Ist Comparis beim Strom parteiisch?

«Unabhängig» und «neutral»: Mit diesen Worten preist der Internetdienst Comparis seinen Stromvergleich an. Doch diese angebliche Unabhängigkeit ist umstritten - denn es fliesst Geld vom Bund.

Welchen Strom hätten Sie gerne? Comparis listet ihn nach seinem «ökologischen Mehrwert» auf. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Welchen Strom hätten Sie gerne? Comparis listet ihn nach seinem «ökologischen Mehrwert» auf. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Es ist der Versuch, Transparenz zu schaffen: Die 3,5 Millionen Privathaushalte in der Schweiz sollen selber entscheiden können, welchen Strommix sie beziehen. Dabei helfen soll ihnen der «erste unabhängige» und «neutrale» Stromvergleich der Schweiz, wie der Internet-Vergleichsdienst Comparis das Instrument bewirbt. Obschon der Strommarkt für die Privathaushalte noch nicht liberalisiert ist, können die Konsumenten heute bereits zwischen verschiedenen Produkten ihres Anbieters selektieren. Ab 2018 sollen sie auch zwischen den Anbietern selber wählen können; so sieht es der (von den Linken bekämpfte) Plan des Bundesrats vor.

Doch der Online-Stromvergleich ist umstritten. Politiker aus SVP und FDP sehen darin den Versuch, der vom Bundesrat und einer Mitte-links-Allianz vorangetriebenen Energiewende zusätzlich Schub zu verleihen – mit Bundesgeldern. Comparis betreibt den Vergleich zusammen mit My New Energy. Für das Projekt hat das 2013 gegründete Unternehmen vom Staat rund 100 000 Franken erhalten – genauer: von Energie Schweiz, dem Programm des Bundesamts für Energie (BFE) zur Förderung von erneuerbaren Energien. Der Betrag entspricht 20 Prozent der gesamten Entwicklungskosten.

«Schlecht getarntes» Kampagnenelement

Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP) spricht von einem «schlecht getarnten» Kampagnenelement des Bundes für eine etwaige Abstimmung über die Energiestrategie 2050. Auch Hans Killer (SVP), Präsident der nationalrätlichen Energiekommission, übt Kritik: «Mit solchen Aktionen mischt sich der Bund in das Marktprodukt Strom immer stärker und undurchsichtiger ein.» Das BFE lässt diese Anwürfe nicht gelten. Es verweist auf den im Energiegesetz verankerten Auftrag, die Bevölkerung über die Nutzung erneuerbarer Energien zu informieren.

Ein Beispiel zeigt, woran sich die Politiker aus SVP und FDP stören. In der Stadt Bern beziehen die Konsumenten den Strom vom lokalen Anbieter EWB Bern. Im Online-Stromvergleich sind die Produkte in der Standardeinstellung nach dem «ökologischen Mehrwert» sortiert, den My New Energy bewertet hat. Das Produkt Solarstrom erhält demnach die Bestnote (6), befriedigend schneidet das Standardprodukt Naturstrom mit einem Mix aus Wasser, Sonne und Biomasse ab (4,9), ungenügend ist das Produkt Basisstrom mit seinem dominanten Anteil an Atomenergie (2,7). Wäre der Preis das entscheidende Kriterium, wäre die Rangfolge umgekehrt.

«Ausbau in geplante Richtung»

Die Benotung begründet Christina Marchand, Geschäftsführerin von My New Energy, wie folgt: «Der Vergleich geht davon aus, dass die Energiewende vom Bund und der Bevölkerung gewünscht ist.» Basierend auf dieser Annahme habe My New Energy das Bewertungssystem so gestaltet, «dass ein positiver Einfluss auf die Energiewende positiv in die Bewertung einfliesst». Mitgewirkt bei dieser Beurteilung haben das BFE, Umwelt- und Konsumentenverbände sowie mehrere Energieunternehmen, zum Beispiel das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich.

Bürgerliche Politiker zeigen sich ob der Art der Bewertung befremdet. Killer ruft in Erinnerung, dass das Volk über die Energiewende noch nicht entschieden habe. Wasserfallen seinerseits bemängelt die Zusammensetzung des Expertengremiums als einseitig, da die Befürworter der Energiewende tonangebend seien. Zudem sei für den Konsumenten kaum nachvollziehbar, wie die Noten zustande gekommen seien. Marchand entgegnet: «Weil die Kunden die Informationen als anspruchsvoll empfinden, haben wir den Vergleich so einfach wie möglich dargestellt.» Wer sich vertieft interessiere, erhalte weitere Informationen auf den Internetsites von Comparis und My New Energy.

Dort werden in der Tat harte Bewertungskriterien aufgelistet wie etwa die Umweltbelastung beim Bau und Betrieb von Kraftwerken. Es finden sich aber auch Informationen folgender Art: «Bundesrat und Umweltverbände haben Vorgaben für die Ausbaupotenziale bis 2035 der erneuerbaren Energien in der Schweiz gemacht.» In der Note würden diese Potenziale berücksichtigt, «sodass der Ausbau in die geplante Richtung verläuft».

Comparis selber bestreitet, die Konsumenten bevormunden zu wollen. Man schaffe lediglich Transparenz, sagt ein Sprecher. Die Nutzer könnten den Stromvergleich entweder nach den «transparenten Bewertungskriterien» von My New Energy oder nach Preisen sortieren. Comparis selber suggeriere nicht, es gebe guten oder schlechten Strom.

