In der Kryptofalle

Der Bitcoin-Boom lockt auch Kleinanleger. Dabei droht nicht nur ein Platzen der Blase. Immer öfter geraten Scheinkryptowährungen auf den Markt.

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Sie sassen in Wollishofen und träumten gross. Richtig gross. Den US-Dollar, den Euro, den Schweizer Franken – sie wollten einige der stärksten Währungen der Welt verdrängen und durch ihr eigenes Geld ersetzen. Der Plan hätte sie steinreich gemacht.

Sie, das sind die Gründer des Vereins Quid Pro Quo, die am 8. August 2016 an der Seestrasse 520 in Zürich-Wollishofen zusammenkamen. Der Verein diente als Plattform, um die selbst kreierte Kryptowährung E-Coins unters Volk zu bringen. Natürlich garniert mit saftigen Versprechen: Es liege gerade eine «one time opportunity» vor, heisst es in einem ­E-Coins-Werbevideo. Man solle jetzt einsteigen und mitverdienen beim möglichen «massive capital gain».

Gut ein halbes Jahr später platzten die Träume. Anfang März zog die Finanzmarktaufsicht des Bundes (Finma) die E-Coins aus dem Verkehr, weil der Verein keine Banklizenz besass. In einer Medienmitteilung gaben die Finanzkontrolleure diesen September bekannt, dass von den über 4 Millionen Franken, die mehrere Hundert Anleger einbezahlt hatten, um E-Coins zu erwerben, nur noch etwa die Hälfte da war. Trotz angeblich steigender Kurse. Welcher Schaden für die Anleger entstanden ist, lässt sich noch nicht sagen.

«Wie vor der Internetblase»

Jedes Börsenrally und jede Bonanza bringt solche Geschichten hervor. Die Kurse von Bitcoin, Ethereum und anderen Kryptowährungen gehen seit Monaten durch die Decke. Die Summe, die in neue Kryptoprojekte investiert wird, hat sich gegenüber dem Vorjahr verzehnfacht. Allein 2017 wurden weltweit rund 3,5 Milliarden Dollar über sogenannte Initial Coin Offerings (ICO) eingesammelt.

Diese Entwicklung beunruhigt Experten. «Es ist im Moment wie vor der Internetblase», sagt der Zürcher Investor und Bitcoin-Experte Marc Bernegger. «Jeder versucht noch auf den Zug aufzuspringen, dabei ist es in den meisten Bereichen zu spät.» 99 Prozent der nun lancierten Kryptofirmen würden wieder verschwinden. «Wer jetzt noch Geld investiert, wird es mit einer grossen Wahrscheinlichkeit verlieren.»

Doch das Platzen der Blase ist für Anleger nicht die einzige Gefahr. Der Kryptogoldrausch zieht zunehmend zweifelhafte Anbieter an. Sie bilden insbesondere für Kleinanleger ein Risiko. Wer sich vor dem Investitionsentscheid nicht genügend informiert, könnte bald feststellen, dass er sein Geld in eine Kryptowährung gesteckt hat, die technisch ungenügend ist, beispielsweise gar nicht auf der gängigen Blockchain-Technologie beruht.


Der Kurs des Bitcoin geht durch die Decke

Die Kryptowährung der Stunde lässt derzeit Anleger träumen. Wie lange noch? (Reuters)


Vereinfacht gesagt, teilt dieses System jeder Münze einen Code zu. Mit jeder Transaktion wird dieser Code erweitert, sodass stets die gesamte Historie der Münze in ihrem Code steckt. Diese Rückverfolgbarkeit ist eine wichtige Voraussetzung für das Vertrauen, das in die Blockchain gesetzt wird. Ein zweiter Faktor: Die Codes werden nicht an einem zentralen Ort gespeichert, sondern simultan auf Tausenden Speichereinheiten überall auf der Welt vermerkt. Das macht die Blockchain transparent und sicher gegenüber Manipulationsversuchen.

Der E-Coins-Verein aus Wollishofen nahm es mit dieser Technologie offenbar nicht so genau. Die Finanzaufseher des Bundes sprechen bei E-Coins von einer «Scheinkryptowährung»: Im Gegensatz zu dezentral gespeicherten und auf Blockchain-Technologie beruhenden Kryptowährungen seien die E-Coins ausschliesslich vom Anbieter kontrolliert und auf dessen lokalen Servern gespeichert worden, heisst es in einer Mitteilung. Ein Kenner des Falls sagt: «Da spuckte einfach ein Computer vir­tuelle Münzen aus.» Die Leute kauften sie trotzdem.

