Immer mehr PET und Glas landen im Abfall

Laut offizieller Statistik sind die Schweizer vorbildliche Abfallsammler. Weil der Konsum rasant zunimmt, werfen sie in der Realität aber tonnenweise wiederverwertbares Material fort.

In den Abfall statt in den Sammelcontainer: Immer mehr Glas und PET landen in der Kehrichtverbrennungsanlage wie derjenigen in Giubiasco TI. (3. September 2010)

In den Abfall statt in den Sammelcontainer: Immer mehr Glas und PET landen in der Kehrichtverbrennungsanlage wie derjenigen in Giubiasco TI. (3. September 2010)

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

«Sammeleifer der Bevölkerung ungebremst»: So oder ähnlich jubiliert das Bundesamt für Umwelt (Bafu), wenn es jeweils die jährliche Statistik zu den Verwertungsquoten für Getränkeverpackungen veröffentlicht. Tatsächlich entsorgen die Schweizerinnen und Schweizer so viele Flaschen und Dosen, dass die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind. Die minimale Verwertungsquote beträgt 75 Prozent. Wird sie unterschritten, kann das Uvek, das Departement von Bundesrätin Doris Leuthard (CVP), ein Pfand einführen. Die Quote lag in der Vergangenheit zumeist deutlich höher, so auch 2011 beim Glas (94 Prozent), Aluminium (91) und PET (81).

Hinter dieser Erfolgsmeldung verbirgt sich ein zweiter, freilich weniger erfreulicher Trend: Nicht nur die Menge recycelter Ware wächst, sondern auch der Abfallberg, der keine Wiederverwertung findet. Beim Glas etwa wurden im Jahr 2000 knapp 6000 Tonnen nicht verwertet, 2011 waren es bereits über 15'000. Dieselbe Entwicklung zeigt sich beim PET und Aluminium, wo die Zunahme nicht recycelter Getränkeverpackungen 75 respektive 300 Prozent beträgt. Ein Beispiel illustriert das Ausmass: Pro Tag landen in der Schweiz durchschnittlich zwischen 600'000 und 700'000 PET-Flaschen im Abfall statt in der Sammelbox. Pro Jahr sind dies fast 9000 Tonnen. Zum Vergleich: Die Gesamtmenge aller Siedlungsabfälle ist zwischen 2000 und 2011 weit weniger stark gewachsen, um 15 Prozent von 4,73 auf 5,47 Millionen Tonnen.

Mehrkosten in Millionenhöhe

Für die Betreiber der Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) bedeutet die Müllzunahme namentlich beim Glas eine finanzielle Belastung: «Wir sind nur an brennbarem Material interessiert», sagt Robin Quartier, Geschäftsführer des Verbands der Betreiber schweizerischer Abfallverwertungsanlagen (VBSA). Doch Glas brennt nicht und muss als sogenannter Verbrennungsrückstand für durchschnittlich 100 Franken pro Tonne entsorgt werden. Bei 15'000 Tonnen pro Jahr macht dies 1,5 Millionen Franken Zusatzkosten. Anders die – ebenfalls nicht brennbaren – Aluminiumdosen, welche die KVA nach dem Gang in den Ofen mit einem speziellen Verfahren aus der Schlacke zurückgewinnen können und einer Fachstelle für Recycling übergeben. PET-Flaschen schliesslich brennen sogar sehr gut, ihr Heizwert ist hoch. Als Aufruf, PET-Flaschen in den Abfall zu werfen, will Quartier dies aber nicht verstanden haben: PET-Flaschen gehörten recycelt, das sei ökologischer.

Das Bafu weiss um die anschwellende Abfallflut nicht recycelter Materialien, hält das Sammelsystem aber dennoch für einen Erfolg: «Die Verwertungsquoten sind sehr hoch, gerade auch im Vergleich zu den umliegenden Ländern», sagt Michel Monteil, Chef der Abteilung Abfall und Rohstoffe. Dass immer noch tonnenweise Glas, PET und Aluminium im Abfallsack statt im Sammelcontainer landen, beurteilt Monteil gleichwohl kritisch. «Doch schlimmer wäre es, wenn wir dieses Material wie in den meisten europäischen Ländern bloss deponieren würden.» Werde es hingegen – wie in der Schweiz seit Jahrzehnten schon – verbrannt, könne man die Energie nutzen, um Strom und Wärme zu produzieren. Die KVA würden zwei bis drei Prozent des Energiekonsums in der Schweiz abdecken, so Monteil.

50 Rappen pro Flasche

Dass der Müllberg aus Glas, PET und Alu in die Höhe wächst, treibt auch die Politiker in Bern um. Nationalrat Bastien Girod (Grüne) hält das aktuelle System für den falschen Ansatz. «Quoten nützen der Umwelt nur vordergründig, entscheidend ist die absolute Belastung.» Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft, die vom Wachstum entkoppelt sei, müsse Recyclingquoten von 100 Prozent anstreben. Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt Girod die Einführung eines Pflichtpfands für Getränkeflaschen und -dosen von etwa 50 Rappen vor. Dies sei ein wirksamer Anreiz, um die Wegwerfmentalität einzudämmen, so Girod. Zu diesem Schluss gelangt auch das Umweltbundesamt in Deutschland, wo die Konsumenten auf jede Dose Bier einen Zuschlag zahlen müssen. Nationalrat Alois Gmür (CVP) will das Pfandsystem nun auch in der Schweiz einführen. Wohl in der Sommersession kommt sein Vorstoss ins Parlament. Seine Erfolgschance scheint jedoch bescheiden, hat sich die vorberatende Kommission doch deutlich gegen das Ansinnen ausgesprochen.

Silva Semadeni (SP) schlägt daher als «Kompromisslösung» vor, die gesetzlich festgelegte Mindestquote von 75 auf 90 Prozent zu erhöhen. «Die massive Zunahme an Getränkeverpackungen aus PET und Alu verstärkt das Littering, das ohnehin schon ein grosses Ärgernis ist», sagt sie. Dagegen vorzugehen, müsse auch im Sinne des Bundesrats sein. Dessen Aktionsplan Grüne Wirtschaft sieht in der Tat vor, künftig deutlich mehr Material wiederzuverwerten. Wie, ist jedoch offen. Das Bafu äussert sich zu den beiden Vorstössen noch nicht, da sie da sie Gegenstand politischer Beratungen seien.

Branche will nur sensibilisieren

Widerstand gegen die Pläne Semadenis und Gmürs formiert sich in der Recycling-Industrie. Die Einführung eines Pflichtpfands würde das «bestehende, gut funktionierende Separatsammlungssystem» aushebeln, warnen die drei grossen Recycling-Organisationen Swiss Recycling, Igora und PET-Recycling Schweiz. Sie setzen stattdessen auf «permanente Sensibilisierung» der Bevölkerung, wie Matthias Traber sagt, Sprecher von Swissrecycling. Auch bringe eine Erhöhung der Quote im Kampf gegen das Littering nur wenig. Getränkeverpackungen würden nur 13 Prozent des Litteringabfalls ausmachen.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt