Hemmungen mit Folgen

Viele Bedürftige verzichten auf Sozialhilfe. Auch wenn das für die Gemeindefinanzen positiv scheint, kann es unerwünschte Konsequenzen haben.

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Viele Bedürftige beziehen keine Sozialhilfe, obwohl sie ein Anrecht darauf hätten. Sei es aus Furcht vor einem Stigma, weil sie dem Staat nicht zur Last fallen wollen oder weil sie überfordert sind, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Eine Studie der Berner Fachhochschule BFH liefert nun erstmals konkrete Zahlen. Demnach verzichtet im Kanton Bern ein Viertel aller Anspruchsberechtigten auf Fürsorgegelder. Auf dem Land sind es gar 50 Prozent, während die Nichtbezugsquote in den Städten lediglich 12 Prozent beträgt.

Der Unterschied lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass man auf dem Land eher auf die Unterstützung von Verwandten zählen kann – etwa weil man im selben Haus wohnt. Viel wichtiger dürfte aber ein anderer Grund sein: die unterschiedlich ausgeprägte Hemmung, Sozialhilfe zu beziehen. Dies zeigt sich auch daran, dass in rechtskonservativen Gemeinden deutlich mehr Menschen auf Fürsorgegelder verzichten als in linken Gegenden.

Den Kantonen und Gemeinden können diese Hemmungen recht sein. Würden nämlich alle Berechtigten ihren Anspruch geltend machen, wären die Sozialhilfekosten noch viel höher. Es gibt aber Anzeichen, dass die Skrupel nachlassen. Sind sie doch bei Jüngeren weniger ausgeprägt als bei Älteren. Es kommt also ein weiterer Kostenschub auf den Sozialstaat zu. Und die Politik tut gut daran, sich darauf vorzubereiten.

Auf der anderen Seite können die Hemmungen auch unerwünschte Folgen zeitigen. Oft haben die Bedürftigen nämlich nicht nur ein Einkommensproblem. Vielmehr leiden sie auch unter zerrütteten Familienverhältnissen, einer Sucht oder anderen sozialen Problemen. Melden sie sich nicht beim Sozialdienst, fehlt ihnen auch die professionelle Beratung. Dies kann ihre finanzielle und gesundheitliche Situation weiter verschlimmern und bei Familien gravierende Folgen für die Kinder haben. Oft wird die Armut so vererbt. Gemeinden sollten ihre Beratung daher auch Personen anbieten, die auf Sozialhilfe verzichten – aus welchen Gründen auch immer. Und sie sollten es vermeiden, Bezüger von Fürsorgegeldern zu stigmatisieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2016, 00:08 Uhr

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