Kritik auch von linker Seite

Kritisch zeigen sich nicht nur Bürgerliche. SP-Nationalrat Beat Jans etwa hält die Benotung für schlecht nachvollziehbar. «Die Plattform muss im Hinblick auf die Strommarktöffnung für Privathaushalte verbessert werden», fordert er. Falsch sei etwa, wie My New Energy das Preisgefüge in Basel-Stadt abbilde. Der Halbkanton erhebt seit 1999 eine Lenkungsabgabe auf Strom – landesweit ein Unikum. Dadurch verteuert sich der Strom. Diesen Aufschlag, so Jans, müsse My New Energy aus dem Strompreis herausrechnen, da die Lenkungsabgabe pro Kopf an die Haushalte zurückbezahlt werde. Marchand verhehlt nicht, dass Potenzial für Verbesserung bestehe. Jedes Bewertungssystem operiere mit gewissen Annahmen. Dass es deswegen Kritik geben würde, sei absehbar gewesen.

Konsumenten können Geld sparen – dank freiem Marktzugang

Die Haushalte sollen ab 2018 ihren Stromanbieter frei wählen können. Ob sie es in grosser Zahl tun, ist fraglich.

In drei Jahren soll der Strommarkt für alle Konsumenten in der Schweiz geöffnet sein, also nicht nur für Grosskunden wie bis anhin, sondern auch für die Haushalte und das Gewerbe. Bereits weiter ist das Ausland. Grossbritannien hat als erster europäischer Staat seinen Stromsektor 1990 geöffnet. In der Folge hat die EU die Liberalisierung vorangetrieben. Das Ziel: ein europäischer Strombinnenmarkt.

Die Haushalte haben darauf unterschiedlich reagiert. Während in Grossbritannien, Norwegen und Holland jedes Jahr mehr als jeder zehnte Haushalt seinen Anbieter wechselt, sind es etwa in Griechenland nur vereinzelte. Dabei unterschätzten die Konsumenten das Sparpotenzial, wie Untersuchungen zeigen. Auch in Deutschland ist die Wechselrate mit 6 Prozent tief – und dies, obschon ein Vierpersonenhaushalt gegen 400 Euro pro Jahr sparen könnte, also rund ein Drittel der Stromrechnung.

In der Schweiz sind Absetzbewegungen im grossen Stil ebenfalls eher unwahrscheinlich. Urs Meister von der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse erwartet vor allem in den ersten Jahren Wechselraten im sehr tiefen einstelligen Bereich: «Weil hierzulande die Einkommen durchschnittlich höher sind, dürfte die Preissensitivität der Schweizer geringer sein als in anderen Ländern Europas.» Zu Beginn werden in Meisters Einschätzung vor allem die grösseren Verbraucher Sparpotenziale nutzen, etwa Haushalte mit Wärmepumpen.

Dass der Markt durchaus spielt, zeigt sich in der Schweiz bei den Grosskunden. Nachdem in den ersten zwei Jahren nach der Marktöffnung 2009 nur wenige von ihnen den Lieferanten gewechselt haben, steigt die Wechselrate seither stetig. Heuer wird bereits ein Drittel der Grossverbraucher den Strom am freien Markt beziehen. Die Preise dort sind offenbar günstiger als diejenigen in der Grundversorgung geworden. Im Unterschied zu den Haushalten reagieren grosse, industrielle Verbraucher allerdings preislich sensibler. «Sie nutzen Einsparpotenziale üblicherweise sehr konsequent, um international konkurrenzfähig zu bleiben», sagt Meister.

Vergleich befeuert Wettbewerb

Falsch wäre es, allein die Höhe der Wechselrate als Mass dafür zu nehmen, ob der Markt funktioniert. Denn in vielen Fällen werden bestehende Verträge wegen des Preisdrucks neu ausgehandelt. Umgekehrt wechseln grosse Verbraucher nicht einzig wegen des absoluten Preisniveaus, wie Meister sagt. Sie würden einen Anbieter auch deshalb wählen, weil er ihnen ein besonders strukturiertes Produkt anbieten könne, dazu gehörten etwa Produkte mit Absicherung gegen Preisschwankungen.

Eine wichtige Funktion im voll geöffneten Strommarkt werden Vergleichs­portale wie der neue Online-Stromvergleich des Internet-Vergleichsdienstes Comparis erlangen. Urs Trinkner vom Beratungsunternehmen Swiss Economics erwartet, dass das neue Instrument die Wettbewerbsintensität steigern wird: «Das Portal senkt die Suchkosten der Kunden, indem es Transparenz bezüglich Erzeugungsmix und Preisen schafft und das geschätzte Einsparpotenzial direkt anzeigt.»

Auch Comparis rechnet mit einem verschärften Konkurrenzkampf. Selbst wenn nur ein Teil der Konsumenten von der Wahlfreiheit Gebrauch mache, befeuere dies die Anstrengungen der Anbieter, Effizienz und Qualität der Angebote beziehungsweise das Preis-Leistungs-Verhältnis zu verbessern, sagt ein Comparis-Sprecher. «Nur Anbieter, die keine Kunden verlieren können, strengen sich nicht an.» Allerdings: Die Schweizer gelten selbst bei grossem Sparpotenzial als eher wechselfaul. Dies zeigen laut Comparis die Erfahrungen in den Sparten Banken, Versicherungen und Telecom.
Stefan Häne

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