Irre Radler stressen alle

Velofahrer überleben im Verkehr, weil sie unberechenbar fahren? Das Gegenteil stimmt wohl eher.

Die Gefährlichkeit eines Verkehrsteilnehmers steigt gefühlt proportional zu seinem Tempo. Foto: Raisa Durandi

Die Gefährlichkeit eines Verkehrsteilnehmers steigt gefühlt proportional zu seinem Tempo. Foto: Raisa Durandi

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Der Bund will Velofahrern das Rechtsabbiegen bei Rot an Ampeln erlauben. Das stand gestern in dieser Zeitung. Später in dem analytischen Artikel hiess es, die Velofahrer pflegten mit Recht seit langem «ein beiläufiges Verhältnis» zu Verkehrs­signalen: «Nur wer unberechenbar bleibt, kann sicher sein, dass man ihn nicht überfährt.»

Das Gegenteil stimmt wohl eher. Ein urbanes Standarderlebnis: die Fahrt im Bus – und dessen scharfes Abbremsen. Der Fahrer flucht, weil vor ihm ein irrer Radler abrupt die Spur gewechselt hat. Berechenbarkeit heisst, dass das Verhalten eines Verkehrsteilnehmers abschätzbar ist, was auch ihm zugutekommt. Unberechenbare Velofahrer, diese Selbstgefährder, stressen exakt wie Fussgänger, die abseits der Übergänge an heiklen Orten über die Strasse irrlichtern.

Video – Achtung, soviel Busse kostet Ihr unvollständig ausgerüstetes Velo:

Der Polizist sagt, wo es teuer wird.

Als Fussgänger hasst man die Velofahrer mit einer darwinistischen Fahrweise auf Kosten anderer. Man ist froh um die grosse Mehrheit jener, die auch das Wohl der anderen bedenken. Man schätzt es, wenn Velofahrer nicht geschoss­artig auf dem Trottoir um die Hausecke biegen. Wenn Velofahrer nicht am Tram vorbeipreschen, dessen Türen sich öffnen und Leute aufs Perron entlassen. Wenn Velofahrer Fussgänger nicht als Slalomstangen behandeln.

Je schneller, desto gefährlicher

Was die Formulierung vom beiläufigen Verhältnis des Velofahrers zum Gesetz betrifft: Sie klingt selbstgerecht. Ein Steuerbetrüger wird gebüsst, auch wenn er notrechtlich argumentiert und zum Beispiel angibt, er habe das eingesparte Geld gebraucht, um Essen zu kaufen. Gesellschaftliche Gruppen, die meinen, sie dürften Regeln nach eigenem Gutdünken mal befolgen und mal nicht, wirken reichlich arrogant.

Die Gefährlichkeit eines Verkehrsteilnehmers steigt gefühlt proportional zu seinem Tempo. Daher fürchtet der Velofahrer zu Recht den Autofahrer. Und ebenso fürchtet der Fussgänger den Velofahrer. Vor allem wenn er, der Fussgänger, alt ist und nicht mehr hechtrollenfähig.

Ob nun aber stimmt, was eine Basler Studie anhand von zwölf Ampeln behauptet: dass es mit dem Rechtsabbiege-Recht für Velofahrer bei Rot nicht mehr Unfälle gebe – wirklich wissen werden wir es erst, nachdem die neue Regelung und also der landesweite Grossversuch eingeführt ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 23:13 Uhr

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