Kinderspitäler sind am Anschlag

Die drei spezialisierten Kinderspitäler der Schweiz schreiben in der ambulanten Medizin tiefrote Zahlen.

Die Spezialisierung auf schwere Erkrankungen bei Kindern bringt die Spitäler in finanzielle Schwierigkeiten. Bild: Simon Ingate (iStockphoto)

Die Spezialisierung auf schwere Erkrankungen bei Kindern bringt die Spitäler in finanzielle Schwierigkeiten. Bild: Simon Ingate (iStockphoto)

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In Zürich, Basel und St. Gallen befinden sich die Kinderspitäler nicht unter dem Dach eines Universitäts- oder Zentrumsspitals für Erwachsenenmedizin. Es sind eigenständige Spitäler mit einem hohen Spezialisierungsgrad. Jedes dritte dort behandelte Kind leidet unter einer seltenen Krankheit. Die Spezialisierung auf schwere Erkrankungen bei Kindern bringt die Spitäler jedoch immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten. Die Betreuung dieser Kinder beanspruche viel Zeit, werde aber über die Tarife ungenügend abgegolten, kritisieren die Kinderspitäler. Zudem behandelten sie meist komplexe Fälle. So finden im Unterschied zu Spitälern mit Erwachsenen- und Kindermedizin in den Kinderspitälern keine Geburten gesunder Kinder statt.

Weil aber schwere Fälle insgesamt selten seien, würden die 2012 eingeführten Fallpauschalen den Kosten der Kinderspitäler nicht gerecht, beklagt deren Allianz All-Kids. Diese verweist dazu auf eine entsprechende Studie von 2017 von Swiss-DRG, der für die Tarifstruktur zuständigen Institution.

7 Millionen Verlust in Zürich 

Verschärft wird die finanzielle­Situation durch den bundesrätlichen Eingriff in den ambulanten Arzttarif Tarmed auf 2018. So wurde unter anderem die Dauer des Patientengesprächs auf 20 Minuten begrenzt, Ausnahmen wurden nur für Kinder unter 6 Jahren gemacht. In den Kinderspitälern dauerten jedoch 88 Prozent der Gespräche mit den Kindern und Eltern länger als 20 Minuten, sagt Manfred Manser, Präsident des Universitätskinderspitals beider ­Basel. Bei zwei von fünf Kindern seien gar mehr als 30 Minuten nötig.

Das Defizit der drei Kinderspitäler zusammen dürfte im ambulanten Bereich wegen des ­Tarifeingriffs von 21 Millionen Franken auf über 30 Millionen ansteigen, warnt Manser. Die Kosten seien nur noch zu 65 bis 70 Prozent gedeckt. Allein dem Kinderspital Basel fehlten dieses Jahr zusätzlich 4,5 Millionen. Das Kinderspital Zürich rechnet bei den ambulanten Behandlungen mit einem Verlust von 7 Millionen Franken, 2 Millionen mehr als 2017. Bisher übernahm der Kanton dieses Defizit. Doch die Zürcher Gesundheitsdirektion plant, diese Beiträge in den nächsten Jahren abzuschaffen. Zudem weist das Spital ungedeckte Kosten für ärztliche Weiterbildung von 2,5 Millionen aus. Zwar verfügt das Kinderspital über ein ansehnliches Stiftungsvermögen und erzielt im stationären Bereich dank privat versicherter Kinder und ausländischer Selbstzahler einen Gewinn. Auf Dauer lasse sich damit aber ein Defizit von gegen 10 Millionen nicht auffangen, sagt Spital-Finanzdirektor Michael Meier.

Ungenügende Rechtsgrundlage

Obwohl in den drei Kinderspitälern 95 Prozent der Patienten oder rund 300'000 Kinder ambulant behandelt werden, generieren sie daraus nur 30 Prozent ihrer Einnahmen. Der Rest stammt von den 18'000 stationären Patienten, darunter viele Kinder mit Geburtsgebrechen. Allerdings erhielten die Kinderspitäler auch im stationären Bereich von der Invalidenversicherung und den Krankenversicherern keine kostendeckenden Vergütungen, sagt Manser. Dies liege unter anderem an der ungenügenden Rechtsgrundlage für die Abgeltungen der IV. Zwar hat der Bundesrat mit der laufenden IV-Revision Besserung in Aussicht gestellt. Manser befürchtet indes mit dem bundesrätlichen Vorschlag eine zusätzliche Verschiebung der Finanzierung von IV-Leistungen auf die Spitäler und die Kantone. Laut Manser dürfte es zunehmend schwierig werden, die Kantone für die steigenden Spitaldefizite zur Kasse zu bitten.

Wegen der schwierigen Lage der Kinder- und Jugendmedizin wurde im Mai eine Gesprächsdelegation der Kinderspitäler beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) vorstellig. Laut Manser zeigte das BAG zumindest Verständnis und Bereitschaft, im August bei Vorliegen der Halbjahreszahlen über Korrekturen zu beraten.

Grosse Defizite auch in Bern

Agnes Genewein, Geschäftsführerin der Kinderspitälerallianz All-Kids, befürchtet, dass die ­Spitäler ihren hohen Qualitätsstandard auf Dauer nicht halten können. Unter einem Qualitätsverlust würden am Schluss die Kinder leiden, warnt sie in einem Beitrag in der «Ärztezeitung».

Zu kämpfen haben aber auch Kinderkliniken, die wie in Bern dem Universitätsspital angegliedert sind. Die Kinderkliniken der Insel-Gruppe machten 2017 im ambulanten Bereich einen Verlust von 13 Millionen Franken. Der Tarifeingriff des Bundesrats dürfte das Minus dieses Jahr um 1 Million vergrössern. Das Defizit der Kinderkliniken geht zulasten der ganzen Spitalgruppe. 

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2018, 22:15 Uhr

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