«Ich muss das nicht, weil ich nichts verbrochen habe»

Der umstrittene Präsident des Islamischen Zentralrats Nicolas Blancho sollte sich in der «Arena» gegen den Verdacht wehren, seine Organisation sei fundamentalistisch. Ganz gelang ihm das nicht.

Ruhiger Auftritt: Nicolas Blancho in der «Arena».

Ruhiger Auftritt: Nicolas Blancho in der «Arena».

(Bild: SF/Arena)

Immer wieder drehte sich die Diskussion in der «Arena» des Schweizer Fernsehens um die eine, grosse Frage: Lässt sich eine strikte Auslegung des Koran mit der Schweizer Rechtsordnung vereinbaren, oder lässt sie sich das nicht?

Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats der Schweiz und nach eigenen Angaben strenggläubiger Muslim, trat an, um die Treue seiner Organisation zum Rechtsstaat zu bestätigen. «Das Schweizer Recht ist für uns das Dach, unter dem Menschen verschiedener Religionen ihren eigenen Glauben leben können», wiederholte er mehrere Male während der Sendung. «Wir widersprechen dem Recht nicht», «das steht nicht im Gegensatz zu der Verfassung», «wir halten uns an das Recht».

In seinem Innern, so zusammengefasst die Aussagen von Blancho, könne er glauben, was er wolle – so lange er sich äusserlich an das Schweizer Recht halte, könne man ihm nichts vorwerfen.

«Distanzieren Sie sich!»

CVP-Nationalrat Gerhard Pfister und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger liessen das nicht gelten: Blancho und seine Organisation müssten sich offen von Werten distanzieren, die dem Schweizer Rechtsstaat zuwider laufen. «Distanzieren Sie sich!», rief Pfister Blancho zu. «Distanzieren Sie sich von Steinigungen, Frauenbeschneidungen und allem weiterem, das in einem Rechtsstaat nicht zu suchen hat.» Freysinger ergänzte: «Sagen Sie es jetzt, Herr Blancho, sagen Sie, dass Sie sich von Frauenbeschneidungen distanzieren.»

Blancho schwieg. Sagte schliesslich: «Ich muss diesen Tatbeweis nicht erbringen, weil ich nichts verbrochen habe.» Und wieder kam das Argument, er könne «persönlich glauben, was er wolle», solange er sich an das Recht halte. Wenn ein Mensch aus seiner Ideologie heraus die Todesstrafe in den USA grundsätzlich befürworten würde, ob er dann etwa den Schweizer Rechtsstaat und die Demokratie gefährde? Klatschen im Publikum, eine Antwort aus der Runde bleibt aus.

«Einen anderen Weg finden»

Dass Blancho in seinem Auftreten übrigens nicht alle Muslime vertritt, machte Farhad Afshar klar, der Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz. Blancho und seine Gruppe seien Fundamentalisten, wie es sie in jeder Religion gäbe. Dass sie sich so kleideten und präsentierten, müsse man akzeptieren. «Ich persönlich finde es eher amüsant.» «Tages-Anzeiger»-Sektenexperte Hugo Stamm suchte eine mögliche Erklärung für den Weg, den Blancho gewählt hat: Konvertiten, so Stamm, suchten sich oft durch eine Radikalisierung ihrer neuen Identität zu vergewissern.

Moderator Reto Brennwald nannte schliesslich ein Beispiel, an dem sich die Debatte um die Verträglichkeit des Schweizer Rechtsstaats mit einem orthodoxen Islam kondensiert. Nach dem Beschluss der Armee, dass Muslime im Dienst nicht fünf Mal am Tag für Gebete dispensiert werden dürften, regt sich Widerstand aus den Reihen von Blanchos Islamischem Zentralrat. Ein muslimischer Offizier hat sich auf der Webseite der Gruppierung gegen den Entscheid ausgesprochen. Blancho dazu: «Wir sind der Auffassung, dass es in einem demokratischen Staat nichts geben soll, was die Ausübung des Kultus einschränkt.» Er werde auf dem üblichen rechtlichen Weg versuchen, gegen die Regel vorzugehen. Einen Richterspruch würde er akzeptieren, sagt Blancho. Es folgt die Ergänzung: «Dann müssten wir halt einen anderen Weg finden.»

DerBund.ch/Newsnet

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