Jeder sechste Asylsuchende ist – ein Baby

Flüchtlinge hoffen, mit einem Neugeborenen in der Schweiz bessere Chancen auf Asyl zu erhalten. Aus Behördensicht ist das eine falsche Annahme.

Jede sechste Person im Asylprozess wurde 2017 in der Schweiz geboren: Eine improvisierte Kinderecke in einem Park in Como.

Jede sechste Person im Asylprozess wurde 2017 in der Schweiz geboren: Eine improvisierte Kinderecke in einem Park in Como.

(Bild: Keystone Thomas Egli)

Janine Hosp

Bis Ende November des laufenden Jahrs sind in der Schweiz gut 18'000 Personen in den Asylprozess aufgenommen worden. Nur ein Teil von ihnen gelangte jedoch so in die Schweiz, wie es die Bilder in den Nachrichten zeigen – mit dem Schiff über das Mittelmeer, mit dem Zug oder auf langen Fussmärschen bis zur Grenze: 2897 Flüchtlinge oder jede sechste Person im Asylprozess wurde 2017 in der Schweiz geboren. Es sind dies die Kinder der Flüchtlingsfamilien. Sie erhalten automatisch denselben Asylstatus wie ihre Mutter.

Besonders zahlreich sind sie bei den Eritreern, wie die Sendung «10 vor 10» am Donnerstag berichtete. Demnach haben 3138 Personen aus diesem Staat im laufenden Jahr ein Asylgesuch gestellt. Lediglich 373 taten dies an der Grenze. 601 wurden aus einem anderen Dublin-Staat in die Schweiz gebracht und 754 sind ihren Familien gefolgt. Rund 1200 sind hier geboren.

«Keinerlei Einfluss»

Auch bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe beobachtet man, dass insbesondere Flüchtlingsfrauen aus Eritrea bald nach ihrer Ankunft in der Schweiz Kinder bekommen. «Das ist leider recht verbreitet», sagt Sprecher Michael Flückiger. Offenbar herrsche in der eritreischen Gemeinschaft der Glaube vor, dass man die Chancen auf einen posi­tiven Asylentscheid auf diese Weise ­erhöhen könne.

Diese Annahme allerdings ist falsch, wie es beim Staatssekretariat für Migration auf Anfrage heisst. Es beeinflusse den Asylprozess in keiner Weise, wenn Flüchtlingsfrauen während dessen Dauer ein Kind bekämen. Weiter wollte sich das Staatssekretariat nicht zum ­Phänomen äussern.

Bilder: Im Asylzentrum

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Gemäss Flückiger ist die Sichtweise der Eritreer verhängnisvoll. Für Flüchtlingsfrauen ist es mit kleinen Kindern noch schwieriger, die Sprache zu erlernen und sich zu integrieren. Kommt hinzu, dass etliche ihre Kinder allein grossziehen müssen; weil die Flüchtlinge angesichts der ungewissen Zukunft stark unter Druck stehen, sind auch ihre Beziehungen einer grossen Belastung ausgesetzt. Vor allem für alleinerziehende Mütter sei es kaum möglich, Anschluss an die Berufswelt zu finden und aus der Sozialhilfe herauszukommen, sagt der Sprecher der Flüchtlingshilfe.

Weniger Gesuche als erwartet

Allerdings finden sich nicht nur bei ­Eritreern im Asylprozess viele Neugeborene, wie Zahlen des Staatssekretariats für Migration zeigen, die dieser Zeitung vorliegen. Am höchsten ist ihr Anteil bei Flüchtlingen aus der Volksrepublik China, wo 100 der 277 Personen im Asylprozess 2017 in der Schweiz zur Welt kamen. An zweiter Stelle folgt Äthiopien. In absoluten Zahlen ist die Zahl der Neugeborenen unter den Eritreern (1208), Syrern (467), Afghanen (216) und Somaliern (169) am höchsten.

«Man muss den Flüchtlingen klar sagen, dass sie ihre Chancen nicht erhöhen können, wenn sie rasch Kinder bekommen.»Michael Flückiger, Schweizerische Flüchtlingshilfe

Was rät die Flüchtlingshilfe? «Man muss den Flüchtlingen klar sagen, dass sie ihre Chancen nicht erhöhen können, wenn sie rasch Kinder bekommen», sagt Michael Flückiger. Und man müsse ihnen auch aufzeigen, welche Folgen dies für ihre Zukunft haben könne. Die Empfehlung sollte lauten: Sich erst integrieren, dann eine Familie gründen. Nach Flückigers Ansicht könnte auch der Staat dazu beitragen, dass Flüchtlinge ihre Familienplanung anders angehen: Er soll den Flüchtlingen möglichst bald die Gelegenheit bieten, sich zu betätigen, statt sie lange ohne Arbeit auf einen Entscheid warten zu lassen.

Insgesamt haben im Jahr 2017 deutlich weniger Flüchtlinge in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt als erwartet. Der Bund rechnete ursprünglich mit 25'000 Flüchtlingen, tatsächlich waren es bis Ende November mehrere Tausend weniger. Die Zahl der Gesuche liegt auf dem tiefsten Stand seit sieben Jahren. Ein Grund dafür ist, dass weniger Menschen übers Meer nach Italien gelangt sind.


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DerBund.ch/Newsnet

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