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Hinter Gitter statt in den Jihad

Wer ist die Winterthurerin, die mit ihrem Sohn beim Islamischen Staat leben wollte? Eine Spurensuche.

Die 31-jährige IS-Sympathisantin aus Winterthur vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Illustration: Robert Honegger
Die 31-jährige IS-Sympathisantin aus Winterthur vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Illustration: Robert Honegger

Sie lächelt. Sie schmunzelt. Sie grinst. Und manchmal, da lacht sie so laut, dass man sie im ganzen Gerichtssaal hört. «Was machen Sie den ganzen Tag?», will Richter Stefan Heimgartner von ihr wissen. «Ich sitze einfach zu Hause. Surfe im Internet», antwortet sie. Und lacht. «Das sind sehr persönliche Dinge! Die ganze Welt weiss nachher darüber Bescheid!»

Wenn die Beschuldigte lacht, was sie während der Befragung am Bundesstrafgericht in Bellinzona mehrfach tut, wirkt sie belustigt. Amüsiert. Vor allem aber genervt. Ihre Sozialarbeiterin? Sie lacht. Ihre Betreuerin im Rahmen des kantonalen Gewaltschutzprogrammes, dem sie seit ihrer erzwungenen Rückkehr untersteht? Sie lacht. Das psychiatrische Gutachten, das ihr ein deutliches bis hohes Risiko attestiert, sich erneut einer Terrororganisation anzuschliessen? Sie lacht. Es attestiert ihr zudem ein moderates Risiko, selber gewalttätig zu werden. Ein Monitoring sei zwingend erforderlich. Die Chancen auf einen positiven Verlauf seien gering.

«Ich bete fünfmal am Tag. Ich faste. Was soll ich sonst noch sagen?»

Winterthurer Jihad-Reisende

Manchmal, wenn sie nicht lacht, stellt sie Fragen. Zum Beispiel, wenn sie der Richter zu ihrem Alltag als strenggläubige Muslimin befragt: «Ich bete fünfmal am Tag. Ich faste. Was soll ich sonst noch sagen?» Oder: «Weshalb wurden mir diese Fragen gestellt? Damit man mich nachher attackieren kann!» Und sie wird sehr direkt: «Ich möchte das nicht immer wiederholen. Ich glaube nicht, dass das etwas bringt.» Hakt er nach, antwortet sie: «Ich wüsste nicht, was daran unklar ist.» Oder: «Sagen Sie mir, wann ich die Aussage verweigern kann. Ich will nichts mehr sagen.»

Die Frau, die so spricht, heisst F. S. und stammt aus Winterthur. Sie ist dort geboren und mit zwei Geschwistern aufgewachsen, sie hat dort die Schulen besucht. Heute ist sie 31 Jahre alt und Mutter eines knapp 6-jährigen Sohnes. Die Bundesanwaltschaft wirft der Konvertitin vor, gegen das Al-Qaida- und das IS-Gesetz verstossen zu haben. Sie habe ungefähr seit dem Sommer 2014 bis zu ihrer Verhaftung im Januar 2016 wissentlich und willentlich die Aktivitäten des Islamischen Staates (IS) gefördert. Laut Anklage reiste sie Ende Dezember 2015 mit ihrem damals 4-jährigen Sohn von Ägypten aus illegal mit einem Schlepper für 12'000 Franken über das Mittelmeer nach Kreta, von dort weiter nach Athen, um anschliessend via Türkei nach Syrien zu gelangen. Dort habe sie sich dem IS anschliessen wollen. In Griechenland wurde sie gestoppt und später bei ihrer Einreise in die Schweiz verhaftet.

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Video – Nach drei Jahren Krieg

«Ende des Krieges»: Irak verkündet Sieg über den IS. (Video: Tamedia/Storyful/AFP)

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Wer ist die Frau, die vor Gericht mit einem petrolfarbigen, tschadorartigen Schleier erscheint, der Haare, Hals und Körper bedeckt? Die eine kaufmännische Lehre bei den SBB, ein Diplom als Tourismusfachfrau sowie einen Bachelor in Betriebswirtschaft in der Tasche hat und heute von Sozialhilfe lebt? Die wegen ihres Ehemannes, eines ägyptischen Muslims, im Jahr 2010 nach Ägypten auswanderte und dort zum Islam konvertierte? Ende 2011 kam der gemeinsame Sohn zur Welt, doch «ziemlich schnell» sei die Ehe zerrüttet gewesen, erzählt die Beschuldigte vor Gericht. Auch eine andere Frau – eine Russin, die in Ägypten auftauchte – habe dabei eine Rolle gespielt. Heute ist F. S. nach islamischem Recht von ihrem Mann geschieden, mit ihrem Sohn in Kairo hat sie ein- bis zweimal pro Monat telefonischen Kontakt. Die Obhut über ihn hat sie verloren, sie lebt allein und isoliert in Winterthur.

«Glühende Anhängerin des IS»

Für die Bundesanwaltschaft ist klar, wer die 31-Jährige ist: eine Ausnahmeerscheinung in zweierlei Hinsicht. Zum einen sei es selten, dass sich Frauen dem IS anschliessen wollten, sagte Staatsanwältin Juliette Noto zu Beginn ihres Plädoyers. Zum anderen gebe selten jemand so unumwunden zu, diese «barbarische Horde» vorbehaltlos zu unterstützen.

