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Hammerharte Prüfmethoden für Schweizer Autobahnbrücken

Wieso die Schweiz ihre Brücken strenger kontrolliert als alle anderen. Und welche Rolle ein Hammer dabei spielt.

Cedric Fröhlich
2007 wurde der Felsenauviadukt in Bern mittels eines Armeepanzers auf seine Stabilität geprüft. Foto: Astra
2007 wurde der Felsenauviadukt in Bern mittels eines Armeepanzers auf seine Stabilität geprüft. Foto: Astra

Die Panzer rollen mitten in der Nacht auf den Felsenauviadukt. Die Armee probt den Ernstfall. Nicht den Krieg, sondern eine Verkehrssituation. Der Viadukt, 1116 Meter lang, 60 Meter hoch, ist das Herzstück der Berner Stadttangente. Jährlich fahren mehr als 100 Millionen Fahrzeuge über die Autobahnbrücke. Experten wollen in der Nacht vom 29. Mai 2007 herausfinden, wie sie sich unter punktueller Schwerstlast verbiegt. Und haben dazu schweres Kriegsgerät angefordert. Der Viadukt bleibt während zweier Nächte gesperrt. Die Ingenieure führen eine Reihe von Messungen durch, indem sie die 57 Tonnen schweren Leopard-Panzer an neuralgischen Stellen auf der Brücke platzieren. Das Fazit damals: alles im grünen Bereich, die Brücke hält.

Ganz so spektakulär läuft die Überprüfung von Schweizer Autobahnbrücken in der Regel nicht ab. Wenn das Bundesamt für Strassen (Astra) seine Infrastruktur auf Herz und Nieren prüft, genügt dafür oft der Hammer sowie das geschulte Auge von Rudolf Neuenschwander, 51, Projektleiter des Bernischen Tiefbauamtes. Brücken-Inspektionen gehören zu seinem Jobprofil. Jährlich kontrolliert er mit einem Mitarbeiter um die 200 Objekte im Kanton. Den Hammer hat er stets dabei – sein einfaches aber effizientes Hilfsmittel. Neuenschwander legt sich damit hin, klopft den Beton ab und lauscht. «Ich suche so nach Hohlräumen», erklärt er. Denn Hohlräume sind ein Zeichen des Verfalls.

Sonderfall Schweiz

Das Schweizer Nationalstrassennetz zählt über 4500 Brücken und Unterführungen. Sie alle fallen unter die Verantwortlichkeit des Astra. Dessen Kommunikationsabteilung ist im Angesicht der Katastrophe von Genua grösstenteils damit beschäftigt, die Zuverlässigkeit der Bauten zu betonen. So erklärte etwa Astra-Sprecher Thomas Rohrbach gegenüber dem Schweizer Fernsehen: «Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Autobahnbrücken jederzeit sicher betrieben werden können, das heisst, dass ein Brücken-Einsturz schlicht unmöglich ist.» Damit das auch wirklich so ist, lässt das Astra seine Brücken laufend überprüfen. Von Experten wie Rudolf Neuenschwander, die Beläge abklopfen, Pfeiler begutachten, die heiklen Stellen genau unter die Lupe nehmen.

