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Kinderkriegen ist Privatsache

Ob sich eine Frau in den ersten zwölf Wochen aus Not, wegen ihrer Karriere oder wegen des Geschlechts für eine Abtreibung entscheidet, geht den Staat nichts an.

Mädchen oder Junge? Bis vor wenigen Jahren wusste das in den ersten Schwangerschaftswochen nicht einmal der Gynäkologe. Heute lässt sich das Geschlecht eines ungeborenen Kindes mittels Bluttest schon im ersten Trimester ermitteln. Schätzungsweise 100 werdende Eltern nutzen dieses Wissen in der Schweiz pro Jahr, um Embryos mit einem unerwünschten Geschlecht im Rahmen der Fristenregelung in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen legal abzutreiben.

Der Bundesrat will das verhindern. Ärzte sollen den Schwangeren das Geschlecht ihres Nachwuchses in den ersten zwölf Wochen nicht mehr verraten dürfen. Die vorberatende Kommission des Nationalrats unterstützt dieses Verbot, wie sie am Freitag bekannt gab. Das Parlament wird die Vorlage im Frühling beraten.

Die Schweiz wäre mit dem Gesetzesartikel nicht ­allein. Deutschland und Norwegen kennen vergleichbare Regeln. Das Anliegen ist verständlich: Pränatale Tests sollen nicht zur Geschlechterselektion missbraucht werden. «Family Balancing», wie diese Art von Familiendesign in den USA heisst, darf kein Trend werden.

Eine Migrantin wird deswegen nicht weniger von ihrer Familie unter Druck gesetzt, den erhofften Knaben zu gebären.

Mit einer Schweigepflicht für die Gynäkologen lässt sich das Problem dennoch nicht lösen. Eine Migrantin wird deswegen nicht weniger von ihrer Familie unter Druck gesetzt, den erhofften Knaben zu gebären. Einem Bub, der während seiner Kindheit spürt, dass die Eltern lieber ein Mädchen gehabt hätten, ist damit nicht ge­holfen. Statt den Ärzten ein Redeverbot zu erteilen, sollte man sie deshalb vielmehr zum Reden ermuntern: Ob Mädchen oder Knabe ? in der Schweiz ­haben beide gleiche Chancen. Mädchen sitzen den Eltern nicht stets brav auf dem Schoss. Nicht alle Jungs rasen durch die Gegend. Das Geschlecht ist für die allermeisten Eltern in der Schweiz sowieso nebensächlich. Die wenigen Ausnahmen betreffen überwiegend Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zugewandert sind.

Mit Einzelfällen lässt sich ein solcher Eingriff ins Selbstbestimmungsrecht der Frau nicht rechtfertigen. Ob sich eine Frau in den ersten zwölf Wochen aus finanzieller Not, wegen ihrer Karriere oder wegen des Geschlechts für eine Abtreibung entscheidet, geht den Staat nichts an. Kinderkriegen ist Privatsache.

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