In der Tat befinden sich unter den inzwischen 83 Jihad-Reisenden und Möchtegern-Jihadisten der Schweiz, die dieser Zeitung namentlich bekannt sind, nur gerade 16 Frauen. Und in der Tat hat F. S. mehrfach bestätigt, was sie vom IS hält: Sie liebt ihn. Sie identifiziert sich mit ihm. Sie ist überzeugt, dass alle Muslime die Pflicht haben, ihn zu unterstützen. Die Schweiz befindet sich ihres Erachtens mit ihm im Krieg. Auch deshalb würde sie es gutheissen, sollte ein Anschlag in der Schweiz verübt werden.

Aus Sicht der Staatsanwältin geht von F. S. damit eine «nicht unbedeutende kriminelle Energie» aus. Sie habe ihren Sohn «ohne Rücksicht und Skrupel» grossen Gefahren ausgesetzt. Auch habe sie in Kauf genommen, dass ihr Reiseversuch ins IS-Gebiet in der gesamten Schweiz medial grosse Aufmerksamkeit erlangen würde. Damit habe sie eine Vorbildfunktion für potenzielle Nachahmer eingenommen.

Ihre Beharrlichkeit und ihr grosser Eifer können im Gefängnis vielleicht in positive Bahnen gelenkt werden.»

Juliette Noto

«Damals war sie eine glühende Anhängerin des IS», sagte die Staatsanwältin. «Sie ist es bis heute geblieben.» Es gehe nach wie vor eine erhebliche Gefahr von ihr aus. Sie zeige weder Einsicht noch Reue – und sei zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren zu verurteilen. «Ihre Beharrlichkeit und ihr grosser Eifer können im Gefängnis vielleicht in positive Bahnen gelenkt werden», sagte Juliette Noto.

Wer ist die Beschuldigte aus Sicht des Verteidigers? Für Lukas Bürge ist die Antwort ebenfalls klar: Sie ist eine Andersdenkende. Als solche hat sie es in der Schweiz schwer. Mehrmals zitierte er Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.»

Bürge versuchte gar nicht erst, die Reiseabsicht seiner Mandantin zu bestreiten. Sie habe ins syrische Raqqa reisen und unter dem IS leben wollen. Sie wolle es immer noch, sagte er. Und fügte an: «Unter dem IS leben ­– ja. Sich ihm anschliessen – nein. Sie wollte nicht kämpfen.» Sie habe ihn bloss ideell unterstützt. Ebenso wenig könne man ihr Gewaltaufrufe vorwerfen. Sie habe ihre Reisevorbereitungen im Geheimen getätigt, damit sie unbemerkt zum IS gelangen könne. Wenn die Medien über sie berichteten, sei das nicht ihre Schuld. «Sie hat ihr Schicksal in die Hände Gottes gelegt», sagte der Verteidiger. Dafür könne man sie aber nicht bestrafen. Sowieso sei die Anklage «schwammig, pauschalisierend und unkonkret».

Mit ihren eigenen Händen umklammert die Beschuldigte einen Plastikbecher, ab und zu nimmt sie einen Schluck Wasser. Als ihr Anwalt einen Freispruch für sie fordert, lacht sie nicht. Auch das Urteil nimmt sie ein paar Stunden später regungslos entgegen. Das Bundesstrafgericht verurteilt sie zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. 6 Monate davon muss sie absitzen – wegen ihrer Uneinsichtigkeit und fehlender Reue. Die restlichen 12Monate werden bei einer Probezeit von 3Jahren ausgesetzt. Während dieser Zeit muss sich die Verurteilte psychologischer Betreuung unterziehen.

«Nutzen Sie die Chance»

Richter Stefan Heimgartner sieht es als erwiesen an, dass die Konvertitin unter dem Regime des IS-Kalifats in Syrien leben wollte. Er hielt ihr aber zugute, dass sie für dieses keine Propaganda gemacht habe. Auch seien keine Kontakte mit dem IS aktenkundig. Aufgrund der schwierigen Situation in Ägypten habe sie wohl eine neue Lebensperspektive gesucht. Allerdings sei die gewählte die falsche gewesen. Sie habe sich nicht nur mit den Zielen, sondern auch den Mitteln der Terrororganisation identifiziert: «Der IS ist auch abhängig von Leuten, die mit ihm vor Ort leben wollen», sagte der Richter. «Von Frauen, die kochen, Kinder erziehen, Kämpfer pflegen.» Indem sie die Existenz des IS bejaht habe, habe sie ihn unterstützt.

«Sie können von Glück reden, dass Sie von Ihrem Vorhaben abgebracht wurden», schloss er. Noch könne er bei ihr keinen Willen erkennen, sich zu deradikalisieren. «Versuchen Sie es», sagte er mit Blick auf die Gefängnisstrafe. «Nutzen Sie die Chance.» Die Verurteilte nimmt die Worte regungslos entgegen.

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