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Hartnäckig sesshaft

Die Bargetze in Liechtenstein bleiben gerne am selben Ort. Schon ihre Vorfahren hielten nichts vom Auswandern.

Den Bargetzes scheint es im liechtensteinischen Triesen gut zu gefallen. Foto: Arno Balzarini (Keystone)
Den Bargetzes scheint es im liechtensteinischen Triesen gut zu gefallen. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Menschen mit dem Nachnamen Bargetze sind die sesshaftesten im ganzen Land. Das zeigt eine Analyse aller privaten Schweizer und Liechtensteiner Haushalte, die im Telefonbuch von Search.ch verzeichnet sind. Abgesehen von einer Familie Bargetze im basellandschaftlichen Gelterkinden konzentrieren sich die restlichen im Onlinetelefonbuch von Search.ch registrierten Namensträger auf Liechtensteiner Gemeinden, die meisten auf die Gemeinde Triesen.

«Erklärungen dafür, weshalb Herr und Frau Bargetze so ungern auswandern, habe ich keine», sagt Hans Stricker, Professor für vergleichende romanische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich und Verfasser des Liechtensteiner Namenbuchs, «aber ich kann darüber spekulieren, woher der Name kommt.» Und somit darüber, weshalb der Name in Liechtenstein so weit verbreitet ist.

Die interaktive Namenskarte

Stricker führt den Namen auf den Heiligen Pankratius von Rom zurück, der um 300 nach Christus lebte. Bargetze sei eine phonetische Abwandlung des römischen Namens. Der Überlieferung nach verlor Pankratius als kleiner Bub seine Eltern und wurde seinem ­reichen Onkel Dionysius anvertraut. Mit 14 Jahren konvertierte Pankratius zum Christentum, worauf ihn Kaiser Diokletian zu sich zitierte.

Die Konversion war nicht ungewöhnlich. Meist aber legten sie unter Druck den Glauben wieder ab. Nicht so der 14-jährige Bub. Weder wollte er den ­römischen Göttern ein Opfer bringen, noch die Stadt verlassen. Er entschied sich für die dritte ihm offerierte Option: die öffentliche Hinrichtung. Im Jahr 303 liess Kaiser Diokletian den 14-jährigen Pankratius, Lateinisch für der Allmächtigen, enthaupten.

Die Legende des Buben, der dem Kaiser die Stirn bot, nahm nun ihren Lauf. Um 500 erbaute Papst Symmachus ihm zu Ehren in Rom die Basilika San Pancrazio. Die Gebeine des Pankratius gehörten im frühen Mittelalter europaweit zeitweise zu den gesuchtesten Reliquien. Auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Im späten siebten Jahrhundert entstand nahe der heutigen Bündner Gemeinde Trin die Crap Sogn Parcazi, rätoromanisch für Stein des heiligen Pankratius. Wer sie erbaut hat, ist unklar. Genauso, warum die Kirche, später zu einer Burg umfunktioniert, ausgerechnet an dieser unwegsamen Stelle errichtet wurde. Heute warnt ein Schild in Trin vor dem gefährlichen Aufstieg zum eidgenössischen Kulturgut.

Übername Bargetze

Wegen ihrer Lage eignete sich die ­Parcazi-Kirche allerdings als guter Zufluchtsort. Angezogen vom hohen Lebensstandard und dem Luxus südlich der Alpen zogen regelmässig Raubritter aus Alemannien und Gallien durchs Land. Um sich vor den mordenden Horden zu retten, flüchteten die Talbewohner auf die Crap Sogn Parcazi. Sie lag nur einen Tagesmarsch südwärts in den Voralpen, war mit Vorräten und Wasserzisternen ausgestattet, und die Kirche des heiligen Pankratius spendete Glauben und Trost.

Sobald die Raubritter vorübergezogen waren, kehrten die Bewohner ins Tal zurück und erhielten dort den Bei­namen Bargetze.

Offenbar waren also bereits die Vorfahren der Familien Bargetze hartnäckig sesshaft. Auch heute ist die Mehrheit dieser Familien lokal sehr verwurzelt. Das verrät der Blick ins elektronische ­Telefonbuch. Wer Bargetze heisst, geht in der Regel einem lokalen Gewerbe nach. Die Bargetzes sind Elektriker, ­Bildhauerinnen, Damenschneiderinnen oder Webermeister. Warum wandern sie so ungern aus? «Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt», lautete die Antwort von dem halben Dutzend Bargetzes, die wir telefonisch erreichten. Der 76-jährige Pensionierte Josef Bargetze, ein früherer Chauffeur, wies darauf hin, dass es in seiner Gemeinde Triesen drei Familienlinien gebe, die verschiedene Übernamen tragen würden: Mais-Sepp, Adlerwirt und Wagner. «Von den ersten beiden Familienlinien lebten alle noch in Triesen», erklärte Bargetze. Von der Wagner-Linie seien irgendwann ein paar nach St. Gallen und Zürich ausgewandert. «Doch ich glaube, die sind ausgestorben.» Zumindest habe er nie mehr etwas von ihnen gehört.

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