Gret und Lili gehen nach Bern

Die Altersreform dreht das Rad der Gleichberechtigung zurück. Gemerkt haben das nur Gret Haller und Lili Nabholz. Doch nicht mal die Feministinnen hören ihnen zu.

«Es ist genau wie früher»: Lili Nabholz (links) und Gret Haller auf Visite im Bundeshaus. Foto: Fabian Unternährer (13Photo)

«Es ist genau wie früher»: Lili Nabholz (links) und Gret Haller auf Visite im Bundeshaus. Foto: Fabian Unternährer (13Photo)

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Gret Haller war aufgebracht, als sie Mitte August 2015 zum Telefon griff und erstmals seit Jahren wieder die Nummer von Lili Nabholz wählte.

Lili, hast du gesehen, was diese Ständerate da anstellen mit dem, was wir erreicht haben?

Nein, wovon sprichst du?

Lili, es ist wichtig. Wann hast du Zeit? Ich komme nach Zürich.

Einige Tage später sassen sie sich im Zürcher Bahnhofbuffet gegenüber. Gret Haller redete und redete. «Da ist auch bei mir s Füfi abe», erzählt Lili Nabholz.

Nun stehen sie im Bundeshaus. Wenige Meter entfernt demonstrieren Frauen mit rosaroten Strickmützen gegen Sexismus und Diskriminierung. Aber deswegen sind Gret Haller und Lili Nabholz nicht hier. Ihr Kampf ist ein anderer. Über ein Jahr lang haben sie im Hintergrund gewirkt: Mails und Briefe geschrieben, Anrufe getätigt, Diskussionen angezettelt. Alles umsonst. Jetzt suchen sie das Schweizer Machtzentrum auf. Gret Haller (69) und Lili Nabholz, (72) wissen, es ist ihre letzte Chance.

Als Frauen noch spuren sollten

Den älteren Lesern muss man die beiden Frauen nicht vorstellen. Für die jüngeren: Ab Ende der Sechzigerjahre kämpfen Gret Haller und Lili Nabholz für die Rechte der Frauen. In Gerichtssälen – beide sind Rechtsanwältinnen. In den Parteien – Gret Haller bei der Berner SP, Lili Nabholz beim Zürcher Freisinn. Und in der Öffentlichkeit – mit Auftritten, Büchern, Artikeln, Streiks.

Obschon sie für die gleiche Sache streiten, Gret Haller und Lili Nabholz kennen sich nicht persönlich. Bis sie nach den eidgenössischen Wahlen 1987 plötzlich am gleichen Tisch sitzen, in der Nationalratskommission, die die 10. AHV-Revision berät. Ungeachtet der gesellschaftlichen Realitäten hat Innenminister Flavio Cotti (CVP) auch diese Reform auf die Institution der Ehe ausgerichtet. Gret Haller und Lili Nabholz passt das überhaupt nicht. Sie schrauben Cottis Vorlage auseinander und setzen sie neu zusammen.

«Frauen-Doppel»: Lili Nabholz (l.) und Gret Haller 1992 nach einem Erfolg bei der Debatte zur 10. AHV-Revision. Foto: Ueli Hiltpold

Dafür, dass sie über die Parteigräben hinweg zusammenspannen, müssen sie sich einiges anhören. Im Bundeshaus spöttelt man über das «Frauen-Doppel». Nach einem Grundsatzentscheid der Reform blafft FDP-Ständerat Ernst Rüesch in die Kameras: «Ihr Frauen hättet spuren müssen!» Aber Gret Haller und Lili Nabholz spuren nicht. Natürlich nicht.

Dass die frühere AHV-Ehegattenrente 1997 zu einer modernen Individualrente wurde: das Verdienst von Gret Haller und Lili Nabholz. Dass Hausfrauen nach einer Scheidung nicht weitgehend ohne Rentensicherung dastehen, sondern dank dem sogenannten Splitting die Hälfte des in der Ehe gutgeschriebenen Guthabens erhalten: das Verdienst von Gret Haller und Lili Nabholz. Dass traditionelle Frauenarbeiten wie Erziehung und Betreuung als sozial wertvolle Aufgaben anerkannt und über Gutschriften für die AHV anrechenbar sind: ebenso.

Erfolge ohne Erinnerung

Doch anders als beim Frauenstimmrecht ist die Erinnerung an diese Errungenschaften nicht ritualisiert. Für die 10. AHV-Revision gibt es keine Jubiläen, keine historischen Rückblicke, schon gar keine Kinofilme. Zu technisch.

