Gute Kandidatin, mutlose Wahl

Der Evangelische Kirchenbund ist noch nicht bereit für eine Frau an der Spitze.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Zur Disposition stand das Präsidium des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, also das höchste protestantische Amt der Schweiz. Gottfried Locher, der Bisherige, bewarb sich um eine dritte Amtszeit. Der schnittige 51-Jährige, seit acht Jahren im Amt, war so gut wie gewählt. Dann bekam er es mit einer späten Rivalin zu tun: Die 52-jährige Zürcher Pfarrerin Rita Famos forderte Locher in einer Kampfwahl heraus.

Sie tat es vergeblich, wie sich am Sonntagabend zeigte. Gewonnen hat wieder einmal die Tradition: 43 der 70 Mitglieder der Kantonalkirchen weigerten sich nach harter Debatte und in geheimer Wahl, Rita Famos in dieses Amt zu wählen, 3 enthielten sich.

Dabei ging es nicht nur darum, endlich eine Frau an die Spitze der reformierten Kirche zu holen. Vielmehr hat das Wahlgremium eine Person übergangen, die glaubwürdig für eine Reform ihrer Institution eintrat. Erstens weil sie einen anderen, partizipatorischen Führungsstil anstrebt. Und weil sie zweitens einen kombattierfreudigen Wahlkampf führte, der selbst Kritiker beeindruckte. Ihr Fehler war, sich viel zu spät für eine Kandidatur entschieden zu haben.

Immerhin stellte sie sich der Debatte. Das kann man von Gottfried Locher nicht behaupten. Der machtgewohnte Amtsträger agierte in den letzten ­Wochen unsouverän. Dass er auf alte Vorwürfe gegen ihn mit Irritation reagierte – Aussagen etwa zur Prostitution und ihre beruhigende Wirkung auf Männer –, wird man ihm nachsehen, zumal er sich dafür entschuldigt hat. Auch lässt er sich nicht zum Isolationisten reduzieren. Das zeigt schon seine Ausbildung im ­anglikanen, religiös offeneren Grossbritannien. Auch hat er seine intellektuelle Offenheit anderen Religionen gegenüber glaubhaft gelebt.

Gerade deshalb enttäuschte, wie defensiv sich der Kandidat verhielt. Locher weigerte sich wiederholt, mit seiner Herausforderin zu debattieren, und tat das mit dem grotesken Argument, keine Zeit zu ­haben. Dass nur die welschen Vertreter des Kirchenbundes bereit gewesen waren, Rita Famos überhaupt anzuhören: Das macht noch deutlicher, wie nötig ihre Wahl gewesen wäre.

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