Lasst die Velos läuten

Das Verschwinden der Veloglocken wäre ein Kulturverlust.

Ist ihr Ton zu laut, zu aggressiv? Foto: Flickr/ Marco Monetti

Ist ihr Ton zu laut, zu aggressiv? Foto: Flickr/ Marco Monetti

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Jeder Velofahrer kennt den Konflikt: Ein Fussgänger schreibt gerade eine besonders wichtige SMS. Auto ist keines zu hören, also tritt er auf die Strasse – ohne auf das lautlose Velo zu achten. Velofahrer – was nun? Ausweichen? Dafür ist es zu spät. Ein scharfer Glockenton lässt den achtlosen Passanten zurückspringen. Das ging gerade noch gut.

Was aber, wenn die Glocke fehlt? Obligatorisch ist sie nicht mehr, das hat der Bundesrat im Januar beschlossen. Wer keine Glocke habe, könne rufen, meint das Bundesamt für Strassen. Aber ein Ruf könnte von einem anderen Fussgänger, von einem Autofahrer aus dem offenen Fenster kommen. Nur die Glocke ist eindeutig – Velo. Ist ihr Ton zu laut, zu aggressiv? Manchmal ja, manchmal klingeln sich Velofahrer den Weg frei, wo sie nicht sollten. Schlimm. Aber ein energisches «Weg da!» macht es nicht besser. Ausserdem ist das Repertoire einer guten Veloglocke viel grösser als einer Autohupe. Sie kann böse, aber sie kann auch freundschaftlich heiter klingen. Ein fröhlicher Glockenton zum Gruss, ein sentimentaler zum Abschied.

Wer ein Geräusch erzeugt, sagt anderen: Hier bin ich, nehmt mich wahr, nehmt Rücksicht!

Niemand wird gezwungen, die Glocke vom Velo zu entfernen. Aber Velobauer und -händler werden bald auf die Glocke als Standardeinrichtung verzichten. Und Velokäufer wohl auch.

Velos ohne Glocke bedeuten aber nicht nur mehr Gefahr im Verkehr. Sie sind ein Kulturverlust. Das Rauschen der Autoreifen, das Quietschen der Trams, das Pochen der Presslufthämmer, das Plappern der Fussgänger – alles gehört zur akustischen Identität einer Stadt. Wer ein Geräusch erzeugt (es muss ja nicht immer Lärm sein), sagt anderen: Hier bin ich, nehmt mich wahr, nehmt Rücksicht! Velofahrer sind Teil des öffentlichen Raums, das müssen sie anderen Verkehrsteilnehmern immer wieder durch munteres Klingeln in Erinnerung rufen. In Zürich sollten Veloglocken viel öfter läuten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 20:00 Uhr

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