Kehrt Levrat Bern den Rücken?

Die Linke im Kanton Freiburg sucht dringend einen Kandidaten für die Kantonsregierung. SP-Chef Christian Levrat wäre ein sicherer Wert. Doch der 47-Jährige schweigt.

In der Westschweiz wird er bereits als Favorit gehandelt: Christian Levrat, SP-Präsident und Ständerat. Foto: Reto Oeschger

In der Westschweiz wird er bereits als Favorit gehandelt: Christian Levrat, SP-Präsident und Ständerat. Foto: Reto Oeschger

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Die Machtverhältnisse im Kanton Freiburg werden gerade tüchtig durcheinandergewirbelt. Mittendrin: SP-Parteipräsident und Ständerat Christian Levrat.

Überraschend trat diesen Mittwoch die grüne Staatsrätin Marie Garnier zurück. Zu gross war der öffentliche Druck geworden, weil die Staatsrätin vertrauliche Dokumente an die Medien weitergegeben hatte. Nun fragt sich der Kanton Freiburg, wer bei der Ersatzwahl im März 2018 Garniers Mandat in der Kantonsregierung beanspruchen wird. Da die Linke diesen dritten Sitz in der siebenköpfigen Exekutive erst 2011 erringen konnte, zeichnet sich eine Kampfwahl zwischen links und rechts ab. Wollen SP und Grüne ihren Einfluss verteidigen, so sind sie auf eine profilierte und populäre Persönlichkeit angewiesen – eine Persönlichkeit wie Ständerat und SP-Präsident Christian Levrat.

Gute Chancen, aber keine Frau

Westschweizer Medien sehen den 47-Jährigen bereits in der Favoritenposition. Sie attestieren Levrat, dass er sich auch gegen eine starke Kandidatur der Bürgerlichen durchsetzen könnte. Dies, obwohl Levrat das Wunschprofil nicht erfülle, da er weder eine Frau sei noch aus dem nördlichen Kantonsteil komme, wie «La Liberté» gestern kommentierte.

Doch will Levrat, der die SP Schweiz seit bald zehn Jahren anführt, überhaupt antreten? Und kann er seiner Partei einen so gewichtigen Personalwechsel gut anderthalb Jahre vor den nächsten nationalen Wahlen zumuten?

Gefragt nach seinen Ambitionen, hielt sich Christian Levrat gestern den ganzen Tag bedeckt. SP-Sprecher Michael Sorg erklärte, der Parteipräsident habe sich in Sitzungen befunden. SP-Schwergewichte wie Fraktionspräsident Roger Nordmann und Jean-François Steiert, Staatsrat im Kanton Freiburg, wollten sich auf Anfrage nicht zu einer allfälligen Kandidatur Levrats äussern. Die Reaktionen anderer Sozialdemokraten legen aber die Vermutung nahe, dass Levrat eine Kandidatur noch nicht ausgeschlossen hat.

Klar ist, dass ihm die freiburgische Kantonalpartei den roten Teppich ausrollen würde, sollte Levrat sich entscheiden, für den Staatsrat anzutreten. Benoit Piller, Präsident der SP Freiburg, sagt, Levrat leiste in Bern als Parteipräsident «hervorragende Arbeit» und sei «der leistungsfähigste Politiker der Schweiz». Nach dem Rücktritt Garniers stehe man aber erst am Anfang der Wahlkampagne und müsse sich nun mit «allen Eventualitäten» beschäftigen. Er habe bislang keine offiziellen Diskussionen über eine Kandidatur Levrats geführt. Levrat sei aber Teil seiner Strategiepläne für die Ersatzwahl von Marie Garnier. Piller werde den SP-Ständerat nun anfragen.

Ausschlaggebend dürften allerdings nicht nur regionale Erwägungen sein. Für die SP Schweiz käme ein Personalwechsel an der Parteispitze zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Vorbereitungen für die eidgenössischen Wahlen 2019 sind in den Parteizentralen bereits angelaufen. Zudem ist fraglich, ob die Nachfolge von Christian Levrat an der Parteispitze ausreichend «Eingewöhnungszeit» bis zur heissen Wahlkampfphase hätte.

Eine Schwächung im Stöckli?

Berücksichtigen muss die SP auch, dass sie eine Nachfolge für Levrats Sitz im Ständerat bereithalten müsste. Zwar sind Doppelmandate im Kanton Freiburg für Regierungsmitglieder erlaubt. Doch würde ein längeres Doppelspiel Levrats von der Wählerschaft kaum goutiert. Da die SP ihre Macht im Bundeshaus zuletzt insbesondere auf ihre starke Deputation im Stöckli stützte, dürfte sie den Verlust von Levrats Mandat nur ungern riskieren.

Noch kniffliger wird die Ausgangslage dadurch, dass die Grünen ihren Sitz nicht kampflos der SP überlassen wollen. Gestern kündigte der Präsident der Grünen Freiburg an, dass die Partei eine Kandidatur präsentieren werde. Die 46-jährige Sylvie Bonvin-Sansonnens hat ihr Interesse bereits angemeldet. Sie ist Präsidentin der Mitte-links-grün-Fraktion im freiburgischen Grossen Rat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2017, 23:46 Uhr

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