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Jedes zehnte Kind wird abgetrieben

Schweizer Frauen brechen rund zehn Prozent der Schwangerschaften ab. Frauen unter 20 Jahren entscheiden sich gar in jedem zweiten Fall für eine Abtreibung, jene unter 16 Jahren in vier von fünf Fällen.

Schwerer Gang ins Spital für Schwangere, die abtreiben: OP-Vorbereitung für in einer Klinik.
Schwerer Gang ins Spital für Schwangere, die abtreiben: OP-Vorbereitung für in einer Klinik.
Keystone

Hätten Sie das gedacht? Dass in der Schweiz jede zehnte Schwangerschaft abgebrochen wird? Und dass Genferinnen neun Mal häufiger abtreiben als Appenzellerinnen? Dies ergibt sich aus den neusten Zahlen, die das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern ins Internet gestellt hat. Die Statistiker stützen sich dabei nicht etwa auf eine Umfrage, sondern auf eine Vollerhebung. Denn wer in der Schweiz einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt, muss diesen melden.

In der Regel wird die Abtreibungsrate – wie international üblich – pro 1000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren ausgewiesen. Aufschlussreicher ist aber ein Vergleich der Schwangerschaftsabbrüche mit der Zahl der Geburten. So lässt sich ermitteln, welcher Anteil der Kinder abgetrieben wird.

In der Schweiz kam es 2013 zu 10 444 Abbrüchen und 82 000 Lebendgeburten. Das ergibt zusammen 92 444 Schwangerschaften. Stellt man diese in Relation zu den Abtreibungen, kommt man auf 11 Prozent der Schwangerschaften, die abgebrochen wurden. Nicht berücksichtigt sind dabei die Totgeburten. Sie werden vom BFS erst ab der 22. Schwangerschaftswoche erhoben und belaufen sich auf rund 0,4 Prozent der Schwangerschaften. Zuvor sind sie häufiger, verändern die Abtreibungsquote aber nicht stark. Um auf der sicheren Seite zu sein, runden wir das Ergebnis und sprechen von jeder zehnten Schwangerschaft, die in der Schweiz abgebrochen wird.

Ein Blick auf die Abtreibungsquoten in den Kantonen zeigt enorme regionale Unterschiede. Die höchste Quote weist Genf aus. Dort wird fast jede fünfte Schwangerschaft abgebrochen. In Zürich und Bern ist es etwa jede Zehnte, in Appenzell Innerrhoden jede Fünfzigste. All diese Zahlen richten sich nach dem Wohnkanton der Frauen, sind also nicht durch eine allfällige ausserkantonale Abtreibung verzerrt.

Nebst Appenzell Innerrhoden weisen auch die Kantone Uri, Nidwalden, Zug, Obwalden und Schwyz tiefe Abtreibungsquoten auf. Sie sind allesamt katholisch geprägt. Und das ist kein Zufall: In katholischen Kantonen kommt es tendenziell weniger oft zu Schwangerschaftsabbrüchen als in protestantischen.

Stellt man die kantonalen Abtreibungsquoten in einer Karte dar, zeigen sich auch sprachregionale Unterschiede: In der Westschweiz und im Tessin sind Schwangerschaftsabbrüche klar häufiger als in der Deutschschweiz.

Noch entscheidender ist aber das Alter. Bei Frauen zwischen 15 und 19 Jahren ist der Anteil der abgebrochenen Schwangerschaften deutlich höher. Um ihre Abtreibungsquote berechnen zu können, müssen wir auf die Daten von 2012 zurückgreifen. Denn die Geburten des Jahres 2013 hat das BFS noch nicht nach Alter aufgeschlüsselt.

2012 kamen bei den 15- bis 19-Jährigen kamen 937 Abbrüche auf 521 Geburten. Direkt vergleichen lassen sich diese Zahlen aber nicht. Denn man muss aufpassen: Eine Frau, die mit 19 Jahren ein Kind abtreibt, könnte bereits 20-jährig sein, wenn sie das Kind zur Welt brächte. Für einen sinnvollen Vergleich müssen wir also einen Teil der Geburten der 20-Jährigen miteinbeziehen.

