Die Bahnhöfe sind erst der Anfang

Erst kam das Rauchverbot in Büros, Restaurants und Clubs. Nun sind Bahnhöfe, Spielplätze und Gartenbeizen dran.

«Man muss ja nicht neben jemandem stehen, der raucht»: Die Meinungen zum Rauchverbot auf dem Perron des Bahnhofs Stadelhofen. Video: Lea Blum

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Vom Mann im Wartsaal, der seinen Stumpen raucht, sang Mani Matter einst in seinem «Lied vo de Bahnhöf». Setzen die SBB ihre Pläne für rauchfreie Stationen 2018 in die Tat um, klingt das Lied nochmals ein Stückchen älter.

Konkret planen die SBB ab Dezember eine einjährige Testphase in fünf Schweizer Bahnhöfen. Dies geht aus einem internen Papier des Unternehmens hervor, aus dem die «Basler Zeitung» und die «Neue Zürcher Zeitung» am Donnerstag zitierten. Demnach sollen drei verschiedene Nichtraucherregelungen getestet werden: ein komplett rauchfreier Bahnhof (Basel SBB, Nyon (VD) und Zürich Stadelhofen); Raucherzonen auf den Perrons (Bellinzona) sowie Raucherlounges in Zusammenarbeit mit Swiss Cigarette (Neuenburg).

Die SBB bestätigen, dass im Verlauf des Jahres 2018 an fünf bis sechs Standorten ein Praxistest durchgeführt werde. Entscheide über die genauen Standorte wie auch über die genaue Umsetzung seien derzeit aber noch nicht gefällt. Sollte es zur Realisierung der Pläne kommen, wäre dies eine weitere Zurückdrängung der Raucher aus dem öffentlichen Raum. Die Raucherabteile in den Zügen wurden bereits 2005 abgeschafft.

Wo beginnt ein Bahnhof?

Offen ist, wo das Rauchverbot an den Bahnhöfen genau anfangen würde und wie diese Grenzen markiert wären. Laut den SBB wurde auch dazu noch nichts entschieden. Viele Bahnhöfe haben einen Vorplatz, der den SBB gehört, sich optisch aber nicht vom öffentlichen Raum unterscheidet und auch als solcher wahrgenommen wird. Beim Zürcher Bahnhof Stadelhofen zum Beispiel reicht der SBB-Boden bis zu den Tramgleisen. Zahlreiche Passanten benutzen den Bahnhofsplatz als Trottoir.

Laut angefragten Juristen könnten die SBB das Verbot theoretisch auf ihren gesamten Grundstücken erlassen. Die Rauchgrenzen würden sich in diesem Fall mitten durch teils stark genutzte Plätze ziehen. Schon heute verbieten die SBB auf den Bahnhofarealen zahlreiche Tätigkeiten wie Betteln, das Abspielen von lauter Musik oder das Füttern von Tieren.

Unklar ist auch, wie sich ein Rauchverbot an Bahnhöfen auf die benachbarten Gebiete auswirken würde. Vorstellbar ist, dass viele Raucher ihre Zigaretten einfach wegschnipsen würden, bevor sie das Bahnhofsgebiet betreten. Dies könnte in den Grenzzonen zu mehr Abfall führen.

Interesse der Privatbahnen

Die Privatbahnen schauen derweilen gespannt in Richtung SBB. Die Südostbahn sieht derzeit noch keinen Handlungsbedarf, wird den Testversuch jedoch mit Interesse verfolgen. «Anschliessend werden wir je nach Ergebnis ebenfalls Massnahmen prüfen», sagt ein Sprecher. Ähnlich klingt es vonseiten der Rhätischen Bahn. «Vorerst halten wir am Status quo fest», sagt eine Mediensprecherin: Einzig die Warteräume bleiben also rauchfrei. Jedoch sei man mit den SBB im engen Kontakt und werde nach deren Testversuch Bilanz ziehen.

Der Bahnhof Zürich Stadelhofen soll testweise komplett rauchfrei werden. Foto: Samuel Schalch

Für die Lötschbergbahn (BLS) hingegen steht ein Rauchverbot derzeit nicht zur Diskussion: «Die BLS-Bahnhöfe sind verhältnismässig klein und die Perrons unter freiem Himmel. Unter diesen Voraussetzungen steht ein Rauchverbot an unseren Bahnhöfen derzeit nicht an», sagt eine Sprecherin des Unternehmens.

Unterstützung erhalten die SBB vom Fahrgastverband Pro Bahn, der sich ebenfalls mit der Thematik beschäftigt hat. Man begrüsse die Testphase, erklärt die Präsidentin von Pro Bahn Schweiz, Karin Blättler: «Raucher sollen auch einen Beitrag an die Gesellschaft leisten.» Doch seien sie auch Bahnkunden. Deshalb spreche sich die Pro Bahn für die Einführung einzelner Raucherzonen aus. «Ein grundsätzliches Rauchverbot lehnen wir ab», sagt Blättler.

In Europa schon lange verboten

Im europäischen Vergleich sind die derzeit geltenden Raucherregelungen an den SBB-Bahnhöfen sehr liberal. So herrscht in Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und Spanien auf den Bahnhöfen ein komplettes Rauchverbot. Derweilen darf in Deutschland, Norwegen und Österreich nur in markierten Bereichen auf den Perrons geraucht werden. Im Wiener Hauptbahnhof gilt seit Anfang September ein komplettes Rauchverbot. «Grundsätzlich hat sich das Verbot bewährt», sagt ein Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). So sei einerseits im Bahnhofs­inneren die Luftqualität besser, andererseits lägen auf den Bahnsteigen nicht mehr so viele Zigarettenstummel herum. Kontrollen führen die ÖBB selber nicht durch. In den Bahnhöfen seien aber viele Sicherheitsmitarbeiter präsent. Rauche jemand ausserhalb der Raucherzonen, würde er auf das Rauchverbot aufmerksam gemacht.

Beschwerden hätten die ÖBB kaum erhalten: «Bei der Einführung war die ­mediale Berichterstattung sehr breit. Doch bei den Kunden blieb die grosse Aufregung aus», sagt der Sprecher.

Ausweitung der Verbote

Neben den Bahnhöfen werden in der Schweiz zunehmend auch Kinderspielplätze rauchfrei. Einzelne Gemeinden wie die Stadt Chur haben bereits vor Jahren entsprechende Verbote erlassen. Wie die «Zentralschweiz am Sonntag» berichtet, geht nun der Aargau in die Offensive. So hat eine Kantonsvertreterin gestern an einer Tabakpräventionstagung in Bern Pläne für suchtmittelfreie Spielplätze vorgestellt. Demnach soll bis 2019 auf sechs öffentlichen und privaten Spielplätzen ein Alkohol- und Tabakverbot gelten. Reinach hat bereits einen solchen Spielplatz, Meisterschwanden folgt im Sommer.

Markierungen und Schilder weisen auf das Verbot hin, Verstösse werden indes nicht geahndet. Ziel ist, dass im Aargau möglichst alle öffentlichen Kinderspielplätze rauch- und alkoholfrei werden. Noch weiter gehen will das Tessin, das bereits 2007 als erster Kanton das Rauchen in öffentlich zugänglichen Räumen untersagte. Wie die NZZ berichtet, hat eine CVP-Grossrätin entsprechende Vorstösse eingereicht. So soll das Rauchen auf Spielplätzen, an Tram- und Busstationen sowie an Eingängen von öffentlichen Gebäuden verboten werden. Zudem sollen in Gartenrestaurants und auf Terrassen von Gasthäusern Raucher und Nichtraucher künftig getrennt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 21:18 Uhr

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