Bildstrecke: Das Brückenunglück in Genua

Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Der betroffene Abschnitt verläuft über Wohnhäusern.
Der betroffene Abschnitt verläuft über Wohnhäusern.
AP/Antonio Calanni, Keystone
Die Anwohner dürfen ab sofort nicht mehr zu ihren Wohnungen, um persönliche Gegenstände zu holen.
Die Anwohner dürfen ab sofort nicht mehr zu ihren Wohnungen, um persönliche Gegenstände zu holen.
AP/Antonio Calanni, Keystone
Mehr als 500 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.
Mehr als 500 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.
AP/Antonio Calanni, Keystone
In Genua haben tausende Menschen bei einer staatlichen Trauerfeier Abschied von den Opfern des Brückeneinsturzes genommen. (18. August 2018)
In Genua haben tausende Menschen bei einer staatlichen Trauerfeier Abschied von den Opfern des Brückeneinsturzes genommen. (18. August 2018)
Luca Zennaro, Keystone
Regierungschef Giuseppe Conte versprach grössere Anstrengungen bei der Kontrolle der Infrastruktur.
Regierungschef Giuseppe Conte versprach grössere Anstrengungen bei der Kontrolle der Infrastruktur.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Laut dem Verkehrsministerium wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse.
Laut dem Verkehrsministerium wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse.
Andrea Leoni, AFP
Die Suche nach Überlebenden in den Trümmern geht weiter. (Luca Zennaro/ANSA via AP)
Die Suche nach Überlebenden in den Trümmern geht weiter. (Luca Zennaro/ANSA via AP)
ANSA via AP, Keystone
42 Menschen sind gestorben, darunter drei Kinder im Alter von 8, 12 und 13 Jahren.
42 Menschen sind gestorben, darunter drei Kinder im Alter von 8, 12 und 13 Jahren.
Luca Zennaro/ANSA via AP, Keystone
Innenminister Matteo Salvini machte die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich.
Innenminister Matteo Salvini machte die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich.
Luca Zennaro, Keystone
Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, «alles bezahlen, teuer bezahlen», erklärte er.
Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, «alles bezahlen, teuer bezahlen», erklärte er.
Luca Zennaro/ANSA via AP, Keystone
Nach dem Unglück waren mehr als 300 Rettungskräfte im Einsatz.
Nach dem Unglück waren mehr als 300 Rettungskräfte im Einsatz.
Luca Zennaro/ANSA via AP, Keystone
Ein Teilstück der vierspurigen Morandi-Brücke in Genua ist zusammengebrochen.
Ein Teilstück der vierspurigen Morandi-Brücke in Genua ist zusammengebrochen.
Twitter/@LaCiuraRaffaele
Die Brücke stürzte in mehr als 40 Metern Höhe ein: Eine Staubwolke umhüllt die herabgestürzten Trümmerteile.
Die Brücke stürzte in mehr als 40 Metern Höhe ein: Eine Staubwolke umhüllt die herabgestürzten Trümmerteile.
Twitter/Radio Pico
Der Einsturz ereignete sich gegen Mittag. Es gebe «dutzende Opfer», sagte der Leiter der Rettungsstelle der norditalienischen Stadt in den Medien.
Der Einsturz ereignete sich gegen Mittag. Es gebe «dutzende Opfer», sagte der Leiter der Rettungsstelle der norditalienischen Stadt in den Medien.
Twitter/enerIma_I
Retter berichteten am frühen Nachmittag von mindestens elf Toten.
Retter berichteten am frühen Nachmittag von mindestens elf Toten.
Reuters
Später korrigierte der Vizeminister die Zahl auf mindestens 22 Tote.
Später korrigierte der Vizeminister die Zahl auf mindestens 22 Tote.
Reuters
Die Tageszeitung «La Repubblica» schrieb, dass mehrere Autos in die Tiefe gestürzt seien.
Die Tageszeitung «La Repubblica» schrieb, dass mehrere Autos in die Tiefe gestürzt seien.
Twitter
Während des Einsturzes herrschte dichter Verkehr.
Während des Einsturzes herrschte dichter Verkehr.
Twitter/Alvise Cagnazzo
Zudem ging ein grosses Unwetter über der Hafenstadt nieder.
Zudem ging ein grosses Unwetter über der Hafenstadt nieder.
Twitter/Polilzia di Stato
Zahlreiche Autos sind zwischen den Trümmern eingequetscht. Die Rettungskräfte erhalten Unterstützung aus anderen Regionen.
Zahlreiche Autos sind zwischen den Trümmern eingequetscht. Die Rettungskräfte erhalten Unterstützung aus anderen Regionen.
Screenshot Corriere TV
Das Wrack eines in die Tiefe gestürzten Lastwagens.
Das Wrack eines in die Tiefe gestürzten Lastwagens.
Andrea Leoni, AFP
Rettungskräfte suchen in den Trümmern nach Überlebenden.
Rettungskräfte suchen in den Trümmern nach Überlebenden.
Luca Zennaro/ANSA, Keystone
Insgesamt seien mindestens 20 Fahrzeuge betroffen gewesen, erklären die Behörden.
Insgesamt seien mindestens 20 Fahrzeuge betroffen gewesen, erklären die Behörden.
Luca Zennaro/ANSA, Keystone
Glück im Unglück hatte der Chauffeur dieses LKW.
Glück im Unglück hatte der Chauffeur dieses LKW.
Vigili del Fuoco
So sah das Polcevera-Viadukt vorher aus. An der Brücke wurden offenbar bereits mehrmals grössere Unterhaltsarbeiten durchgeführt
So sah das Polcevera-Viadukt vorher aus. An der Brücke wurden offenbar bereits mehrmals grössere Unterhaltsarbeiten durchgeführt
Wikimedia
Die Brücke ist etwas über einen Kilometer lang; sie wurde vor 51 Jahren in Betrieb genommen.
Die Brücke ist etwas über einen Kilometer lang; sie wurde vor 51 Jahren in Betrieb genommen.
Google Map
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Jede Brücke im Nationalstrassennetz wird zudem alle 5 Jahre einer vertieften Kontrolle unterzogen. Mit Hightech-Messgeräten, von Ingenieuren. Sie klären ab, wie sicher das betreffende Bauwerk steht. In welchem Zustand ist es? Braucht es zusätzliche Stützen? Gewisse Brücken stehen gar unter laufender Überwachung. Treten tatsächlich Mängel zu Tage, werden diese eingeteilt: In rasch und langfristig zu behebende. Allerspätestens bei der nächsten Sanierung des betreffenden Autobahnabschnitts sind sie Geschichte, betont das Astra. Dieser gesamte Massnahmen- und Präventionskatalog ist hierzulande gesetzlich verankert, in sogenannten SIA-Normen. Die Schweiz ist damit ein Sonderfall. Im europäischen Ausland sucht man solche Vorschriften zum Brückenerhalt laut Stefan Holzer, Professor für Bauforschung und Konstruktionsgeschichte an der ETH Zürich, vergeblich. Seit das Astra 2008 Bauherrin und Betreiberin der Nationalstrassen wurde, musste noch keine Brücke aufgrund von Mängeln gesperrt werden.