Gret Haller und Lili Nabholz, die sich 1994 und 2003 aus der Bundespolitik zurückzogen, störte das nicht. Bis sie merkten, dass sich selbst im Bundeshaus niemand mehr erinnerte. Ja, dass das Parlament dabei war, das Rad der Gleichstellung zurückzudrehen. Hinter ihre Revision. Das war im August 2015.

Damals besiegelten SP und CVP ihren Deal zur Altersreform: Für die SP schaute ein 70-Franken-AHV-Zustupf für alle Neurentner heraus. Die CVP darf sich einen Ausbau der Rente für Verheiratete ans Revers heften. Die Plafonierung zweier Individualrenten für Ehepaare wird von 150 auf 155 Prozent einer maximalen Individualrente erhöht. Verheiratete sollen künftig bis zu 226 Franken mehr AHV erhalten.

Darum sind sie jetzt zurück in Bundesbern: Gret Haller, die eigentlich ihr jüngstes Buch abschliessen möchte, und Lili Nabholz, die sich in einer Stiftung für Stipendien engagiert und gerne zu ihren Enkeln schaut. «Wer verheiratet ist, wird mit mehr AHV belohnt. Als wäre es eine besondere Leistung, ein Ehepaar zu sein», sagt die freisinnige Lili Nabholz. «Die AHV wird missbraucht, um CVP-Familienpolitik zu betreiben. Die SP dürfte bei einem solchen Kuhhandel niemals mitmachen», sagt die sozialdemokratische Gret Haller.

Aber gehören Deals zwischen Parteien nicht einfach zur Politik dazu? «Es geht hier um den Systemwechsel», sagt Gret Haller. Früher hätten Allein­stehende die AHV-Renten der Ehepaare finanziert. Die 10. Revision habe die Solidaritätsleistungen vom Zivilstand gelöst und an Erziehung und Betreuung geknüpft. Ein Fortschritt. Nun werde plötzlich wieder die Ehe aufgewertet. Alleinerziehende sollten also wieder die Rente von kinderlosen Verheirateten finanzieren. «Das ist nicht nur ein Rückschritt. Es ist eine verhängnisvolle Schubumkehr für die Frauen», sagt Haller. «Wenn das durchs Parlament geht, wer weiss, was da noch kommt.»

«Ach, die Gret!»

Im Bundeshaus aber haben sie es schwer. Bei Kommissionspräsidenten, Sozialpolitikern, Parteigrössen: Überall haben sie ihre Einwände deponiert. Trotzdem zuckt Isabelle Moret, FDP-Vorsorgeexpertin, mit den Schultern: Diese Argumente kämen halt schon sehr spät. Linke Frauen weichen aus ins Konkrete: Die 70 Franken AHV helfen doch auch den Frauen. SP-Rentenpapst Paul Rechsteiner verwirft die Hände: «Ach, die Gret!»

«Natürlich habe ich mit Paul darüber diskutiert», sagt Gret Haller. «Es ist genau wie früher. Jedes Mal wenn es um die Gleichstellung der Frau geht, gibt es irgendetwas, das grad noch sehr viel wichtiger ist.»

Selbst bei den Feministinnen geht nichts. Als sich die Grössen der Schweizer Frauenbewegung zur Vorpremiere von «Die göttliche Ordnung» versammelten, dem neuen Film über das Frauenstimmrecht, sprach Lili Nabholz einige alte Mitstreiterinnen auf den AHV-Ausbau für Ehepaare an. Erfolglos. «Vielleicht ist es ihnen zu kompliziert. Oder das Problembewusstsein ist schlicht abhanden­gekommen.»

Es wäre eine Sensation

Aber aufgeben wollen die beiden Frauen nicht. Nicht bevor das Parlament nächste Woche über die endgültige Fassung der Altersreform abgestimmt hat. «Die Lösung wäre ganz einfach», sagt Gret Haller. «Die Erhöhung der Plafo­nierung sollte an die Bedingung geknüpft werden, dass einer oder beide Ehe­gatten Anspruch auf Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften haben. So wird der Rückfall in eine unsolidarische Umverteilung zugunsten der Ehe abgewendet.»

Es wäre eine Sensation. Weil es das Ende jenes SP-CVP-Deals bedeuten würde, der seit August 2015 hält. Und weil GLP-Frau Kathrin Bertschy letzte Woche eine solche Korrektur im Nationalrat bereits vergeblich beantragt hat.

Gret Haller und Lili Nabholz ist das egal. Vielleicht könne dieser Antrag ja nochmals eingebracht werden, als Kompromiss bei der Einigungskonferenz, sagt Lili Nabholz. Gret Haller nickt: «Es ist nie zu spät.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 20:53 Uhr

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