Sans-Papiers ignorieren, ist keine Lösung

Anstatt erneut Polemik gegen die bösen Ausländer zu betreiben, sollte sich der Nationalrat besser ein Vorbild am Genfer Modell nehmen.

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Sie sind da, obwohl sie es nicht sein dürften: die Sans-Papiers. Jene Menschen, die ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz sind. Die überwiegende Mehrheit von ihnen arbeitet, bei einigen bezahlt der Arbeitgeber sogar die AHV. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen; eine Studie von 2015 schätzt die Zahl auf 76'000. Von Einzelfällen kann also keine Rede sein.

Der typische Sans-Papiers ist eine Sie, stammt aus Lateinamerika und ist nach Ablauf des legalen Aufenthalts in der Schweiz geblieben. Illegal. Und genau das ist das Dilemma. Auf der einen Seite steht ein Mensch, der vielleicht zehn Jahre in der Schweiz gelebt hat und dessen Kinder hier zur Schule gehen. Auf der anderen Seite steht das Gesetz, das dieser Mensch gebrochen hat. Bedeutet eine grosszügigere Regulierung, wie sie der Kanton Genf vorlebt, eine Belohnung für Gesetzesbrecher? Bis zu einem gewissen Punkt sicher. Daran kann man sich stören.

Denunziation trifft genau die Falschen

Eine Entschuldigung dafür, die Existenz des Problems zu leugnen, wie das der Zürcher Regierungsrat macht, ist es gleichwohl nicht. Auch die drastischen Verschärfungen, welche die nationalrätliche Gesundheitskommission beschlossen hat, werden die Sans-Papiers nicht zum Verschwinden bringen. Die Idee, dass Lehrer deren Kinder bei der Einwohnerkontrolle denunzieren sollen, trifft vielmehr jene, die am wenigsten für ihre Situation können: die Kinder, die dann gar nicht mehr zur Schule geschickt werden. Denn selbst wenn sich die Situation der Sans-Papiers hierzulande verschlechtert – in die Heimat zurück wollen nur die wenigsten.

Statt aus ideologischen Gründen jetzt auch noch gegen die Sans-Papiers zu schiessen, wären der Nationalrat – und mit ihm die Kantone – deshalb besser ­beraten, einen Blick über den Röstigraben zu werfen und sich ernsthaft mit dem Genfer Modell auseinanderzusetzen. Dieses zeigt auf, wie man die Problematik der Sans-Papiers pragmatisch und menschlich ­lösen kann. Das ist vielleicht weniger schlagzeilenträchtig als die x-te Polemik gegen die bösen Aus­länder. Dafür bringt es die Schweiz – und die Sans-­Papiers mit ihr – einen Schritt weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 22:54 Uhr

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