«Ich habe gegen Christoph Blocher verloren»

Guy Parmelin gehört nicht zu Blochers engstem Umfeld. Er trat auch schon gegen ihn an – und verlor.

Guy Parmelin: «Gäbe es ein Alkoholproblem, hätte es jemand bemerkt.»<br />Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Guy Parmelin: «Gäbe es ein Alkoholproblem, hätte es jemand bemerkt.»
Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Wie fühlt man sich als Allenfalls-Bundesrat?
Das ist speziell: Vor zwei Wochen wurde ich noch als Alibikandidat bezeichnet. Jetzt gelte ich plötzlich als Favorit. Und nächste Woche? Es wäre besser, wenn ich am 9. Dezember der Favorit wäre. Aber ich nehme es, wie es kommt. Wenn ich nicht gewählt werde, weiss ich genau, was ich mache: Ich habe sieben Kilo Akten der Rentenreform 2020 auf meinem Pult und somit genug zu tun.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
50:50.

Das ist optimistisch bei drei Kandidaten.
Vor einer Woche hätte ich wahrscheinlich noch anders getippt.

Stört es Sie, wenn Sie mit den Stimmen der Linken gewählt werden?
Die Wahl ist geheim. Somit weiss ich nicht, wer mich gewählt hat. (er sagt es mit einem Augenzwinkern)

Umfrage

Guy Parmelin wäre der dritte Romand im Bundesrat. Geht das?




Es stört Sie also nicht?
Nein. Ich werde deswegen meine Linie nicht ändern.

Diese Woche mussten Sie sich erstmals Hearings in anderen Fraktionen stellen. Welches war die heikelste Frage, die Sie beantworten mussten?
Es gab keine besonders heiklen Fragen. Natürlich wurde ich immer wieder gefragt, ob ich fähig sei, eine grosse Verwaltung zu führen.

Sind Sie es?
Ja. Alain Berset hatte zum Zeitpunkt seiner Wahl auch keine grosse Führungserfahrung. Heute zweifelt niemand mehr an seinen Führungsqualitäten.

Er war immerhin Ständeratspräsident.
Ich habe zwei Jahre lang die national­rätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit präsidiert. Das ist nicht dasselbe, aber ebenfalls eine wichtige Aufgabe. Überdies war ich Korporal im Militär, führte die SVP Waadt und ­bildete Lehrlinge aus.

«Ignazio Cassis – mein Vizepräsident in der Kommission – sagte, ich würde unterschätzt. Vielleicht hat er recht.»

Es scheint uns ein ziemlich grosser Unterschied zu sein, ob man Lehrlinge führt oder sich gegen Chefbeamte durchsetzen muss.
Natürlich. Der Freisinnige Ignazio Cassis – mein Vizepräsident in der Kommission – sagte im welschen Radio, ich würde unterschätzt. Vielleicht hat er recht.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie bisher maximal geführt?
Zu gewissen Zeiten fünf bis sechs.

Als Bundesrat müssten Sie mehrere Tausend führen. Beschleichen Sie nicht manchmal Zweifel, dass Ihnen dies gelingt?
Nein. Andere Bundesräte konnten das auch. Willi Ritschard hatte als Heizungsmonteur keine akademische Bildung. Und war ein guter Bundesrat.

Anders als zu Ritschards Zeiten wird heute von einem Bundesrat verlangt, dass er Englisch spricht. Dies scheint nicht Ihre Stärke zu sein.
Es ist auch nicht unbedingt nötig. In jüngster Zeit gab es den einen oder ­anderen Bundesrat, der kein Englisch beherrschte. Auch gewisse französische Minister mit wichtigen Posten sprechen schlecht oder gar kein Englisch und ­führen ihr Departement trotzdem kompetent.

Warum soll das Parlament ausgerechnet Sie in den Bundesrat wählen?
Ich könnte sagen, weil ich der Beste bin. Aber Spass beiseite: Alle drei SVP-Kandidaten sind fähig.

Worin heben Sie sich denn von den beiden anderen Kandidaten ab?
Ich habe langjährige Erfahrung im Bundeshaus und sitze seit zwölf Jahren in ­einer wichtigen Kommission. So konnte ich wertvolle Kontakte zu anderen Parteien und in die Verwaltung aufbauen. Dies ist mein Trumpf. Dafür ist Thomas Aeschi jung und dynamisch, Norman Gobbi hat Erfahrung als Regierungsrat. Jetzt kann das Parlament wählen.

Laut der «SonntagsZeitung» hat «Die Weltwoche» über Ihren Alkoholkonsum recherchiert. Wurden Sie kontaktiert?
Nein, ich habe dies gelesen und gedacht: Die sind verrückt. Ich bin seit zwölf Jahren in der Gesundheits­kommission, in der auch Ärzte sitzen. Gäbe es ein solches Problem, hätte es jemand bemerkt.

«Englisch ist nicht unbedingt nötig. Es gab schon den einen oder anderen Bundesrat, der es nicht beherrschte.»

Sie haben also kein Alkoholproblem?
Nein. Ganz klar nein. Ich trinke gerne ein Glas Weisswein zum Essen - mit Mass. Meinen letzten Rausch hatte ich als Jugendlicher.

