Lohndiskriminierung: Widerspricht sich Sommaruga selbst?

Kritiker der Lohngleichheits-Vorlage beziehen sich auf eine Studie, welche der Bundesrat in Auftrag gegeben hat. Was steckt dahinter?

Vorlage zurückgewiesen: So lief die Debatte über Lohngleichheit im Ständerat. (Video: Tamedia/SDA)

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«Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit», heisst es seit 1981 in der Bundesverfassung. Die Realität ist aber eine andere: Frauen verdienen noch heute jeden Monat durchschnittlich 1400 Franken oder 18 Prozent weniger als Männer. Nur ein Teil davon lässt sich mit Kriterien wie Ausbildung oder Erfahrung erklären. Das sorgt für hitzige Diskussionen in der Öffentlichkeit und auch in Bundesbern.

Der Ständerat hat am Mittwoch über eine Vorlage des Bundesrates debattiert, die grössere Unternehmen zu Lohnanalysen alle vier Jahre verpflichten will. Dies sei notwendig, weil «der verfassungsmässige Anspruch auf Lohngleichheit auf dem freiwilligen Weg nicht erreicht wird», sagte Simonetta Sommaruga, Bundesrätin und Mutter der Vorlage. Die meisten Mitglieder der kleinen Kammer waren sich einig, dass etwas unternommen werden muss. Trotzdem wiesen sie die Vorlage zurück an die Kommission.

Die Firmen dürften nicht mit zusätzlicher Bürokratie belastet werden, sagten die Kritiker der Vorlage aus dem bürgerlichen Lager. Zudem stellten die FDP-Ständeräte Hans Wicki (NW) und Andrea Caroni (AR) infrage, dass der nicht erklärte Anteil der Lohndifferenz ausschliesslich auf eine Geschlechterdiskriminierung zurückzuführen ist – ein Argument, das immer wieder kommt.

Andrea Caroni, FDP-Ständerat, behauptet:

«Die Lohndifferenz, die wir nicht erklären können, ist nicht automatisch diskriminierend.»

Der Check:
Caroni bezieht sich bei seiner Aussage auf eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS). Für diese wurde ein allfälliger Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern anhand zahlreicher Kriterien untersucht, unter anderem: Alter, Geschlecht, Nationalität, Zivilstand, Ausbildung, Eintritt ins Unternehmen, Tätigkeitsbereich, Arbeitspensum und berufliche Stellung.

Das Resultat der Analyse: Frauen verdienen im Durchschnitt pro Monat rund 1400 Franken weniger als Männer. 58 Prozent des Lohnunterschiedes basieren auf erklärten Gründen beziehungsweise den genannten Kriterien. 42 Prozent der Differenz – oder 599 Franken monatlich – können aber nicht mit objektiven Faktoren erklärt werden.

Kritiker monieren, dass dieser ungeklärte Anteil der Lohndifferenz kleiner oder ganz verschwinden würde, wenn weitere Kriterien berücksichtigt würden – beispielsweise Führungserfahrung, Sprachkenntnisse, Weiterbildung sowie die effektive Erwerbserfahrung, inklusive Karriereunterbrüche. Weil das BFS diese Faktoren aber weggelassen habe, könne man nicht per se von Geschlechterdiskriminierung sprechen.

Eine vom Bundesrat in Auftrag gegebene Studie der Universität St. Gallen kam 2015 jedoch zum Schluss, dass ein erheblicher Teil der Lohnunterschiede ungeklärt bleibt, auch wenn mehr Faktoren berücksichtigt oder andere statistische Methoden angewendet werden als in der BFS-Analyse.

Der unerklärte Anteil der Lohndifferenz setzt sich laut der Studie sowohl aus weiteren in der Analyse nicht berücksichtigten Faktoren als auch aus Diskriminierung zusammen. Welches Gewicht diese beiden Aspekte einnehmen würden, könne nicht abgeschätzt werden. Das Ziel der BFS-Analyse sei es aber auch nicht gewesen, Lohndiskriminierungen nachzuweisen, sondern lediglich Lohnungleichheiten zu erklären. «Lohndiskriminierung ist eben nicht dasselbe wie der Lohnunterschied», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga denn auch bewusst während der Debatte im Ständerat.

Fazit:
Sommaruga unterscheidet zwischen Lohnungleichheit und Lohndiskriminierung, widerspricht sich also nicht in ihrer Argumentation. Unabhängig davon hat Caroni recht: Man kann den ungeklärten Anteil der Lohndifferenz nicht automatisch oder ausschliesslich als Diskriminierung bezeichnen. Laut der Studie kann nicht abgeschätzt werden, wie viel davon tatsächlich auf Diskriminierung zurückzuführen ist und wie viel auf Kriterien, die nicht berücksichtigt wurden.

Alle bisherigen Faktenchecks finden Sie in unserer Collection. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 16:10 Uhr

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