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Rost an den Rippen

«Absolute Sicherheit gibt es nicht», sagt Rudolf Neuenschwander. «Aber ich fahre in diesem Land mit gutem Gewissen über jede Autobahnbrücke – und ich stelle mich mit gutem Gewissen drunter.» Wenn er unterwegs ist auf einer seiner Inspektionen, trifft er denn auch nicht auf Brücken, die kurz vor dem Kollaps stehen. Vielmehr auf kleinere Unregelmässigkeiten. Manche von ihnen findet er auch dank seines Geologenhammers: die Hohlräume. Sie entstehen unter der Betonoberfläche, wo das Baumaterial den Stahl umschlossen halten sollte, es aber nicht länger tut.

Viele Schweizer Brücken sind Konstruktionen aus Stahl und Beton. Der Betonmantel schützt das Stahlgerippe vor der Korrosion, verhindert, dass das «Eisen» - wie Neuenschwander es nennt - rostet. So weit die Theorie. In der Realität finden die Schadstoffe ihren Weg an den Stahl irgendwann trotzdem. Weil der Beton zu dünn aufgetragen oder brüchig wurde. Neuenschwander: «Tausalz im Winter ist besonders aggressiv.» Die Salzsole arbeite sich über Jahre in den Beton ein. Und irgendwann erreicht sie den Stahl. Die Korrosion setzt ein. Der Rost bereitet vor allem älteren Schweizer Autobahnbrücken Probleme – also den meisten. Ihr Durchschnittsalter beträgt über 40 Jahre.

Gerade jene, die in den 1960-ern und 1970-ern gebaut wurden, sind weniger dick eingekleidet. Auch weil damals noch weit weniger Streusalz zum Einsatz kam und man nicht wusste, wie schädlich es für den Stahl im Beton ist. Entsprechend kürzer ist der Weg von Salz und Wasser ans Eisen. Man hat daraus gelernt, die Normen angepasst. Neuenschwander: «Heute arbeitet man das Eisen tiefer ein.»

Lego-Brücken

Rudolf Neuenschwander fährt privat regelmässig Richtung Korsika. Ihm seien dabei die vielen «Lego-Brücken» aufgefallen, die die Italiener gebaut hätten. «Da wurde viel mit vorfabrizierten Elementen gearbeitet», sagt er. Zwischen den einzelnen Teilen gebe es Fugen – viele davon seien nicht mehr im besten Zustand. «Undicht und nicht eben –man spürt das, wenn man über diese Brücken fährt. «Das sieht man teilweise deutlich.»

Über den Brückeneinsturz in Genua will er nicht spekulieren. Aber Zustände wie man sie zuweilen im südlichen Nachbarland antreffe, begegne man auf Schweizer Autobahnen bestimmt nirgends. «Wir lassen unsere Brücken nicht so weit verkommen.»

Diese Woche stehen für Rudolf Neuenschwander zwei kleinere Inspektionen an. Nichts spezielles: zwei Autobahnüberführungen in Bern, direkt beim Allmendstadion. Panzer hat die Armee dafür keine abgestellt. Aber Neuenschwander wird seinen Hammer dabei haben.

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Video – Retter suchen in den Trümmern nach Opfern

Nach dem Brückeneinsturz in Genua geht die Suche nach Verletzten und Opfern fieberhaft weiter.
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