2011 haben Sie zum Leidwesen Ihrer Partei nicht für den Waadtländer Regierungsrat kandidiert. Die SVP verlor darauf den Sitz an die Grünen, wodurch Rot-Grün die Mehrheit erlangte. Warum haben Sie dies nicht mit Ihrer Kandidatur verhindert?
Ich habe damals klar gesagt, dass ich mein Mandat in Bern vorziehe. Mich interessieren die Sozialversicherungen, die Landwirtschaft und die Energiestrategie stärker als regionale Themen. Dank meines Verbleibs im Nationalrat habe ich nun vier Jahre mehr Erfahrung im Bundeshaus.

Dafür fehlt Ihnen die Führungserfahrung, die Sie als Regierungsrat hätten erlangen können.
Vielleicht. Aber ich wollte 2011 noch nicht Bundesrat werden. Ich sage immer: Nur Pascal Couchepin wusste bereits bei der Geburt, dass er Bundesrat wird.

Sie stellten sich 2011 sehr wohl als Bundesratskandidat zur Verfügung, um den Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf zu attackieren.
Das war Ende 2011. Die SVP-Fraktion entschied damals, den Sitz mit Jean-François Rime anzugreifen. Für mich war klar: Wenn die Möglichkeit eines Tages wiederkommt, werde ich mir eine Kandidatur nochmals überlegen. Heute habe ich mehr Parlamentserfahrung. Und wir attackieren nicht den Sitz einer amtierenden Bundesrätin.

Was würden Sie als Ihren grössten politischen Erfolg bezeichnen?
Als ich Präsident der SVP Waadt war, konnten wir bei den Wahlen 2003 unsere Nationalratssitze verdoppeln – von zwei auf vier.

Und Ihr grösster Erfolg als Nationalrat?
Ich habe erreicht, dass die Mineralölsteuer an die Bauern und an den öffentlichen Verkehr zurückerstattet wird. Das sind immerhin 70 Millionen Franken.

Welche Niederlage schmerzte Sie am stärksten?
Die Abwahl von Christoph Blocher. Das war ein Schock.

Stehen Sie ihm nahe?
Ich habe grossen Respekt vor ihm, gehöre aber nicht zu seinem engsten ­Umfeld.

Ich habe Christoph Blochers direkte Telefonnummer nicht.

Sie telefonieren also nicht regelmässig mit ihm?
Nein, ich habe seine direkte Nummer nicht.

Haben Sie Christoph Blocher auch mal widersprochen?
Ja. Als Präsident der SVP Waadt setzte ich mich für den Mutterschaftsurlaub ein. Ich war überzeugt, dass wir diese Lücke bei den Sozialversicherungen schliessen müssen. An einer Delegiertenversammlung in Grenchen traf ich auf Christoph Blocher, der gegen die Vorlage war. Ich hielt mein Plädoyer nach seinem Auftritt. Danach ist jemand zu mir gekommen und sagte, meine Argumente hätten ihn überzeugt. Das war Jean-François Rime.

Die Mehrheit der Partei folgte Ihnen aber nicht.
Richtig. Ich habe gegen Christoph ­Blocher verloren. Aber der Kanton Waadt hat dem Mutterschaftsurlaub ­zugestimmt.

Inzwischen sind Sie nach rechts gerutscht, wie Sie selbst konstatieren. Würden Sie dem Mutterschaftsurlaub immer noch zustimmen?
Ja. Ich bin jedoch nicht bereit, ihn auszubauen. Im Moment haben wir bei den Sozialversicherungen riesige Probleme. Da geht es um Milliardenbeträge. Folglich müssen wir uns auf die Hauptpunkte konzentrieren.

Sind Sie mit der Rentenreform, wie sie der Ständerat aufgegleist hat, zufrieden?
Zum Teil. Die Vermischung zwischen AHV und zweiter Säule ist gefährlich. Und ich finde es falsch, 70 Franken mehr AHV-Rente nur für die Neurentner zu zahlen.

Damit will der Ständerat die Reduktion des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule kompensieren, die zu tieferen Renten führt.
Wir sollten die beiden Säulen getrennt angehen. Deshalb müssen wir die Reduktion des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule selbst kompensieren.

Ganz oder nur zum Teil?
Die Beträge sind derart hoch, dass man wahrscheinlich nur einen Teil kompensieren kann.

Wie steht es mit dem Rentenalter? Muss es erhöht werden?
Noch nicht. Wir machen jetzt eine Übergangsreform. Später werden wir aber kaum darum herumkommen. Das sieht man auch in Schweden und Deutschland.

Als Bundesrat könnten Sie die längerfristige AHV-Reform massgeblich mitgestalten. Würden Sie am liebsten das dafür zuständige Departement des Innern übernehmen?
Ja, das wäre mein Lieblingsdepartement, weil ich diese Dossiers bereits kenne und damit gleich loslegen könnte. Aber der Neugewählte nimmt selbst­verständlich, was ihm zugeteilt wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2015, 23:35 Uhr

Zur Person

Guy Parmelin

Der 56-Jährige ist einer der drei offiziell nominierten SVP-Bundesratskandidaten – neben Thomas Aeschi und Norman Gobbi. Guy Parmelin wurde 2003 in den Nationalrat gewählt. Zuvor sass er zehn Jahre lang im Waadtländer Kantonsparlament. Von 2000 bis 2004 präsidierte er die SVP des Kantons Waadt. Parmelin ist diplomierter Landwirt und Weinbauer, verheiratet und lebt in Bursins. (is.)

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