«Ich möchte deutlich sagen, es ist sehr gefährlich»

In den Bergen herrscht die höchste Lawinenwarnstufe. Wie man sich schützt, erklärt Kurt Winkler vom schweizerischen Lawinenforschungsinstitut.

In der Nacht auf Montag ist eine Lawine in die Talstation der Gotschna-Bahn in Klosters GR gedonnert. (Video: Leserreporter 20 Minuten)

Warum ist die Lawinensituation derzeit so gefährlich?
Erst mal möchte ich deutlich sagen, dass die aktuelle Situation sehr gefährlich ist. Wir haben mit Stufe 5 verbreitet eine sehr grosse Lawinengefahr, die höchste Stufe, die wir haben. Vor allem im Nordosten gab es in den letzten zwei Wochen sehr viel Schneefall. Gestern und heute kamen nochmals massive Schneefälle mit viel Wind dazu. Das waren sozusagen die Schneeflocken, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Wie lange bleibt die Situation bestehen?
Wir erwarten, dass die Niederschläge in der Nacht aufhören. Mit dem Ende der Niederschläge nimmt in der Regel auch die Gefahr ab. Ob sich das auf die Lawinenwarnstufe auswirkt, entscheiden wir heute um 17 Uhr beziehungsweise morgen um 8 Uhr.

Warnstufe 5 ist eher selten, sie war letztmals letzten Januar und im Lawinenwinter 1999 grossflächig aktuell. Was ist der Unterschied zu damals?
Dieses Mal liegt ein heftiges kurzes Ereignis vor. Letztes Jahr war es ein länger andauerndes Ereignis. Und 1999 hatten wir über Wochen hinweg prekäre Verhältnisse. Wettermässig sind sich die Situationen aber sehr ähnlich. In allen herrschte Nordwest-Staulage. Das bedeutet, dass sehr feuchte Luft aus Nordwesten in die Schweiz zieht und an den Alpen gestaut wird. Das ergibt massive Stauniederschläge. 1999 und letztes Jahr kamen mehrere solcher Schübe nacheinander. Noch sieht es nicht so aus, als ob bald weitere folgen werden.

Bilder: Lawinensituation in der Schweiz

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Wenn man jetzt in den Bergen ist, worauf muss man achten?
Es gibt in allen Regionen lokale Sicherheitsdienste. Wenn diese Strassen, Winterwanderwege und Pisten sperren oder Häuser evakuieren, ist es wichtig, dem Folge zu leisten. Dass man bei solchen prekären Verhältnissen nicht neben die Piste geht, sollte klar sein.

Als Tourist muss ich mich darauf verlassen, dass die Leute vor Ort eingreifen, wenn es gefährlich wird?
Es gibt überall lokale Lawinendienste und die greifen auf ein ganzes Netz von Beobachtungen und Messstationen zu und tauschen sich mit uns aus. Sie können sich darauf verlassen, dass die Behörden gut informiert sind und die nötigen Sicherheitsmassnahmen treffen. An diese muss man sich dann halten.

«In der Zwischenzeit haben wir viel mehr Infrastruktur und viel mehr Leute in den Bergen und es passiert viel, viel weniger.»

Auf der Schwägalp wurden zwar Wanderwege gesperrt, aber das Hotel nicht evakuiert. Hat man die Situation unterschätzt?
Offensichtlich wurde man von der Lawine überrascht. Sie war wirklich gross.

Das Hotel steht teilweise in einer Zone mit mittlerer Gefährdung. Wie oft werden Gebäude, Schienen oder Strassen von einer Lawine getroffen?
Wenn man längere Zeit zurückschaut – wir zeichnen seit 80 Jahren Lawinenunfälle auf –, lässt sich Folgendes sagen: Früher gab es viele Lawinenopfer in Siedlungen und auf Strassen. In der Zwischenzeit haben wir viel mehr Infrastruktur und viel mehr Leute in den Bergen und es passiert viel, viel weniger. Ein grosser Teil der tödlichen Unfälle geschieht heute im freien Skigelände, also neben der Piste. Wir haben das Risiko auf Verkehrswegen und in Siedlungen sehr stark reduziert durch Lawinenverbauungen, Sprengungen, bessere Information und die Kartierung von Gefahren. Aber ein minimales Restrisiko bleibt halt einfach bestehen, wenn man in den Bergen ist.

Als Laie hat man das Gefühl, es hat etwas mit dem Klimawandel zu tun.
Wetter und Klima sind zwei verschiedene Sachen. Das Klima bezieht sich immer auf durchschnittliche Werte. Es gibt aber keine durchschnittliche Lawinengefahr. Sie ist immer vom momentanen Wetter und dem vorherigen Verlauf des Wetters abhängig.

In zwei Wochen fangen die Skiferien an. Kann ich noch Ski fahren gehen?
Skifahren auf der Piste können Sie jederzeit. Wenn eine Piste offen ist, können sie sogar heute Ski fahren. Das wird gleich gehandhabt wie bei einer Strasse, der Betreiber muss sie vor Naturgefahren sichern. Und sonst lässt er sie zu, und dann müssen Sie die Sperrung beachten. Wer auf der Piste bleibt, kann ungeniert in die Berge. Wer neben die Piste will, braucht Erfahrung in der Beurteilung der Lawinengefahr. Das kann man sich nicht in zwei Wochen aneignen.

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