Als Pflegehelfer raus aus der Sozialhilfe

Fast neun von zehn Flüchtlingen beziehen Sozialhilfe. Das Rote Kreuz bildet nun Flüchtlinge zu Pflegehelfern aus – und konnte inzwischen selbst skeptische Branchenvertreter überzeugen.

Der 29-jährige Saikou Camara betreut im Tilia-Pflegezentrum in Köniz eine 106-jährige Bewohnerin. Foto: Adrian Moser

Der 29-jährige Saikou Camara betreut im Tilia-Pflegezentrum in Köniz eine 106-jährige Bewohnerin. Foto: Adrian Moser

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Theresa Meyer* ist im Herbst 106 Jahre alt geworden. Kurz nach ihrer Geburt sank die Titanic, der Erste Weltkrieg brach während ihrer Kindheit aus, und kaum war der Zweite Weltkrieg zu Ende, wurde sie erstmals Mutter. Heute freut sie sich Frau Meyer über die kleinen Dinge des Lebens: über die immer noch glatte Haut («ich habe nie getrunken»), dass sie bis heute von Schmerzen verschont blieb – und über Saikou Camara, ihren Betreuer aus Gambia.

Der 29-Jährige ist vor sechs Jahren in die Schweiz geflüchtet und hat inzwischen den Status eines vorläufig Aufgenommenen. Im Tilia-Pflegezentrum in der Berner Vorortsgemeinde Köniz wurde er in einem Pilotprojekt des Schweizerischen Roten Kreuzes zum Pflegehelfer ausgebildet. Das Projekt ist ein Versuch, Flüchtlinge besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist dringend notwendig: Letztes Jahr bezogen 85,8 Prozent der anerkannten Flüchtlinge Sozialhilfe, bei den vorläufig Aufgenommenen waren es gar 88,4 Prozent. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe warnt denn auch vor einer finanziellen Zeitbombe. Seit Jahren wird deshalb gefordert, dass die öffentliche Hand Ausbildungsprogramme aufgleist.

Saikou Camara profitiert von der 2015 vom Bund und den Kantonen verabschiedeten Vereinbarung zur Mobilisierung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, der «Fachkräfteinitiative plus». Neben Frauen, älteren Arbeitnehmenden und Jugendlichen stehen auch Flüchtlinge im Fokus. Mittlerweile wurden im Rahmen der Fachkräfteinitiative 200 Projekte lanciert. Eins davon ist das Projekt Sesam des Roten Kreuzes.

Sesam richtet sich insbesondere an Flüchtlinge. Bis Ende 2018 sollen schweizweit mindestens 500 Teilnehmer zu Pflegehelfern ausgebildet werden. Das Staatssekretariat für Migration beteiligt sich mit rund einer Million Franken am Projekt. Involviert sind 18 Kantonalverbände des Schweizerischen Roten Kreuzes – darunter auch Zürich. Der Kanton Bern ist Vorreiter, weil hier vom Roten Kreuz ein spezielles Ausbildungsprogramm für Flüchtlinge entwickelt wurde. Beim diesjährigen Pilotversuch kamen die Teilnehmer aus Sri Lanka, Tibet, Eritrea, Gambia, Peru, dem Iran, Afghanistan und Syrien.

Küche, Bau, Heim

Saikou Camara hat in der Schweiz bereits in der Küche und auf dem Bau gearbeitet. Doch als er von Sesam hörte, fühlte er sich sofort angesprochen: «Ich habe auf meine innere Stimme gehört, denn ich möchte nicht nur Geld verdienen, sondern auch Menschen helfen.» In Gambia war er schon Mitglied des lokalen Roten Kreuzes und nahm als Gymnasiast an einem Erste-Hilfe-Kurs teil.

Seit Anfang Jahr hat er zusammen mit elf weiteren Teilnehmern zuerst ein viermonatiges Praktikum in der Hauswirtschaft des Könizer Heims absolviert – parallel zu intensivem Deutschunterricht. Haupttätigkeiten waren die Reinigung und hauswirtschaftliche Arbeiten.

«Die Konversationen im Alltag sind so etwas wie die Konfitüre für die Bewohner.»Ursula Hafed, Leiterin Pflege bei Tilia

Das Praktikum dient in erster Linie dazu, dass die Kursabsolventen ausreichend Deutsch lernen und sich an das Umfeld der Pflege gewöhnen. «Die Verbindung des Deutschkurses mit der praktischen Arbeit macht den Erfolg des Projektes aus», sagt Barbara Zahrli, Leiterin Bildung beim Roten Kreuz des Kantons Bern. Erst durch dieses «Sprachbad» würden die Flüchtlinge gut Deutsch lernen. Ziel ist es, dass die Teilnehmer sich von Niveau A2 auf B1 verbessern. Ab dieser Stufe können Fremdsprachige gut auf Deutsch kommunizieren. «Es ist sehr anspruchsvoll in so kurzer Zeit und wird mit einem Sprachtest geprüft», sagt Zahrli. Erst wer den Test bestanden hat, darf mit dem anschliessenden Lehrgang Pflegehelfer beginnen.

