Heilige Frührente

Vor 15 Jahren erkämpften die Bauarbeiter die Frühpensionierung mit 60 Jahren. Jetzt bahnt sich ein neuer Kampf an, denn die Vorsorgekasse ist leer.

Seit 40 Jahren auf dem Bau: Antonio Ruberto und Peter Leuenberger. Foto: Nicole Philipp

Seit 40 Jahren auf dem Bau: Antonio Ruberto und Peter Leuenberger. Foto: Nicole Philipp

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Nein, so einen Streik hatte die Schweiz noch nie erlebt. Über 15'000 Bauarbeiter legten am 4. November 2002 ihre Arbeit nieder. Sie schlossen über hundert Baustellen. Sie zogen durch die Städte, mit Fahnen und Trillerpfeifen. Sie fuhren mit Reisecars und Kleinbussen zum Bareggtunnel und blockierten diesen für fast 90 Minuten. Der Stau reichte bis an die Stadt Zürich heran. Das Land stand still. Oder wie es der «Blick» formulierte: «Schweiz sah rot!»

Natürlich gab es Unmut. Natürlich zeigten sich die Arbeitgeber entrüstet. Aber als Volkswirtschaftsminister Pascal Couchepin an jenem Abend von London aus an die Vernunft der Streitparteien appellierte, war der Kampf faktisch schon entschieden. Die Bauarbeiter hatten gewonnen – die Frührente mit 60.

Jetzt ist dieser Konflikt wieder erwacht. Der Grund: Das Rentensystem der Baubranche ist ein Sanierungsfall. Anfang Mai hat die Vorsorgeeinrichtung, die den meisten frühpensionierten Bauarbeitern als Pensionskasse dient, den Vertrag mit der Branche gekündigt. Die Lohnbeiträge reichten nicht mehr, um die Renten der Babyboomer-Generation zu finanzieren, so die Begründung.

«Auf dem Bau gehört man mit 55 zum alten Eisen.»Peter Leuenbergere

Die Baumeister wollen das System sanieren, indem die Frührente künftig frühestens ab 61 gewährt oder die Rente gekürzt wird. Die Gewerkschaften lehnen beides kategorisch ab und drohen mit einem heissen Herbst. Zurzeit führt die Gewerkschaft Unia auf den Baustellen eine Streikabstimmung durch. Gemäss Unia zeigen sich fast alle Bauarbeiter streikbereit. Ihre Muskeln lässt die Gewerkschaft aber schon heute spielen, mit einer Grossdemonstration in Zürich. 10'000 Bauarbeiter werden erwartet.

Bei Hitze, Regen und Schnee

Antonio Ruberto müsste das nicht mehr kümmern. Vor drei Monaten ist der 60-jährige gelernte Maurer in Pension gegangen. Gerade noch rechtzeitig. Und doch: Antonio Ruberto hat sich diesen Samstag schon lange vorgemerkt, er will mitmarschieren in Zürich. 40 Jahre lang hat er auf dem Bau gearbeitet, bei brütender Hitze, Regen und Schnee, bei 35 Grad ebenso wie bei minus 10 Grad. Er hat Baumaterial geschleppt, ist Bagger gefahren, hat Mauern aufgezogen und Baukräne bedient. Die Arbeit hat Spuren hinterlassen. Ab Mitte 50 hätten ihn die Gelenkschmerzen ständig bei der Arbeit begleitet, erzählt Ruberto, besonders die Arthrose im Rücken und in den Schultern. Typische Berufskrankheiten.

Auch Peter Leuenberger fährt heute nach Zürich. Der 59-Jährige ist zurzeit Baustellenleiter auf dem weitläufigen Areal des Berner Inselspitals. Er erzählt von der komplexen Aufgabe, Spitalgebäude bei laufendem Betrieb zu sanieren. Begeisterung für seine Arbeit empfindet er noch immer, aber auch Ermüdungserscheinungen. Seit er mit 17 seine Lehre begann, arbeitet er auf dem Bau. «Bei mir haben die Beschwerden mit 50 angefangen, an den Achillessehnen, in den Knien und Schultern. Auf dem Bau gehört man mit 55 zum alten Eisen.» Bislang ging Leuenberger davon aus, dass er nächstes Jahr pensioniert würde. Nun weiss er nicht, ob er noch länger arbeiten muss. Dass der Baumeisterverband die bisherige Lösung infrage stellt, enttäusche ihn sehr. «Die Frühpensionierung mit 60 ist für die Bauarbeiter heilig», sagt Leuenberger.

Zahlen der Gewerkschaft Unia bestätigen dies: 90 Prozent der Bauarbeiter lassen sich heute mit 60 pensionieren. Vor der Einführung der Frührente hätte nur jeder Fünfte gesund das Renten- alter 65 erreicht. Die anderen seien zur Invaliden- oder Arbeitslosenversicherung abgeschoben worden oder hätten die Branche gewechselt, heisst es bei der Unia.

Der Streit der Gewerkschaften mit den Baumeistern dreht sich aber nicht nur ums Rentenalter, sondern auch ums Geld. Laut der Unia beträgt die durchschnittliche Monatsrente, welche die Bauarbeiter von 60 bis 65 erhalten, 4400 Franken. Die Baumeister wollten diese Rente um 30 Prozent kürzen, falls sich jemand künftig mit 60 pensionieren lasse, sagt Nico Lutz, Leiter des Sektors Bau der Unia. Mit der Kürzung betrage eine Rente noch rund 3000 Franken. Damit müsste ein Frühpensionierter unter dem Existenzminimum leben. Die von den Arbeitgebern geforderte Verlängerung der Arbeitszeit komme ebenso wenig infrage wie die Kürzung der Übergangsrenten.