Grossspurige Versprechen

Doch Interventionen des Bundes wie bei E-Coins sind selten. Um im dynamischen Finanztechnologiesektor Innovation zu ermöglichen, lassen die Behörden viele Anbieter gewähren. Selbst wenn es Warnhinweise gibt.

Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, haben Personen aus dem direkten Umfeld von E-Coins bereits ein neues Produkt auf den Markt gebracht. Den V-Coin. Programmiert wurde er von jenem serbischen Unternehmen, das bereits den E-Coin entwickelt hatte. Abermals sind die Versprechen grossspurig, werden Anlegern hübsche Gewinne in Aussicht gestellt. Seit Juni soll der Kurs des V-Coins um 80 Prozent gestiegen sein, heisst es auf der Website. Bis im Februar sollen 200 Millionen Euro von Investoren eingetrieben werden.

Im August hat die Finanzmarktaufsicht vor einem mit V-Coins verbundenen Unternehmen gewarnt und erklärt, es gebe Hinweise, dass ehemaligen E-Coins-Nutzern «neue, mutmassliche Scheinkryptowährungen» angeboten würden. Eingeschritten ist die Finma aber nicht. Ihr fehlt die Handhabe: Obwohl hinter V-Coins in der Schweiz wohnhafte Personen stehen, hat diese Währung keinen direkten Bezug zur Schweiz. Sie ist über eine komplexe Struktur mit Niederlassungen in den USA und Grossbritannien organisiert.

Der Goldrausch zieht zunehmend zweifelhafte Anbieter an.

Dennoch gelang es V-Coins im Oktober, Mitglied des Zuger Branchenverbands Crypto Valley zu werden. Dieser will in der Schweiz für möglichst gute Rahmenbedingungen für die Kryptobranche sorgen und erhält finanzielle Unterstützung von Bund, Kantonen und Gemeinden. Vor einigen Tagen hat der Verband V-Coins aus dem öffentlichen Mitgliederregister gelöscht: «Wir haben einen Hinweis bezüglich V-Coins erhalten und eine interne Untersuchung eingeleitet», sagt Crypto-Valley-Sprecher Tom Lyons. Man stehe im Kontakt mit der Finanzmarktaufsicht des Bundes.

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Was bedeutet das für Anleger, die trotz allen Warnungen ins Kryptogeschäft einsteigen wollen? Wie können sie die Seriosität von Kryptoprojekten prüfen? «Investoren sollen sich die Firmen sehr genau anschauen», rät ­Daniel Diemers vom Beratungsunternehmen PwC Strategy&. Es gebe einfache Alarmsignale: «Handelt es sich um eine Schweizer Firma mit einer nachvollziehbaren Adresse, oder ist es ein verschachteltes Firmenkonstrukt in verschiedenen Ländern, bei dem nicht klar ist, wer dahinter steht? Welche Personen stehen hinter der Währung? Sind sie vertrauenswürdig?» Viele Betrüger würden rasch in den einschlägigen Internetforen entlarvt, sagt Diemers. «Die Selbstreinigungskräfte der Branche sind hoch.»

«Keine Fake-Währung»

Bei V-Coins versteht man die Kritik der Finanzmarktaufsicht jedoch nicht. «Was genau eine Kryptowährung ist, ist nirgends näher definiert. Nur weil V-Coins keine dezentrale, öffentliche Blockchain verwendet, heisst das noch keinesfalls, dass es sich um eine Fake-Kryptowährung handelt», sagt V-Coins-Direktor Jörg Haupt. Man setze auf eine ausge­klügelte private Blockchain. Haupt vermutet, dass die Konkurrenz versucht, V-Coins zu schaden. «Es gibt auf dem Markt kein vergleichbares Produkt. Dass wir da angegriffen werden, gerade von den Banken, die um ihr Geschäft fürchten, verwundert mich nicht.»

Auch für den Basler Anwalt Mario Roberty, der im August 2016 zu den Gründern des Vereins Quid Pro Quo zählte, ist das Vorgehen der Finma unverständlich. «Der E-Coin sollte eine Alternative zu unserem Finanz- und Bankensystem sein. Über das System hinter dem E-Coin wollte die Finma aber gar nichts wissen. Sie hat den E-Coin ohne jedes vertiefte Wissen kaputt gemacht.» Man wolle den Finma-Entscheid anfechten. Gläubiger seien bei E-Coins nicht zu Schaden gekommen. «Ich konnte meine E-Coins in V-Coins umtauschen. Jetzt will ich sehen, wie sich der Wert entwickelt. Es ist spannend. Ein bisschen wie Monopoly», sagt Roberty.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 07:00 Uhr

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