Kita-Plätze für alle zu gleichen Preisen

Die Offensive der Arbeitgeber ist begrüssenswert. Aber es braucht mehr als Anregungen.

Der Bund muss die Kinderbetreuung im ganzen Land zu günstigen Preisen gewährleisten. Foto: Christian Charisius (Keystone/dpa)

Der Bund muss die Kinderbetreuung im ganzen Land zu günstigen Preisen gewährleisten. Foto: Christian Charisius (Keystone/dpa)

Claudia Blumer@claudia_blumer

Was Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt verlangt, ist brisant: Mütter sollen mehr arbeiten, Pensen unter 60 Prozent würden keinen Sinn machen, bei Führungsaufgaben setze er die Grenze gar bei 80 Prozent. «Ein Kunde muss weiterbetreut werden, ein Projekt läuft weiter, auch wenn die Mitarbeiterin nicht da ist», sagt der Chef des Winterthurer Industriebetriebs Burckhardt Compression. Noch vor 20 Jahren war Teilzeitarbeit fortschrittlich, doch dann erwies sie sich für Mütter als Falle: weniger Lohn, weniger Aufstiegsmöglichkeiten,Armutsrisiko im Fall einer Trennung.

Valentin Vogt hat recht, wenn er sagt, Mütter müssten mehr arbeiten. Viele sind gut qualifiziert, sie sollten ihre Fähigkeiten nutzen. Und es wird bald notwendig, denn wegen der Pensionierung der Babyboomer wird die Nachfrage nach Arbeitskräften in den nächsten Jahren steigen. Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss insbesondere ein gesellschaftliches Anliegen sein: Väter und Mütter, die beides leben, sind ausgeglichener und motivierter. Wenn einer nur zu Hause sitzt und der andere beruflich immer unterwegs ist, befriedigt das niemanden, und die Gefahr ist gross, dass sie sich auseinanderleben.

Es muss schneller gehen

Das Bundesgericht hat kürzlich entschieden, dass Mütter mindestens 50 Prozent arbeiten sollen, sobald das jüngste Kind vier Jahre alt ist. Das gilt zwar nur für getrennt lebende Eltern, die sich uneinig sind. Aber es ist ein gewaltiger Schritt mit einer potenziell grossen Auswirkung auf alle Paare. Denn mit diesem Urteil sinkt der Anreiz für Mütter, die Familie als Lebensversicherung zu betrachten, die sie bis zur Pensionierung zum Bezug von Alimenten berechtigt. Nur, manche konnten sich über das Urteil nicht richtig freuen. Denn wenn sich Politik und Wirtschaft nicht bewegen, steigt damit einfach der Druck auf die Mütter. Sie werden diejenigen sein, die abends vom Büro in die Krippe hetzen, weil ihr Mann an seinem Arbeitsplatz unentbehrlich ist, weil seine Funktion wichtiger und der Lohn höher ist.

Nun macht also der Arbeitgeberverband einen weiteren Schritt. Er trifft sich mit der Politik und fordert die Kantone und Gemeinden auf, gute Betreuungsplätze zu schaffen. Wir sollten jedoch nicht warten, bis die Kantone den Wettbewerb um den besten Familien-Standort entdeckt haben. Das dauert zu lange. Der Bund muss die Kinderbetreuung im ganzen Land zu günstigen Preisen gewährleisten. Nicht mit Impulsprogrammen, sondern mit günstigen Betreuungsplätzen zu gleichen Preisen für alle Eltern. Das spart Bürokratie und fördert die soziale Durchmischung.

Die Firmen werden ihren Beitrag automatisch leisten. Diejenigen, die flexibel auf die Bedürfnisse von Eltern reagieren, werden attraktivere Arbeitgeber sein und einen Vorteil haben. Hier braucht es keine neuen Regeln. Aber bei der Kinderbetreuung schon. Ohne entschiedenes Handeln der Politik geschieht gar nichts.

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