«Kneifen ist Gift für die Betroffenen»

Verdingkinder und Opfer der Zwangsmassnahmen in Notlagen werden finanzielle Soforthilfe erhalten. Der Präsident des Vereins Netzwerk Verdingt befürchtet, dass das Geld längst nicht für alle Betroffenen reicht.

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Felix Schindler@f_schindler

In der Schweiz leben heute noch Tausende, die in ihrer Kindheit verdingt, administrativ versorgt, zwangssterilisiert oder zwangsadoptiert wurden. Wer in seiner persönlichen Integrität durch eine fürsorgerische Zwangsmassnahme verletzt worden ist und sich heute in einer finanziellen Notlage befindet, kann ab Juni beim Bund um Soforthilfe ersuchen. Ein entsprechender Fonds ist gestern Montag offiziell geschaffen worden. Ein Ausschuss, dem Betroffene und Fachleute angehören, prüft die Gesuche. Ab September sollen die ersten Auszahlungen erfolgen. Walter Zwahlen, Präsident des Vereins Netzwerk Verdingt erklärt, was er vom Soforthilfefonds hält.

Ab Juni können Opfer von Zwangsmassnahmen um einen Beitrag des neu geschaffenen Soforthilfefonds ersuchen. Wer wird das Angebot in Anspruch nehmen?
Man weiss, dass nur 37 Prozent der Verdingkinder eine Berufslehre machen konnten. Viele haben Gewalt erlitten, sind missbraucht worden und hatten ihr Leben lang eine schlecht bezahlte Stelle. Heute haben sie körperliche wie psychische Schäden und eine unzureichende Altersvorsorge. Es gibt Leute, die können sich auswärts nicht mal eine Tasse Kaffee leisten. Für sie ist es enorm wichtig, mit einem Beitrag des Soforthilfefonds unterstützt zu werden.

Vorgesehen sind Beiträge zwischen 4000 und 12'000 Franken. Ist das nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?
Langfristig ist es zu wenig, das ist klar. Derzeit ist eine Initiative hängig, die Opfer von Zwangsmassnahmen im Sinne einer Wiedergutmachung entschädigen soll. Die Beiträge aus den Soforthilfefonds sind dazu geeignet, um jemanden schnell zu unterstützen, der in sehr schlechten Verhältnissen lebt. Ausserdem sind viele Opfer inzwischen betagt und brauchen jetzt Hilfe. Sie können nicht länger auf Wiedergutmachung warten.

Wie wichtig ist die Schaffung des Soforthilfefonds für Opfer von Zwangsmassnahmen für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Geschichte?
Es ist ein richtiger, erster Schritt. Aber es zeigt sich, dass etwa der Bauernverband oder Kantone wie Genf ausscheren und sich nicht daran beteiligen wollen. Sie behaupten, keine Kinder verdingt zu haben, was natürlich nicht stimmt. Kneifen ist Gift für die Betroffenen.

Die Beteiligten rechnen damit, dass ein Betrag von 7 bis 8 Millionen zur Verfügung stehen wird. Das wäre genug, um zirka 1000 Betroffene zu unterstützen. Reicht das?
Bisher sind nicht einmal 5 Millionen im Fonds. Ob wirklich 8 Millionen zusammenkommen, muss sich erst noch zeigen. Und ob diese reichen werden, ist ebenfalls völlig unklar. In der Schweiz wird jede Kuh und jedes Schaf statistisch erfasst, aber kein einziges fremdplatziertes Kind. Es gibt nur Schätzungen über die Zahl der Verdingkinder und weiteren Betroffenen von Zwangsmassnahmen. Als Grössenordnung: Ich weiss inzwischen von 530 unterschiedlichen Heimen, in denen Kinder und Jugendliche untergebracht wurden. Die Erfahrungen aus dem Ausland deuten darauf hin, dass die Schweiz mit viel zu tiefen Zahlen rechnet. In Deutschland musste der Betrag verdreifacht werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn mehr als 20'000 Menschen um einen Beitrag ersuchen. Wenn dann die meisten leer ausgehen, wäre das eine Ohrfeige für die Betroffenen.

DerBund.ch/Newsnet

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