«Grüne Wirtschaft» wäre laut Studie problemlos möglich

Der Bund habe die Umweltbelastung mit der falschen Methode berechnet, sagen die Initianten.

CO2 sparen ist alles: Solarpanels auf den Dächern einer Siedlung in Zürich-Affoltern. Foto: Urs Jaudas

CO2 sparen ist alles: Solarpanels auf den Dächern einer Siedlung in Zürich-Affoltern. Foto: Urs Jaudas

Felix Schindler@f_schindler

Kalt duschen, fleischlos ernähren und in den Ferien zu Hause bleiben: Das wären die Folgen, wenn das Volk am 25. September Ja zur Initiative «Grüne Wirtschaft» sagt. So mindestens argumentieren die Gegner. Der Bundesrat kommt gar zum Schluss, dass das Begehren «nicht umsetzbar» ist. Doch nun sagen die Initianten: Die Initiative sei sehr wohl umsetzbar – der Bund habe eine falsche Methode für seine Berechnungen verwendet.

Die Initiative will den ökologischen Fussabdruck der Schweiz bis 2050 hochgerechnet auf eine Erde reduzieren. Darunter versteht man jene Fläche, die nötig ist, um alle konsumierten Güter herzustellen oder ihre Emissionen zu absorbieren. Der Bundesrat erkennt in seiner Botschaft zwar dringenden Handlungsbedarf, sagt aber, der heutige Fuss­abdruck der Schweiz müsste um 65 Prozent reduziert werden, um das Ziel der Initiative zu erfüllen. «Doch bereits eine Senkung von 40 Prozent ist nur mit sehr einschneidenden Massnahmen überhaupt erreichbar», so der Bundesrat.

Die Initianten haben nun eine eigene Studie in Auftrag gegeben – und kommen zu einem anderen Befund. Die Berechnungen führte Rolf Frischknecht, ein anerkannter Experte für Ökobilanzen. Seine Daten stammen vorwiegend vom Bund und einer international führenden Ökobilanzdatenbank. Zunächst bestätigt seine Studie die bisherigen Erkenntnisse: Würden alle Menschen so leben wie wir, wären drei Erden nötig.

Ziel ist «erreichbar»

Frischknechts zentrale Erkenntnis ist ­jedoch folgende: «Unsere Studie zeigt, dass fast drei Viertel des ökologischen Fussabdrucks durch CO2-Emissionen verursacht werden», sagt er auf Anfrage. Diese muss die Schweiz bis ins Jahr 2050 ohnehin um rund 80 Prozent reduzieren – dazu hat sie sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens im letzten Dezember verpflichtet. Würde das vereinbarte Ziel des Abkommens erreicht, «so liesse sich der ökologische Fussabdruck der Schweiz auf 1,2 bis 1,4 Erden reduzieren», heisst es im Papier. «Falls die Schweiz zusätzlich im Inland CO2-Neutralität erreicht, reduziert sich ihr ökologischer Fussabdruck auf 1 bis 1,15 Erden.» Mit welchen Massnahmen der CO2 so stark gesenkt werden soll, erklärt die Studie nicht.

Wie lässt sich erklären, dass die Studien zu solch unterschiedlichen Befunden kommen? Die Initianten liessen den ökologischen Fussabdruck ermitteln, der Bund berechnete die Umweltbelastung anhand der sogenannten Umweltbelastungspunkte. «Das ist ein umfassender Ansatz, der alle Umweltbelastungen berücksichtigt», sagt Rebekka Reichlin vom Bundesamt für Umwelt. «Deshalb haben wir diese Methode gewählt.»

Umweltingenieur Niels Jungbluth hat den Bericht des Bundes mitverfasst. Zur Studie der Initianten sagt er: «Die Methode des ökologischen Fussabdrucks stammt aus den 80er-Jahren und ist aus wissenschaftlicher Sicht veraltet.» Der ökologische Fussabdruck ermittle nur den Flächenverbrauch und die CO2-Emissionen, alle anderen Umweltbelastungen wie Pestizide oder nukleare Abfälle würden nicht berücksichtigt.

Beat Jans, Mitglied des Initiativkomitees und SP-Nationalrat (BS), sagt, die neuen Berechnungen zeigten, dass die Initiative vernünftig und erreichbar sei. «Unsere Studie entblösst die Hysterie der Initiativgegner. Die Schweiz kann die Naturzerstörung schon mit konsequentem Klimaschutz, wie er international bereits beschlossen ist, auf ein erträgliches Mass senken.»

Nicht nur die Initianten, auch die Gegner fühlen sich durch die jüngsten Erkenntnisse bestärkt. «Das zeigt einmal mehr, dass die Initiative unnötig ist», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (BE). Sie schaffe Verunsicherung und Bürokratie statt pragmatischer Lösungen. «Wir wollen den CO2 wirksam und effizient mit einer Revision des CO2-Gesetzes reduzieren.»

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