Um auf der vorsichtigen Seite zu sein, tun wir dies gleich für acht Monate. Rechnet man acht Zwölftel der Geburten der 20-Jährigen hinzu, kommt man insgesamt auf 916 Geburten. Diese Zahl kann man nun in Relation zu den 937 Abbrüchen setzen. Dabei zeigt sich: Bei den 15- bis 19-Jährigen werden 51 von 100 Schwangerschaften abgebrochen. Auch hier bleiben die nicht erfassten Totgeburten unberücksichtigt. Vereinfacht lässt sich aber festhalten: 15- bis 19-Jährige treiben in jedem zweiten Fall ab.

Die jungen Frauen haben also eine deutlich höhere Abtreibungsquote als ihre älteren Kolleginnen. Betrachtet man jedoch die international übliche Abtreibungsrate pro 1000 Frauen der jeweiligen Altersklasse, zeigt sich ein anderes Bild: Bei den 15- bis 19-jährigen haben im vergangenen Jahr 4 von 1000 Frauen abgetrieben, über alle Altersklassen hinweg kommt das BFS dagegen auf 6,4 Schwangerschaftsabbrüche pro 1000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren.

Wie ist das möglich? Warum weisen junge Frauen eine höhere Abtreibungsquote pro Schwangerschaft und gleichzeitig eine tiefere Abtreibungsrate pro 1000 Frauen auf? Ganz einfach: Weil sie weniger häufig schwanger werden. Wenn sie dagegen einmal schwanger sind, entscheiden sie sich häufiger für einen Abbruch.

Am extremsten zeigt sich dies bei den unter 16-jährigen Frauen. 89 Mal haben sie 2012 abtreiben lassen – bei 20 Geburten (in dieser Zahl sind acht Zwölftel der Geburten der 16-Jährigen bereits enthalten). Das ergibt eine Abtreibungsquote von 82 Prozent. Wobei auch hier wegen der Fehlgeburten eine Unschärfe besteht. Vereinfacht kann man aber festhalten: Unter 16-Jährige treiben in vier von fünf Fällen ab.

Besonders häufig entscheiden sich Ausländerinnen für einen Schwangerschaftsabbruch. Auch dies lässt sich statistisch erhärten. Zwar lassen nicht alle Kantone erfassen, ob eine Abtreibung bei einer Schweizerin oder einer Ausländerin durchgeführt wird. Jene 13 Kantone, die dies tun, weisen aber für ausländische Frauen etwa gleich viele Abtreibungen aus wie für Schweizerinnen – obwohl die Ausländerinnen nur 29 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 44 Jahren ausmachen.

Die Abbruchrate der ausländischen Frauen ist also zwei- bis dreimal so hoch wie jene der Frauen mit Schweizer Pass. Dies liegt unter anderem daran, dass Ausländerinnen weniger gut aufgeklärt sind und weniger Verhütungsmittel brauchen als ihre Schweizer Kolleginnen. Auch kulturelle Einstellungen spielen eine Rolle.

Die meisten Frauen treiben spätestens in der achten Schwangerschaftswoche ab. Nur wenige Abbrüche erfolgen erst nach der 12. Woche. Dies hat auch rechtliche Gründe: Ab der 13. Woche ist eine Abtreibung nur noch erlaubt, wenn die Frau durch die Schwangerschaft gefährdet ist.

Zwei Drittel der Eingriffe erfolgen mittels Medikamenten. Sie bewirken, dass die Entwicklung der Frucht gestoppt und diese ausgestossen wird. Beim restlichen Drittel wird der Inhalt der Gebärmutterhöhle in der Regel abgesaugt.

Insgesamt ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in den letzten Jahren leicht gesunken.

Markanter ist der Rückgang bei den 15- bis 19-Jährigen. In dieser Altersklasse reduzierte sich die Zahl der Abtreibungen seit 2009 um 23 Prozent. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass junge Frauen immer weniger schwanger werden. Der Anteil der abgebrochenen Schwangerschaften ist dagegen seit Jahren stabil - zumindest bis 2012. Für 2013 liegen wie erwähnt noch keine Zahlen vor.

Im internationalen Vergleich weist die Schweiz eine der tiefsten Abtreibungsraten auf. Während hier 6,4 von 1000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren eine Schwangerschaft abbrechen, sind es in Deutschland 7,2, in Italien 9,6, in Frankreich 17,4, in Schweden 20,7 und in Russland gar 31,3.

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