Zum Hauptinhalt springen

Jetzt sind die Amerikaner die Bösen

Jahrzehntelang waren die USA das bevorzugte Land der Schweizer Konservativen. Heute ist die Liebe merklich abgekühlt.

Damals war die Welt noch in Ordnung: Blocher mit Bushs Minister Chertoff in Washington, 2007. Foto: Charles Dharapak (AP, Keystone)
Damals war die Welt noch in Ordnung: Blocher mit Bushs Minister Chertoff in Washington, 2007. Foto: Charles Dharapak (AP, Keystone)

Wer ist schuld am «Schlamassel»? Daran, dass der Krieg in Syrien nicht aufhört? Für Alfred Heer, SVP-Nationalrat und Präsident der Zürcher Kantonalpartei, gibt es nur eine Antwort. Mehr als einmal sagte er während des grossen Wahlpodiums des «Tages-Anzeiger» vor einer Woche, dass er nicht gewillt sei, eben ­jenes Schlamassel auszubaden, dass die USA und Teile der EU in Syrien verursacht hätten. Die Amerikaner sind in den Augen des SVP-Politikers schuld an der Krise, die nun immer grösser wird. Diese Woche hat Russland mit Luftschlägen gegen «verschiedene Terrororganisationen», wie es von offizieller Seite heisst, in Syrien begonnen. Das zuerst verklausulierte und nun offen ausgesprochene Ziel: die Rettung von Diktator Bashar al-Assad. Die Krise droht zu einem Stellvertreterkrieg zu werden, wie ihn die Welt seit dem Kalten Krieg nicht mehr erlebt hat. Die Sympathien sind heute allerdings anders verteilt. Im Kalten Krieg verstand sich die bürgerliche Schweiz als Teil des atlantischen Bündnisses: Die USA waren die Guten, die Russen die Bösen.

«Sie lassen uns in Ruhe»

Heute sind die Fronten nicht mehr so klar. Vor allem bei den Nationalkonservativen haben Russland und Wladimir Putin viel Kredit gewonnen. In der aktuellen Ausgabe von «Teleblocher» ätzt SVP-Vordenker Christoph Blocher zuerst über den amerikanischen Präsidenten Barack Obama («ein schwacher, ein ganz schwacher Präsident») und äussert dann viel Verständnis für die Strategie Putins in Syrien. Vielleicht habe dieser gar nicht so Unrecht, wenn er sage, man solle die Diktatoren in Ruhe lassen. «Weil ohne sie gibt es noch eine grössere Unordnung. Das hat man in Libyen oder Ägypten gesehen.»

Blocher ist damit – wenig erstaunlich – auf einer Linie mit der «Weltwoche», die seit dem Ausbruch der Ukrainekrise sehr viel Verständnis für Russland und Präsident Putin aufbringt. «Putin ist kein Stalin und schon gar kein Hitler, obschon unvorsichtige Interpreten auch diese Absurdität bereits in die Arena warfen», schrieb SVP-Nationalratskandidat und «Weltwoche»-Chefredaktor ­Roger Köppel in einem Editorial von ­Anfang Jahr. Und weiter: «Der Ukrainekonflikt hat sich Putin mindestens so aufgedrängt wie er sich ihm.»

«Putin ist kein Stalin und schon gar kein Hitler.»

Rogel Köppel

Die neue Liebe in Richtung Osten geht einher mit einer langsamen Entfremdung gegen Westen. Alfred Heer sagt es so: «Nur weil ich Amerika teilweise kritisiere, heisst das nicht, dass ich jetzt Russland glorifiziere. Aber wenigstens lassen uns die Russen in Ruhe.»

Damit trifft Heer den Kern der schwierigen Beziehungen der Nationalkonservativen mit den USA. Nach Jahrzehnten der Freundschaft, nach Jahren, in denen sich die kleine Schweiz mit ihrem Staatssystem in der grossen Schwesterrepublik wiedererkannte, empfinden die Schweizer Konservativen das Gebaren der modernen USA als Anmassung. «Amerika hat ein geradezu krankhaftes Rechtssystem», sagt SVP-Nationalrat Luzi Stamm (AG). «Die Lex Americana soll über die ganze Welt gestülpt werden, das ist nicht akzeptabel.» Konkret meint Stamm den amerikanischen Kampf gegen das Schweizer Bankgeheimnis und die Fifa-Ermittlungen. Die Verhaftungen der Fifa-Funktionäre in Zürich im Mai dieses Jahres hat SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli (ZH) als einen «kriecherischen Akt» der Schweiz gegenüber der USA bezeichnet. Die Schweiz habe Hand geboten, ohne von den USA eine Gegenleistung zu erhalten.

Mörgeli sieht denn auch die Schuld der abgekühlten Beziehungen bei der Schweiz. «Wir haben zu wenig für unsere Interessen gekämpft. Der Amerikaner hat keine Achtung vor einem, der nicht für sich selber einsteht.»

Mit Putin ideologisch verbunden

Historisch betrachtet hat die Entfremdung zwischen den Konservativen in der Schweiz und den USA bereits in den 90er-Jahren begonnen. Kurz nach dem überraschenden Nein zum EWR waren die USA noch das Vorbild der Rechten: sehr marktwirtschaftlich organisiert, militärisch kraftvoll, stark auf die eigene Souveränität bedacht. Doch das änderte später im gleichen Jahrzehnt, als Senator Alfonse D’Amato die Debatte über die nachrichtenlosen Vermögen ins Rollen brachte. 50 Jahre nach dem «Washingtoner Abkommen», das die Kriegsschuld der Schweizer geregelt hatte (und als Beispiel für die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern galt), wurde das Schweizer Verhalten im Zweiten Weltkrieg noch einmal auf einer ­globalen Bühne diskutiert. «Damals hat sich unser Verhältnis stark getrübt», sagt Christoph Mörgeli. Veränderungen sieht der Nationalrat auf beiden Seiten des Atlantiks. Das Schweizer Erfolgsmodell sei früher angelsächsisch geprägt gewesen, seit Jahrzehnten orientiere es sich viel stärker am zentralistischen EU-Modell.

Für Josef Lang, Historiker und ehemaligem Nationalrat der Grünen, ist der Grund für das abgekühlte Verhältnis zu den USA und die Sympathien für Russland im Freiheitsbegriff der Nationalkonservativen zu suchen. Dieser sei mit dem Ende des Kalten Kriegs unter Druck geraten. «Die Souveränität wird in den Augen der Nationalkonservativen heute viel eher von den USA und der EU als von Russland bedroht.» Aus ähnlichen Gründen würden auch andere rechte Gruppierungen in Europa, etwa der Front National in Frankreich, offen Sympathien für Putin zeigen. «Diese Leute fühlen sich Putin auch ideologisch verbunden. Er ist nationalistisch, er ist konservativ. Und er ist kein Kommunist.» Eine Beschreibung, die früher auf US Präsidenten zugetroffen hatte. Und heute auf den Machthaber in Moskau.

----------

Bildreportage zum Wahlkampf in der Schweiz:

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch