Jährlich 700 Zwangsehen in der Schweiz

Vor fünf Jahren hat der Bund der Zwangsheirat den Kampf angesagt. Die Bilanz fällt durchzogen aus – acht Antworten zum Phänomen.

«Thema Zwangsheirat bleibt sehr aktuell»: Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat am Dienstag den Schlussbericht des fünfjährigen Programms zur Bekämpfung der Zwangsheirat vorgestellt. (Video: SDA)
Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Kinder, die im Ausland mit älteren Männern verheiratet werden. Frauen, die zu einer Ehe mit einem von den Eltern ausgewählten Mann gezwungen werden. Männer, die sich längst scheiden lassen möchten, aber von ihrer Familie zum Verbleib in der arrangierten Ehe gedrängt werden. Solche Fälle sind nicht nur in Pakistan, Indien oder Afghanistan verbreitet, sondern auch in der Schweiz.

Die hiesigen Behörden haben das Problem erkannt – und haben deshalb in den letzten fünf Jahren verschiedene Massnahmen aufgegleist. Ob diese erfolgreich waren, haben heute Experten an einer Tagung im Beisein der zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga besprochen. Die wichtigsten Erkenntnisse zum Phänomen in der Schweiz:

Wie viele Zwangsehen gibt es in der Schweiz? Es ist schwierig, das Phänomen mit verlässlichen Zahlen zu erfassen, denn die Dunkelziffer ist hoch. Anhaltspunkte gibt es aber: Die letzte Erhebung des Bundes kam 2012 auf jährlich 700 Fälle. Im Ende Jahr auslaufenden Bundesprogramm «Bekämpfung Zwangsheiraten» wurden ebenfalls Daten zusammengetragen; insgesamt 905 Fälle sind in den letzten zwei Jahren erfasst worden. Die meisten Meldungen erhielt in diesem Zeitraum die Fachstelle Zwangsheirat. Eine Studie der Stiftung Surgir aus dem Jahr 2006 beziffert die Zahl der Betroffenen in der Schweiz auf 17'000 – eine Hochrechnung aufgrund tatsächlich registrierter Fälle. Die Fachstelle Zwangsheirat wiederum hat in den letzten zehn Jahren 1721 Fälle beraten.

Wer sind die Opfer? Vier von fünf Betroffenen sind Frauen. 28 Prozent sind jünger als 18 Jahre. Am häufigsten stammen die Opfer aus Kosovo, Sri Lanka, der Türkei, Albanien, Mazedonien, Afghanistan und Syrien. Fälle aus den letzten beiden Herkunftsstaaten haben in den letzten fünf Jahren zugenommen. Die jungen Opfer sind meist bereits in zweiter oder dritter Generation in der Schweiz. Meistens übt gemäss der Bundeserhebung 2012 (unter anderem) der Vater den Druck aus. Besonders häufig werden Fälle in den Kantonen Bern, Zürich, Basel und St. Gallen gemeldet.

Was tun, wenn man einen Verdacht auf Zwangsehe hegt oder gar davon weiss? Nicht eigenständig handeln, rät Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat. Fachliche Hilfe finde man bei Opferhilfeorganisationen, Migrationsämtern, der Polizei oder der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), sagt die Juristin. Hilfe wird dort anonym und kostenlos gewährt. Wer selbst betroffen ist oder sich in Gefahr glaubt, kann auf der Website der Fachstelle eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnen. Damit wird der Heiratsunwille bekundet. Das Dokument kann im Falle eines Gerichtsfalls zur Annullierung der Zwangsheirat als Zusatzbeweismittel beigezogen werden.

Warum werden junge Menschen unter Zwang verheiratet? Die Ursachen sind vielschichtig, doch drei Hauptgründe lassen sich gemäss der Fachstelle über alle betroffenen Kulturkreise hinweg ausmachen:

  • eine Überbewertung der Familie
  • eine Orientierung an erstarrten Traditionen
  • eine gesellschaftliche und familiäre Vorherrschaft der Männer

Dazu kommen weitere Gründe wie das Verbot ausserehelicher Sexualität oder das Verbot von Homosexualität. Je nach wirtschaftlicher Situation kann die arrangierte Ehe mit einer bereits in der Schweiz lebenden Person auch eine Fluchtmöglichkeit aus dem Herkunftsland sein. Ein weiteres Motiv der Eltern: Sie wollen ihr Kind vor den angeblich schädlichen Einflüssen der Gesellschaft im Einwanderungsland schützen.

Was tut die Schweiz gegen Zwangsehen und für den Opferschutz? Mitte 2013 ist das Bundesgesetz über Massnahmen gegen Zwangsheiraten inkraft getreten. Zwangsheirat gilt seither als Straftatbestand und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet. Zudem hat der Bundesrat ein fünfjähriges Programm lanciert, das noch bis Ende dieses Jahres läuft. Ziel war es zum einen, Netzwerke zu bilden, in denen sich Fachpersonen austauschen können. Dazu unterstützte der Bund 18 Projekte mit insgesamt zwei Millionen Franken. Zum anderen wurden potenziell Betroffene sensibilisiert.

Ist der Kampf gegen die Zwangsehe erfolgreich? Jein. Gemäss einer heute veröffentlichten externen Evaluation hat das Programm zwar in vielen Regionen der Schweiz dazu beigetragen, Betroffenen zu helfen. Aber es bleibt fraglich, wie nachhaltig die neuen Experten-Netzwerke tatsächlich sind, denn sie sind nicht formell verankert und stark an Personen gebunden. «Das übergeordnete Ziel von funktionierenden Netzwerken [konnte] nicht erreicht werden», heisst es im Begleitbericht. Zudem konnten wichtige Bezugspersonen der Betroffenen – Lehrer oder Arbeitgeber – bislang nicht ausreichend eingebunden werden. Und neun Kantone in der ländlicheren Schweiz sind im Kampf gegen Zwangsheiraten bislang noch nicht aktiv geworden. Ob es gelungen ist, die potenziell Betroffenen zu sensibilisieren, lässt sich nicht überprüfen. Kurz: «Es wird deutlich, dass weiterhin Handlungsbedarf besteht», resümiert der Bericht.

Wie geht es jetzt weiter? Das Bundesprogramm wird nicht weitergeführt. Aber in den nächsten vier Jahren wird der Bund die Fachstelle Zwangsheirat mit insgesamt 800'000 Franken unterstützen. Zudem soll geprüft werden, wie sich die seit 2013 geltenden rechtlichen Bestimmungen zum Schutz vor Zwangsehen bewähren oder ob es diesbezüglich weiteren Handlungsbedarf gibt.

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