Aber wie will die Unia das fehlende Geld für die Renten auftreiben? Mit einem zusätzlichen Lohnbeitrag von 0,75 Prozent, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufteilen müssten, sagt Lutz. Es handle sich um ein vorübergehendes Finanzierungsproblem für die Babyboomer-Generation.

Wer soll das zahlen?

Für die Baumeister kommen höhere Lohnbeiträge indes nicht infrage. Die Schweizer Bauunternehmen seien gegenüber den Firmen im Ausland und der Konkurrenz baunaher Branchen schon heute im Nachteil. Ausländische Firmen, die Arbeiter in die Schweiz schickten, müssten keine Lohnabgaben für das Frühpensionierungssystem zahlen. Wenn die Gewerkschaften diese Abgaben von 7 Prozent noch erhöhen wollten, werde der Wettbewerbsnachteil der Schweizer Firmen noch grösser, warnt Bernhard Salzmann, Vizedirektor des Baumeisterverbandes

Nach der Rechnung der Baumeister lässt sich das heutige Niveau der Übergangsrenten schlicht nicht mehr tragen. Die Übergangsrente sei 20 Prozent höher als das Renteneinkommen aus AHV und zweiter Säule, das die frühpensionierten Bauarbeiter ab 65 erhielten. Das sei langfristig nicht mehr finanzierbar, weshalb die Bauarbeiter entweder ein Jahr länger arbeiten oder die Renten um 20 Prozent gekürzt werden müssten. In keiner Branche seien die Handwerkerlöhne so hoch wie im Bauhauptgewerbe, sagt Salzmann. Ein frühpensionierter Arbeiter erhalte bis zu 80 Prozent des letzten Grundlohns. «Für einen Polier gibt es über 6000 Franken Rente, für Vorarbeiter rund 5300 Franken», sagt Salzmann. In niedrigeren Lohnklassen, wo der Anteil ausländischer Mitarbeiter sehr hoch sei, würden Übergangsrenten von über 4000 Franken ausgerichtet. Diese Arbeiter kehrten häufig mit dem ausbezahlten Pensionskassenguthaben in ihre Heimat zurück. Sie profitieren also von der hohen Kaufkraft.

Antonio Ruberto träumt auch davon, mit seiner Frau wieder nach Italien zurückzukehren. Mit 65 soll es so weit sein. Doch bezweifelt er, dass es möglich ist, im harten Baugewerbe länger als bis 60 zu arbeiten. Dass er physisch mit zunehmendem Alter an die Grenzen gelangte, sei das eine, sagt er. Hinzu kam der psychische Druck. Ab 50 sei bei ihm die Angst immer grösser geworden, wegen körperlicher Beschwerden auszu­fallen. «Morgens um 5 habe ich jeweils schon vor dem Aufstehen im Bett Übungen gemacht, um meine Gelenke zu mobilisieren und durchzuhalten.»

«An Sommertagen total kaputt»

Auch die Witterungsbedingungen hätten ihm zugesetzt. «Nach einem heissen Sommertag war ich jeweils total kaputt», sagt Ruberto. Und die Erholungszeit am Wochenende ist oft kurz, da auf Baustellen immer häufiger auch am Samstag gearbeitet wird. Heute sei der Druck viel grösser als vor 38 Jahren, als er bei der Berner Baufirma Herzog an­gefangen habe, sagt Ruberto. Damals hätten sechs bis sieben Arbeiter an einem Einfamilienhaus gebaut, heute erledigten drei bis vier Leute die gleiche Arbeit. Und Bauarbeiter seien heute rasch ersetzbar. Immer häufiger kämen Temporärkräfte statt Festangestellte zum Einsatz. Die Firmen reduzierten ihr Stammpersonal aus Kostengründen, sagen die Gewerkschaften. Im Gegenzug würden Kleinstfirmen angeheuert, die oft aus dem EU-Raum kommen. Diese ziehen Mauern im Akkord hoch. Das ist günstiger für die Auftraggeber.

Auch Peter Leuenberger erzählt vom hohen Arbeitsdruck. Nebst Samstagsarbeit würden heute auch immer öfter Nachtschichten gefordert. Termine würden kurzfristig verschoben, Baupläne in letzter Minute geändert. Der Arbeitgeber habe kaum noch Verständnis, wenn er am Morgen mal später zur Arbeit erscheine, weil der Arzt eine Blutentnahme mit nüchternem Magen verordnet habe, sagt Leuenberger. «Der Chef meinte mal, ich könne am Feierabend zum Arzt gehen. Doch ich kann nicht den ganzen Tag nichts essen, damit die Blutentnahme am Abend möglich ist.»

Wer sich wehre, bekomme rasch Schwierigkeiten, sagen beide. Ruberto erzählt von Fällen, in denen Arbeitern gekündigt wurde, weil sie wegen einer Knieverletzung ausfielen. «Mir sagte der Chef einmal, dass er sofort einen anderen finde, wenn es mir nicht mehr passe.» Doch Ruberto hielt durch und wurde bei der gleichen Firma pensioniert, bei der er vor 38 Jahren begonnen hatte. Erstmals in seinem Leben kann er in den Tag hineinleben. Er erwache zwar häufig noch morgens um fünf, erzählt er. Doch dann dreht er sich um und schläft weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2018, 19:10 Uhr

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