Das Praktikum dauerte knapp sechs Monate. «Unsere Aufgabe ist es, den Bewohnern bei ihren Aktivitäten zu helfen und sie zu motivieren», sagt Saikou Camara. Dazu zählen Körperpflege, Essenseinnahme, Bewegungstraining und aufmunternde Gespräche, die Teil der wichtigen Alltagsgestaltung sind. «Die Konversationen sind so etwas wie die Konfitüre für die Bewohner», ergänzt Ursula Hafed, Leiterin Pflege bei Tilia. Das weiss auch Theresa Meyer zu schätzen. Dabei ist sich die alte Dame auch der Notwendigkeit solcher Ausbildungsprogramme bewusst: «Wir sind doch da, um miteinander auszukommen; wenn es im Grossen kracht, dann sollten wir wenigstens im Kleinen Frieden haben.»

Medizinischen Tätigkeiten

Zentral ist, dass die angehenden Pflegehelfer ihre Arbeit stets entsprechend ihrer Qualifikation und auf Anordnung des Pflegefachpersonals ausführen – medizinische Tätigkeiten sind ihnen nicht erlaubt. Die Flüchtlinge des Projekts Sesam werden in der Ausbildung eng betreut. Jeder Arbeitstag beginnt für das ganze Team einer Abteilung mit einem Rapport, bei dem das Pflegefachpersonal die jeweiligen Aufgaben, die Pflegehelfer und die Bewohner aufeinander abstimmen. Abhängig vom jeweiligen Pflegeaufwand ist Camara täglich für mehrere Personen zuständig. Die Pflegefachkraft kontrolliert zu Beginn des Praktikums, ob der Praktikant seine Aufgaben selbstständig ausführen kann. Ist dies grundsätzlich einmal sichergestellt, findet die Qualitätskontrolle mehrmals täglich mittels Gesprächen in den Pausen, beim Mittagessen und abends während des Schichtwechsels statt.

«Wenn es im Grossen kracht, dann sollten wir wenigstens im Kleinen Frieden haben.»

Theresa Meyer

Damit wurde auch auf die anfänglichen Vorbehalte in der Pflegebranche reagiert. Als vor einigen Jahren die Idee, Flüchtlinge als Pflegehelfer einzusetzen, aufgekommen war, begrüsste dies zwar der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer SBK grundsätzlich. Aber nur unter bestimmten Bedingungen: Als wichtigste Voraussetzungen wurden die Sprachkompetenz sowie eine intensive Anleitung der Flüchtlinge durch das Fachpersonal genannt. «Aus meiner Sicht ist dies mit dem Sesam-Bildungsangebot gewährleistet», sagt heute SBK-Präsidentin Helena Zaugg. Man werde aber darauf achten, dass Pflegehelfer im Interesse der Sicherheit für die Patienten nicht Tätigkeiten des besser ausgebildeten Fachpersonals ausführten. «Dieses Risiko besteht angesichts des Pflegenotstands.»

Camara ist nach dem knapp zwölf Monate dauernden Kurs nun frisch diplomierter Pflegehelfer. Mit dem schweizweit anerkannten Zertifikat könnte er sich in jedem Pflegeheim bewerben. Doch das Tilia-Pflegezentrum ist mit ihm sehr zufrieden und wird ihn weiterbeschäftigen. Sein neues Ausbildungsziel heisst Fachangestellter Gesundheit. Um es zu erreichen, muss er eine mehrjährige Ausbildung absolvieren.

Es fehlen Fachleute

Laut Christine Chappuis, Sprecherin der Tilia-Stiftung für Langzeitpflege, ist man heute in der Pflege etwa zur Hälfte auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen: «Wir brauchen Strategien, um den Pflegenotstand in der Schweiz zu lösen.» Viel höher als bei den niedrig qualifizierten Pflegehelfern sei der Bedarf nach Pflegefachleuten. «Deshalb ist es ein grosser Erfolg, wenn wir die zu Pflegehelfern ausgebildeten Flüchtlinge anschliessend weiter ausbilden können.»

Allein im Kanton Bern bildet das Schweizerische Rote Kreuz jährlich 750 Pflegehelfer aus. Laut einer eigenen Umfrage finden gut 80 Prozent der Absolventen innerhalb eines Jahres eine Anstellung. Elf davon waren dieses Jahr Flüchtlinge, zehn haben den Kurs bestanden, vier suchen noch einen Job. Ausser Camara waren die übrigen Absolventen Sozialhilfeempfänger. Das Rote Kreuz zieht deshalb eine sehr positive Bilanz. Nach dem diesjährigen Pilotprojekt sollen ab dem nächstem Jahr allein im Kanton Bern jährlich 20 bis 30 Flüchtlinge ausgebildet werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2017, 21:31 Uhr

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