Kantonsgelder für ambulante OPs

Grösster Kostentreiber bei den Krankenkassenprämien sind die Eingriffe ohne Spitalaufenthalt. Nun signalisieren die Kantone Bereitschaft, für ambulante Spitalbehandlungen mitzuzahlen.

Gesundheitsminister Alain Berset (rechts) und BAG-Direktor Pascal Strupler gestern an der Medienkonferenz zum Prämienanstieg in Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Gesundheitsminister Alain Berset (rechts) und BAG-Direktor Pascal Strupler gestern an der Medienkonferenz zum Prämienanstieg in Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Das Positive zuerst: Mit 4 Prozent liegt die Prämienerhöhung für 2018 leicht unter dem langjährigen Schnitt. Seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes von 1996 betrug die durchschnittliche Prämienerhöhung 4,6 Prozent. Für die einzelnen Versicherten ist dies jedoch ein schwacher Trost. Denn der vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) errechnete Prämienanstieg umfasst nur die Standardversicherung für Erwachsene mit 300 Franken Franchise.

Über 60 Prozent der Versicherten sind heute jedoch einem alternativen Modell angeschlossen, für welche der Anstieg oft höher ausfällt. Die effektive Prämienerhöhung beträgt deshalb im Schnitt 4,9 Prozent, wie der Internetvergleichsdienst Comparis ausgerechnet hat. Den höchsten Aufschlag bei einer einzelnen Kasse müssen Versicherte in St. Gallen hinnehmen: Dort schlägt das Hausarztmodell der Kasse Avenir bei einer Franchise von 2500 Franken um satte 21,9 Prozent auf. Gesamtschweizerisch sind laut Comparis 30'000 Versicherte von einem Aufschlag von rund 20 Prozent betroffen.

Grund für die Prämienerhöhung sind in erster Linie die steigenden Gesundheitskosten. 2016 musste die Grundversicherung 3,8 Prozent mehr für medizinische Behandlungen vergüten als im Vorjahr. Der grösste Kostentreiber ist mit einer Zunahme um 8 Prozent der ambulante Spitalbereich. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Praxis der Kantone, die aus Kostengründen eine Verlagerung in den ambulanten Bereich anstreben. So haben die Kantone Zürich, Luzern und Zug operative Eingriffe aufgelistet, die in der Regel ambulant durchgeführt werden müssen. Bis Ende Jahr will auch das BAG eine solche Liste erlassen, an die sich dann alle Kantone halten wollen. Wird ein Eingriff ambulant durchgeführt, geht er voll zulasten der Krankenkasse. Übernachtet der Patient im Spital, muss der Kanton 55 Prozent der Kosten übernehmen. Allerdings kostet der stationäre Eingriff insgesamt meist mehr als der ambulante.

«Ein positives Zeichen»

Die Kassen verfolgen diese Verlagerung in den ambulanten Bereich mit Sorge. Sie fordern deshalb eine einheitliche ­Finanzierung für ambulante und stationäre Behandlungen. Die Kantone sollen auch mitzahlen, wenn der Patient am Abend wieder nach Hause geht. Bisher lehnten es die Kantone jedoch ab, auch den ambulanten Bereich mitzufinanzieren. Doch weil nun alle Kantone bestimmte Eingriffe nur noch ambulant zulassen wollen, signalisieren sie Gesprächsbereitschaft. «Die Kantone sind bereit, über eine finanzielle Beteiligung zu diskutieren», sagt Michael Jordi, Generalsekretär der Konferenz kantonaler Gesundheitsdirektoren (GDK). Voraussetzung sei, dass die Kassen mit den Ärzten und Spitälern Pauschaltarife für die betreffenden Behandlungen vereinbarten. Zu den aufgelisteten Eingriffen gehören etwa die Kniearthroskopie oder die Entfernung von Krampfadern. Die Gesundheitsdirektoren werden sich voraussichtlich im November mit dem Thema befassen.

Der Kassenverband Santésuisse findet das Angebot der Kantone prüfenswert. «Dies ist ein positives Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung», sagt Santésuisse-Direktorin Verena Nold. Santésuisse hat mit den Chirurgen bereits für mehrere Eingriffe Pauschalen ausgehandelt, und weitere sollen folgen.

Der zweite Kassenverband, Curafutura, will hingegen keine isolierte Lösung für ambulante Spitaleingriffe. Dies löse das Problem der finanziellen Fehlanreize zwischen ambulant und stationär nicht, sagt Curafutura-Direktor Pius Zängerle. Nötig sei eine einheitliche Kantonsbeteiligung für den ganzen ambulanten und stationären Bereich. Würden die 8 Milliarden, die die Kantone jährlich an stationäre Behandlungen zahlen, auch auf den ambulanten Bereich verteilt, bezahlten die Kantone rund 25 Prozent der gesamten Behandlungskosten. Auch die Ärzteverbindung FMH will eine einheitliche Finanzierung für den stationären und den ambulanten Bereich. Eine isolierte Beteiligung der Kantone an einigen ambulanten Spitaleingriffen verkompliziere die Sache nur.

Ärzte fanden Schlupflöcher

Keine Freude hat die FMH auch am Tarifeingriff, den der Bundesrat auf nächstes Jahr vornimmt. Insgesamt will Berset damit die Behandlungskosten um 470 Millionen Franken drücken. Gegen den Willen der Krankenversicherer hat das BAG diese Tarifkürzungen bereits bei den Prämien 2018 einberechnet. Laut BAG-Direktor Pascal Strupler wäre der durchschnittliche Prämienanstieg um rund 1 Prozentpunkt höher ausgefallen, hätten die Kassen die Tarifkürzungen nicht berücksichtigt.

Die Versicherer befürchten allerdings, dass die Ärzte die Tarifkürzungen andernorts kompensieren, wie sie dies bereits beim letzten bundesrätlichen Tarifeingriff von 2014 taten. Unter anderem stellten die Kassen fest, dass die Ärzte in der Folge häufiger Leistungen in Abwesenheit des Patienten verrechneten. Falls die Ärzte auch diesmal Kompensationsmöglichkeiten finden und die erhofften Einsparungen nicht realisiert werden, müssen die Kassen im nächsten Jahr entsprechend mehr aufschlagen. Offenbar wurde aber für 2018 noch nicht der ganze angestrebte Spareffekt einberechnet. «Wir sind froh, dass der Prämienanstieg nicht unter 4 Prozent gedrückt wurde», sagt Santésuisse-Direk­torin Nold.

Gesundheitsminister Alain Berset appellierte gestern an alle Akteure im Gesundheitswesen, das Kostenwachstum zu kontrollieren. «Wir werden die Anstrengungen gegen das Kostenwachstum verstärken – dort, wo wir können», sagte Berset. Einen kostendämpfenden Effekt erhofft sich der Bundesrat auch von den neuen Zulassungsregeln für Ärzte. Konkret will er den Kantonen weiterhin ermöglichen, die Zahl der Arztpraxen zu begrenzen. Statt am Bund wird es aber an den Kantonen liegen, Höchstzahlen pro Fachgebiet festzulegen. Die Kantone ist freigestellt, ob sie den Zulassungsstopp nutzen. So wendet der Kanton Zürich, anders als etwa Bern, die Zulassungsbeschränkung nicht an. Dennoch demonstrierten gestern die Zürcher Ärzte auf dem Bundesplatz gegen die definitive Einführung des Zulassungsstopps. Sie warnten Parlamentarier davor, dass es zu Ärztemangel und damit zu Wartezeiten für Patienten komme.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2017, 23:26 Uhr

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