Irgendwann glaubt er selber daran

Ob Demagogie oder Klamauk: Roger Köppels Anwürfe gegen die Journalisten der SRG sind gefährlich.

Schiesst scharf gegen die SRG: SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel an der Delegiertenversammlung seiner Partei in Confignon GE. (Video: Tamedia/SDA)
Martin Wilhelm@martin_wilhelm

Als «Erziehungsanstalt der Nation» bezeichnet SVP-Nationalrat Roger Köppel die SRG. Es ist etwas vom Netteren, das er an diesem Nachmittag sagt. Die Delegierten der SVP haben sich im Gemeindesaal von Confignon GE versammelt und fassen die Parole zur No-Billag-Initiative, mit der die Rundfunkgebühren abgeschafft werden sollen. Die weniger netten Anwürfe, die Köppel im Verlauf seiner Rede macht: Fehlleistungen seien «staatlich geförderter Zweck» der SRG. Das Politikmagazin «Rundschau» sei eine «Fake-News-Fabrik». Die SRG stelle missliebige Personen an den Pranger. Und die «auf den Knien gesendeten, schleimspurigen SRF-Berichte oder Interviews» seien «unsittliche Annäherungsversuche».

Was Köppel am vergangenen Samstag unter Applaus von sich gab, geht über die übliche Klage von SVP-Politikern hinaus, die sich von «linken Journalisten» zu kritisch behandelt fühlen. Die kategorische Entwertung der Arbeit der SRG-Journalisten klingt mehr nach AFD als nach der ursprünglichen spitzbübisch-bauernschlauen SVP. Und auch das Anliegen, dem die Delegierten mit 239 zu 17 Stimmen die Unterstützung aussprachen, ist radikaler als die übliche SVP-Kost. Bei No Billag geht es nicht mehr darum, die Medien zu eigenen Gunsten auszunutzen; es geht darum, ein wichtiges Element des Mediensystems zu zerschlagen.

Dabei profitiert die SVP von der SRG. In den Berichten und Sendungen von Fernsehen und Radio kommen Vertreter der grössten Partei regelmässig und ausführlich zu Wort – so auch im Radiobeitrag über die Parolenfassung der SVP vom Samstag: Köppels Gerede von Fehlleistungen und «unsittlichen Annäherungsversuchen» waren im O-Ton zu hören – ohne dass dem jemand widersprochen hätte. Die SVP profitiert davon, dass ihre Argumente in den glaubwürdigen Programmen der SRG verbreitet werden.

Unterwegs in eine eigene Welt

Was also ist los mit Köppel und der SVP? Schreitet die Radikalisierung der Partei weiter voran, sodass Unterschiede zu AFD und Tea Party bald nur noch schwer auszumachen sein werden? Die Parteileitung unterstützt die Kampagne für die No-Billag-Initiative nicht finanziell. Das spricht dafür, dass sie ihre Exponenten nur etwas mit dem Feuer spielen lässt und keinen Gewinn in der Zerschlagung der SRG sieht.

Auch schien es Köppel selber nicht ganz wohl zu sein mit der ärgsten seiner Provokationen: Statt wie im Redetext vorgesehen die Arbeit der SRG-Journalisten mit «sexueller Belästigung» zu vergleichen, sagte er: «Das grenzt schon an – fast hätte ich gesagt sexuelle Belästigung – nein, nennen wir es unsittliche Annäherungsversuche.» Als wollte er die Aussage noch leicht ins Humorvolle ziehen.

Wenn es Köppels Absicht war, Klamauk zu machen, so würde dies zu seiner neuen Sendung «Weltwoche daily» passen. Wenn nicht, dann muss man dem deutschen Kommentator zustimmen, der Köppel nach einem Auftritt in einer Talkshow als verantwortungslosen Demagogen bezeichnete.

Auch ein misslungener Versuch, auf witzige Weise zu provozieren, würde Köppels Aussagen aber nicht entschuldigen. Wie die von weiteren Rednern geäusserten Vorwürfe der Manipulation von Aussagen und der permanenten Propaganda gegen die SVP zeigen, sind manche Anhänger und Exponenten der Partei im Begriff, sich in eine eigene Welt zu verabschieden, in der sie immer recht haben und alle anderen Feinde sind. Hier verfangen solch diffamierende Botschaften nicht nur bis zur nächsten Abstimmung, sie setzen sich vielmehr fest. Und wer sie genügend oft verficht, läuft Gefahr, sie am Ende selber zu glauben.

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