Zum Hauptinhalt springen

«Ich leiste mehr als vor dem Kollaps»

Wie Bundesrat Hans-Rudolf Merz lag Feuerwehrmann Christoph Schlitner nach einem Herz-Kreislauf-Kollaps im Koma. Heute treibt er mehr Sport denn je.

Christoph Schlitner arbeitet gut 150 Prozent, obwohl er im letzten Jahr im Koma lag.
Christoph Schlitner arbeitet gut 150 Prozent, obwohl er im letzten Jahr im Koma lag.
Keystone

Der Alarm kann jederzeit losgehen. Dann muss Christoph Schlitner, der in der Brust einen eingebauten Defibrillator trägt, blitzschnell entscheiden: Wie viele Männer muss er losschicken? Welche Löschgeräte müssen sie mitnehmen? Als Vizekommandant der Feuerwehr Steinhausen steht er knapp hundert Männern vor. Brennt es, können Leben und Tod von seinen Befehlen abhängen. Immer wieder steht er selber vor dem Feuer und kämpft gegen die Flammen. «So ist das eben als Feuerwehrmann», sagt er.

Am 21. November 2007 war der 45- Jährige selbst die Ursache eines Alarms – dieses Mal bei der Ambulanz. Am frühen Morgen fand ihn seine Partnerin bewusstlos im Schlafzimmer. Er war blau angelaufen, die Augen waren verdreht. Geistesgegenwärtig riss sie ihn runter vom weichen Bett auf den harten Boden und begann, sein Herz zu massieren. «Kurz davor hatte sie einen Kurs in Reanimation besucht», erzählt Schlitner. Wenige Minuten später traf der alarmierte Rettungsdienst ein. Doch es dauerte lange, bis Schlitners Herz wieder regelmässig schlug. In jenen 45nbspMinuten hat sich keiner gefragt: Kann er einst wieder als Vizekommandant der Feuerwehr dienen? Damals ging es ums nackte Überleben.

Keinen Herzfehler gefunden

Rund eine Woche später wachte Schlitner im Zuger Kantonsspital aus dem Koma auf, in das ihn die Ärzte ähnlich wie Bundesrat Hans-Rudolf Merz künstlich versetzt hatten. Der Medizinaltechniker, der früher Krankenpfleger war und als Rettungssanitäter arbeitete, wusste sofort: «Da war etwas Ernstes mit meinem Herzen.» Die Brandspuren des Defibrillators auf seiner Brust deuteten darauf hin. Schmerzen habe er kaum gespürt, aber die Fragen begannen bald in seinem Kopf zu drehen.

Vieles ist bis heute unklar geblieben. Warum hat er einen Herz-Kreislauf-Kollaps erlitten? Die Ärzte fanden keinen Fehler am Herzen. Deshalb bauten sie ihm den Defibrillator ein. Sollte es wieder zu einem Flimmern in der Herzkammer kommen, würde dieser mit Stromstössen das Herz wieder in den normalen Rhythmus bringen.

Wie viele Schäden bleiben?

Die ersten Tage nach dem Koma waren die schwierigsten: Wie viele Schäden würde er davontragen? «Diese Frage beschäftige mich unaufhörlich», erzählt Schlitner. Er versuchte, sich an alle möglichen Sachen zu erinnern, nur um sein Gedächtnis zu testen. «Nach und nach konnte ich viele Häckchen in meinem Kopf machen», sagt er. Von seiner Arbeit im Rettungsdienst wusste er, welche Komplikationen hätten auftreten können. Nach drei Wochen auf der Intensivstation kam Schlitner für drei Wochen in eine Rehabilitationsklinik. Dort musste er vor allem Sport treiben, unter den Augen der Therapeuten. Als er nach drei Monaten wieder Auto fahren durfte, begann Schlitner sofort wieder zu arbeiten.

Bundesrat Merz rät er zum Rücktritt

Heute sieht man Schlitner nichts mehr vom Kollaps an. Der Mann sprüht vor Energie, bewegt sich ruckartig und schnell, fast schon hastig. Beruflich ist er ständig auf Achse. Er ist im Kader einer Firma tätig, die Beatmungsgeräte vertreibt. Nebenbei engagiert sich Schlitner in der Feuerwehr und gibt ehrenamtlich Kurse in der Bedienung von Defibrillatoren. Alles zusammen gezählt, arbeitet er gut 150 Prozent. Nach Feierabend treibt er oft Sport. «Ich bin froh, dass mein Fitness-Studio bis 23 Uhr geöffnet ist», sagt er. Und: «Ich leiste mehr als vor dem Kollaps.» Angst vor einem zweiten Kollaps habe er nicht.

Und was empfiehlt Schlitner Hans-Rudolf Merz? Soll der Bundesrat in sein Amt zurückkehren? Schlitner lächelt und lässt sich dann zum ersten Mal viel Zeit für die Antwort: «Ein Amt, in dem die Belastung derart gross ist, würde ich nicht wieder antreten.» Besser wäre eine kreative Beschäftigung, die viel Freude bereitet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch