«Kampagnen gegen ‹fremde Richter› wären etwas arg plump»

Warum Christoph Blocher sehr wohl ein politisches Interesse mit der Übernahme diverser Lokalzeitungen verfolgt, sagt Publizistikprofessor Otfried Jarren.

Christoph Blocher liest eine Zeitung während einer Nationalratssession. (Archiv)

Christoph Blocher liest eine Zeitung während einer Nationalratssession. (Archiv)

(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

Erstaunt Sie die Meldung von der Übernahme der Zehnder-Medien durch die «Basler Zeitung»?
Der Kauf von Printmedien ist sicher ein Wagnis.

Der Ostschweizer Verlag gilt als «König der Gratiszeitungen». Wird dieser Ausdruck dem Unternehmen gerecht?
Ich weiss nicht, ob man in dem Gewerbe von einem «König» sprechen kann. Es handelt sich aber sicher um ein Haus, das im Bereich der kostenlos verbreiteten Wochenzeitungen über ein recht grosses Know-how verfügt.

Hat sich das Geschäft mit kostenlosen Wochenzeitungen in den letzten Jahren besser entwickelt als jenes der grossen Tageszeitungen?
Strukturell haben Lokalblätter ähnliche Probleme wie die überregionalen Tageszeitungen. Auch im Lokalen ist vieles ins Netz abgewandert. Wir sehen europaweit aber, dass der Anteil der Werbung in gedruckter Form im Lokalbereich nach wie vor erheblich ist. Dies hat damit zu tun, dass die lokalen Märkte nah an den Menschen sind, überschaubar sind und sehr gezielt bearbeitet werden können – so mit Aktionen und Präsenz bei Veranstaltungen.

Bereits 2015 gab Zehnder den Zeitungsdruck auf. Die Wochenzeitungen des Verlags werden nun von Tamedia gedruckt, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt. Ist die Zeit der kleinen Zeitungsverlage definitiv vorbei?
Die Fixkosten einer Druckerei und nötige Neuinvestitionen sind für kleine Medienunternehmen kaum mehr zu stemmen. Daneben ist das Geschäft mit gedruckten Zeitungen mit hohen Transport- und Verteilungskosten auch bei externem Druck schwierig zu tragen.

Die Basler Zeitung Holding zeigt sich überzeugt, dass Zeitungen mit Fokus auf das lokale Geschehen und Schaffen auch in Zukunft einem Bedürfnis entsprechen würden. Sehen Sie das auch so?
Es gibt ganz klar ein stabiles Interesse an lokalen Ereignissen, das zeigen viele Studien. Ältere sind mehr am Lokalen interessiert als Jüngere. Allerdings verändert sich durch die steigende Mobilität die Vorstellung davon, was als lokal angesehen wird. Und es wird schwieriger werden, Inserate zu verkaufen.

Den Zehnder-Medien gehören diverse Wochenzeitungen, die kostenlos verteilt werden. Dazu gehören etwa die «Wiler Nachrichten», die «Luzerner Rundschau» und die «Winterthurer Zeitung». Was lässt sich in Kombination mit der «Basler Zeitung» daraus machen?
Ich bin nicht sicher, ob es sinnvoll wäre, die Wochenzeitungen in der Ostschweiz mit Artikeln der «Basler Zeitung» zu füllen. Die Zeitungen erscheinen immerhin in wichtigen Städten der Schweiz wie Wil. Dort will man sich nicht nebenbei mitversorgen lassen. Synergieeffekte dürften sich eher durch eine starke Formatierung der Zeitungen, Übernahme von nicht aktuellen Themen oder beim Internetauftritt erzielen lassen. Der neue CEO hat im Internet ja Erfolge vorzuweisen – mal sehen, was dort Neues kommt.

Nach eigenen Angaben verfolgt Alt-SVP-Bundesrat Christoph Blocher mit der Übernahme keine politischen Ziele. Glauben Sie das?
Wenn ein Politiker von Rang und mit nationalem Anspruch, der seit längerem sein Interesse an Medien bekundet, wieder einmal Zeitungen kauft, kann man davon ausgehen, dass ein politisches Interesse dahintersteht. Das ist ja auch nicht verboten.

Wie können die Zeitungen Blochers politischen Zielen dienen?
Die Zeitungen für Kampagnen wie jene gegen «fremde Richter» vor den Karren zu spannen, wäre etwas arg plump und dürfte das eher konservative Lesermilieu polarisieren, in dem die Mehrheit der Leserschaft dieser Zeitungen wohl anzusiedeln ist. Die Lokalblätter dürften aber auch dazu dienen, sich ein Publikum zu erhalten, das eher nationale und traditionelle Werte vertritt. Auf lokaler Ebene schliesslich werden sie eher die konservativen politischen Kräfte und deren Interessen unterstützen. Das ist nicht unerheblich, da es sich um Orte einer gewissen Grösse handelt, über deren Geschehen sowohl die Medien der SRG als auch die überregionalen Zeitungen nicht in jenem Ausmass berichten, wie sie es verdient hätten. Gemeinde- oder Stadtpolitik ist der Beginn vieler nationaler politischer Karrieren.

«Sehen Sie in der Übernahme ein Problem für die Vielfalt der Schweizer Medienlandschaft?»
Es handelt sich hier nicht um einen Verlust von Titeln, wohl aber um eine Eigentümerkonzentration: Ein Eigentümer erhöht seinen publizistischen Einfluss im Markt und wohl auch in der Politik. Diese Form der Konzentration wird klassischerweise aus demokratietheoretischer Sicht als problematisch erachtet.

In einer früheren Version dieses Interviews war die Aussage enthalten, der Zehnder-Verlag gebe eine Zeitung in Schaffhausen heraus. Dies ist nicht so: Der in Schaffhausen erscheinende «Schaffhauser Bock» ist und bleibt unabhängig.

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