«Als ich die Securitas im Zug sah, dachte ich, jetzt ist alles vorbei»

Martina Gonzales kam vor zehn Jahren als Sans-Papiers in die Schweiz. Seither lebte sie im Untergrund. Doch nun ist die Aufenthaltsbewilligung in Sicht.

Martina Gonzales ist in zehn Jahren nie in eine Kontrolle geraten. Foto: Raisa Durandi

Martina Gonzales ist in zehn Jahren nie in eine Kontrolle geraten. Foto: Raisa Durandi

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«Das Wetter war eisig kalt, und dies mitten im Sommer», sagt Martina Gon­zales *. Die Rede ist von ihrer Ankunft in der Schweiz im August 2007. «Ich bin mit dem Ziel gekommen, Arbeit zu finden – egal, wie und zu welchem Preis», erklärt die 55-Jährige. So lässt sie ihr Touristenvisum ablaufen und bleibt.

Gonzales ist anpackend, fröhlich und direkt. Dass sie hier unter einem Deck­namen erscheint, passe gar nicht zu ihr. Zum Aufbruch aus der Heimat Kolumbien habe sie sich entschieden, als ihr Leben aus den Fugen geraten sei. Sie hat sich von ihrem Mann scheiden lassen und verlor kurz darauf ihre Stelle als Sekretärin bei einer Exportfirma. Um ihrem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen, entschied sie sich zum Aufbruch in Richtung Schweiz – allein. «Das Kind zurückzulassen, war der schwerste Entscheid meines Lebens», so Gonzales.

«Ich lernte schnell, dass es gut ist, nicht aufzufallen.»

«In der Schweiz führe ich kein unbeschwertes Leben», sagt sie. Ihre grösste Angst sei es, entdeckt oder von jemandem verraten zu werden. Dieses Gefühl begleite sie die ganze Zeit. «Als ich das erste Mal im Zug zwei Securitas begegnet bin, dachte ich kurz, jetzt sei alles vorbei», erinnert sie sich. Die beiden Herren seien dann aber vorbeigezogen, ohne ihr Beachtung zu schenken. «Ich lernte schnell, dass es gut ist, nicht aufzufallen», sagt Gonzales. Dazu gehöre für sie auch, in der Öffentlichkeit nicht zu ernst dreinzublicken. Zudem bleibe sie Partys oder Massenveranstaltungen fern. «Dies macht mein Leben einsam, doch ist es am sichersten», sagt Gonzales.

Die ersten Monate lebte die Kolumbianerin bei ihrer Schwester in Bern. Diese war einst ebenfalls illegal in die Schweiz gezogen, lernte jedoch bald einen Schweizer kennen, den sie heiratete. «Sie hatte wirklich Glück», sagt Gonzales. Sie selbst fühlte sich nach wenigen Monaten heimisch genug, um allein zu wohnen. Doch ein WG-Zimmer in der Stadt Bern zu finden, war eine Herausforderung. «Ich habe meinen Aufenthaltsstatus stets ehrlich offengelegt.» Da gab es dann den einen oder anderen Vermieter, der überhöhte Preise forderte. Doch schliesslich habe sie einen Ort gefunden, wo man sich nur dafür interessierte, ob sie den Ämtliplan einhalte. «Das habe ich noch so gerne gemacht.»

Vertrag nur per Handschlag

Und wie hält sich Gonzales finanziell über Wasser? «Putzen, putzen, putzen» – durch ihre Schwester fand sie rasch eine erste Stelle in einem Haushalt. Von da sei sie dann immer weiterempfohlen worden. «Mein Trick ist es, die Wohnung wie meine eigene zu behandeln und sie auch so zu reinigen», sagt Gonzales. Den Vertrag schloss sie jeweils mit Handschlag ab, bezahlt wurde bar. Probleme gab es nur einmal: Ein Mann vertröstete sie bei der Lohnzahlung über mehrere Monate hinweg. Gonzales wandte sich schliesslich an eine Gewerkschaft. Diese half ihr, das Geld einzutreiben – das sie umgehend ihrem Sohn nach Kolumbien schickte. Für sich selber gab die 55-Jährige nur das Nötigste aus. Neben der Miete sind die Krankenkassenbeiträge ihre einzigen regelmässigen Auslagen. Die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers hat Gonzales darauf hingewiesen, dass Krankenkassen auch Sans-Papiers versichern müssen.

Letzten August feierte Gonzales ihr zehnjähriges Schweizer Jubiläum. Die Beratungsstelle riet ihr daraufhin, ein Härtefallgesuch einzureichen. Dieses wurde im Februar von den Stadtberner Migrationsbehörden bewilligt. Derzeit sammelt sie die letzten Papiere, um das Anmeldeverfahren einzuleiten. Gonzales weiss jetzt schon, was sie als Erstes tun wird, wenn sie ihren gültigen Ausweis in den Händen hält: «Jubelnd meinen Sohn anrufen.»

* Name geändert


Bericht: Genf hilft den Sans-Papiers, Bundesbern droht ihnen

Rund 1100 Sans-Papiers haben im Rahmen eines Genfer Pilotprojekts eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Anders sieht die Situation in Bundesbern aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 21:42 Uhr

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