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«Ich habe kein Tamiflu in meiner Praxis»

Hausärztin Margot Enz erklärt, wie sie bei einem Verdacht auf Schweinegrippe vorgehen würde. Die Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin rät davon ab, Tamiflu auf Vorrat zu kaufen.

Frau Enz, hatten Sie in Ihrer Praxis bereits Patienten, die glaubten, an der Schweinegrippe erkrankt zu sein? Margot Enz: Nein, bis jetzt noch nicht. Allerdings gab es ja in Baden, wo ich meine Praxis habe, am Montag einen Verdachtsfall.

Wie würden Sie reagieren, wenn jemand in Ihre Praxis käme, der Symptome der Schweinegrippe aufweist? In der Regel melden sich die Patienten ja zuerst telefonisch. Am Telefon kann ich bereits Vorabklärungen bezüglich der Symptome treffen.

Ist es nicht schwierig für einen Hausarzt, per Ferndiagnose Verdachtsfälle auszuschliessen? Jein. Wenn jemand nur erkältet ist und leichtes Fieber hat und nicht aus einem betroffenen Gebiet eingereist ist, kann man Schweinegrippe ausschliessen.

Welches sind denn die typischen schnell erkennbaren Symptome einer Schweinegrippe? Die Symptome einer Schweinegrippe sind die gleichen wie diejenigen einer normalen Grippe: Gliederschmerzen und Kopfweh mit einem plötzlichen, raschen Fieberanstieg sowie Zeichen einer akuten Atemwegserkrankung.

Allerdings sind auch dies noch nicht sehr spezifische Symptome, oder? Das stimmt. Wenn jemand aber solche Symptome aufweist, würde ich dann weitere Abklärungen treffen. Ich frage den Patienten in diesem Fall, ob er in den letzten Tagen in einem Land war, in welchem die Schweinegrippe bereits ausgebrochen ist. Ich würde ihn auch fragen, ob er Kontakt hatte mit jemandem, der kürzlich in einem solchen Land war und an Grippesymptomen leidet.

Wie gehen Sie vor, wenn die Antworten des Patienten am Telefon tatsächlich auf die Schweinegrippe hindeuten? Selbstverständlich würde ich ihn in diesem Fall nicht in die Praxis bestellen – wegen der Ansteckungsgefahr. Wir sind von der Behörde angewiesen, Verdachtsfälle sofort dem Kantonsarzt zu melden.

Und dann? Der Patient würde hospitalisiert und dort isoliert, um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten. So verlief es auch mit jenem Verdachtsfall, den wir am Montag in Baden hatten.

Wie lange wird es dauern, bis klar ist, ob sich jene Person tatsächlich angesteckt hat mit der Schweinegrippe? Im Spital werden die entsprechenden Tests gemacht. Das sind Sekretabstriche. Diese werden nach Genf geschickt. Man sagt, die Auswertung daure ungefähr zwei Tage.

Haben Sie in diesen Tagen eigentlich viele Anrufe von verunsicherten Patienten? Ich muss sagen, am meisten bestürmt werde ich von den Medien. Heute habe ich schon einem halben Dutzend Journalisten Auskunft erteilt. Ich hatte bisher nur einen einzige Anfrage von einem Mann, der aus Bolivien stammt: Er fragte mich, ob er seine Reise nach Hause verschieben soll.

Was haben Sie ihm geraten? Nun, ich halte mich an die Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit. In diesem Fall habe ich dem Patienten gleich direkt die Notnummer des Bundesamtes für Gesundheit gegeben, die sie ja speziell wegen der Schweinegrippe aufgeschaltet hat.

Warum das? Sind Sie zu wenig informiert? Nein, nicht grundsätzlich. Das Problem für uns Hausärzte in diesem Zusammenhang ist: Es kann sich ja stündlich an den Reiseempfehlungen etwas ändern. Da ist es sehr schwierig, ständig auf dem Laufenden zu sein. Wir können ja nicht den ganzen Tag Radio hören.

Halten Sie ganz persönlich die Aufregung rund um die Schweinegrippe für übertrieben? Schauen Sie, grundsätzlich muss man die Situation sehr ernst nehmen. Man redet ja schon lange davon, dass eine Grippepandemie ausbrechen könnte. Wenn das nun tatsächlich eintrifft, muss eine grosse Zahl gut organisierter Massnahmen eingeleitet werden. Damit dies im Ernstfall funktioniert, ist es wichtig, dass man über die Thematik redet. Das ist die eine Seite.

Andererseits? Ich persönlich finde, dass von den Medien zurzeit zu viel Rummel erzeugt wird. Denn: Noch weiss man ja sehr wenig über die Krankheit. So sind bis heute von der WHO «nur» 26 an Schweinegrippe Erkrankte in Mexiko bestätigt worden. Davon sind 7 verstorben.

Hätten Sie für den Notfall das Medikament Tamiflu in Ihrer Praxis? Nein, das habe ich nicht.

Werden Sie es auch in Zukunft nicht anschaffen? Ob ich in der nächsten Zeit einen Vorrat anschaffen werde, ist offen. Ich halte mich diesbezüglich an die Weisungen der Behörde.

Empfehlen Sie Patienten, sich Tamiflu auf Vorrat zu beschaffen? Nein, eine unsachgemässe Verabreichung von Tamiflu erhöht die Gefahr der Resistenzentwicklung der Viren. Tamiflu ist rezeptpflichtig und kann deshalb von Patienten grundsätzlich gar nicht auf Vorrat gekauft werden.

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