 1, führt zu einem weiteren Frust: Ursprünglich gehörte er als Tele Tell zu Peter Wanners Unternehmen. Im Zuge der Konzessionsvergabe vor zehn Jahren unter dem damaligen Bundesrat Moritz Leuenberger ging der Zuschlag an die Zentralschweiz, es entstand Tele 1. Mit der Zusammenarbeit zwischen NZZ (zu der indirekt Tele 1 gehört) und AZ Medien geht der Sender nun wieder in Aargauer Besitz über. Die Sender werden künftig von Zürich aus betrieben.

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