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Goodbye Mr. McCain! Goodbye Mr. Blocher!

Die konservative Revolution beherrschte zwei Jahrzehnte die Politik - in der Schweiz wie in Amerika. Mit der Finanzkrise verlieren SVP und US-Republikaner aber ihren Treibstoff.

Sie traten beide in Hemdsärmeln auf, gescheit, stiernackig, schlagfertig: zwei Instinktpolitiker, beide ehemalige Militärs, die wirkten, als wären sie unzerstörbar. Und dann alterten sie plötzlich.

Bei John McCain passierte es beim Börsenkrach nach dem Konkurs der Lehman-Investmentbank. Er behauptete erst, die amerikanische Wirtschaft sei gesund, Stunden später, sie sei in der schlimmsten Krise alle Zeiten. Tag für Tag lieferte McCain ein neues Rezept: heute einen Ausgabenstopp, morgen ein Milliardenrettungspaket, übermorgen eine Steuerreform. Und so galt den Wählern nicht mehr Obama als Sicherheitsrisiko, sondern der Kriegsheld McCain.

Bei Christoph Blocher geschah es am Tag seiner Abwahl: Statt einer staatsmännischen hielt er eine Drohrede im Ton eines Mafiabosses. Und begann einen Rachefeldzug, der seine Partei spaltete: in Verräter, die gingen, und Getreue, die blieben, sich aber bald über die endlosen Monologe des Chefs beschwerten.

Wie durch einen bösen Zauber wurden zwei hartgesottene Profis fahrig, bitter, verbraucht. Sie verloren an Respekt in der eigenen Partei, und sie machten Fehler, die sie vorher nicht gemacht hätten.

Die Gleichzeitigkeit des Kontrollverlustes der konservativen Chefs in Amerika und der Schweiz war kaum Zufall. Sondern der Verschleiss der konservativen Elite, die nach dem Kalten Krieg die politische Agenda beherrscht hatte.

Die Gemeinsamkeiten zwischen US-Republikanern und der Schweizer SVP sind in der Tat frappierend - wenn man den Grössenunterschied vergisst. Die offensichtlichsten zuerst: Die heutige SVP wie die US-Republikaner entwickelten sich in braven, bürgerlichen Parteien, gemästet von 40 Jahren Hochkonjunktur. Ursprünglich eine kleine Sekte innerhalb der Partei, übernahmen sie diese schrittweise - heute gibt es praktisch keine gemässigten SVPler und Republikaner mehr.

Es war das Sendungsbewusstsein, das ihnen diese Übernahme gestattete: Weil der bequeme Flügel der Partei die radikale Minderheit zunächst nicht ernst nahm, bis es zu spät war. Der Schock über den Ernst des Angriffs lähmte die gemässigten Bürgerlichen - praktisch bis heute.

Schmarotzer als Parteikitt

Die radikale Minderheit definierte «konservativ» vollkommen neu: nicht als Verwaltung, sondern als Abbau von Staat. Und Politik nicht als Aushandeln von Interessen, sondern als deren kompromissloses Durchsetzen.

Mit dem Aufstieg der Neokonservativen verbunden waren fundamentale Änderungen auf dem Finanzplatz: Grosse Aktionäre - Pensionskassen - ärgerten sich über die trägen Grossfirmen. Raider griffen diese an und schlachteten sie aus. Der Computer und wegfallende Regelungen gestatteten neue Finanzinstrumente. Die jahrzehntelang träge Börse begann zu boomen.

Die Finanzplatzprofis blieben bis heute die grössten Nutzniesser der neokonservativen Politik - befeuert durch immer neue Steuererleichterungen: in den USA riesige Steuerpakete für Reiche, in der Schweiz etwa die Abschaffung der (nur für hohe Vermögen greifenden) Erbschaftssteuer.

Dahinter stand die ursprünglich vom republikanischen Präsidenten Ronald Reagan salonfähig gemachte Theorie, dass Gelder von oben nach unten sickern und mit den Reichen automatisch alle reicher werden. Und damit am Ende auch der Staat. Zwar konnte dieser Effekt nie nachgewiesen werden - was aber keinen Konservativen störte, daran weiter zu glauben.

Nur: Wie verkauft man dies seinen Wählern? Der Trick war eine Koalition zwischen Milliardären und Provinzlern: Countrymusik, Folklore, Patriotismus, die Biederkeit, der betonte Anti-Intellektualität der konservativen Elite. Entscheidender Parteikitt sind allerdings die Schmarotzer: Sozialbetrüger, Kriminelle, der Filz der gegnerischen Elite. Nicht zuletzt, weil Schmarotzer vorzugsweise (in der Schweiz) Ausländer oder (in Amerika) schwarz sind.

Konservatives Paralleluniversum

Als «ideale» Parteiarbeit gilt, laut Peter Spuhler, wenn der Folkloreflügel seine Parteiarbeit (gegen Schmarotzer) ungestört vom Wirtschaftsflügel verrichtet - und der Wirtschaftsflügel seine Vorhaben ungestört von der Folklorefraktion.

Wirklich revolutionär für die USA wie die Schweiz war aber bei Republikanern wie der SVP der Umbau von einer lockeren Partei in eine permanente Wahlkampfmaschine: Die Republikaner bauten aus dem Geld der Finanzelite und den Stimmen der Provinzler im weiten Landesinnern eine Mehrheitsmaschine; Christoph Blocher baute über geduldige Jahrzehnte eine in der Schweiz nie gesehenenen Kaderpartei auf: den landesweit überlegenen Propagandaapparat.

Nach dem Vorbild der USA richteten sich die Konservativen explizit auch in der Schweiz: In den USA bauten die Republikaner ihre Maschine in ein Paralleluniversum aus - mit wissenschaftlichen Instituten, Thinktanks und Medien. Diese lieferten Unterstützung, Studien und Munition - mit der Begründung, die Mainstream-Medien seien nicht auf der Parteilinie, also nicht objektiv. Der Vorteil des Paralleluniversums ist, dass bei Themen, die der Parteilinie widersprechen, schlicht das Gegenteil veröffentlicht werden kann: Wodurch ein Thema - etwa die Klimaerwärmung oder der Segen der Steuererleichterung für Reiche - dann offiziell als «umstritten» gilt. Also als Frage der Meinung oder des Geschmacks und nicht der Wahrheit.

In der Schweiz ist das Paralleluniversum allerdings vergleichsweise mickrig: der oft wirkungslos exzentrische Thinktank Avenir Suisse sowie die ebenso exzentrische «Weltwoche».

Am Schlingern ist das konservative Projekt heute wegen seines Erfolgs: Der Finanzmarkt wurde zu wirkungsvoll dereguliert und mit frischem Geld versorgt: Nun implodiert er. Die Reichen der USA sind so phantastisch reich geworden, dass es auffällt - und die republikanischen Lügen (etwa in Sachen Massenvernichtungswaffen) wurden derart erfolgreich als Wahrheit verkauft, die Parteibasis derart erfolgreich indoktriniert, dass nun die konservativen Intellektuellen meutern.

Die liberale Seite hat leichtes Spiel: Barack Obamas Mischung aus Pragmatismus, Coolness und Commonsense ist nach acht Jahren Bush-Propaganda derart unerhört, dass sie frisch und kühn wirkt - ansteckend für Millionen Neuwähler.

In der Schweiz hingegen war der Kopf selber erfolgreich. Ausgerechnet der misstrauische Stratege Blocher war satt und optimistisch geworden - und war bei seiner Abwahl unvorbereitet. Jetzt wird der gealterte Chef vom Wirtschaftsflügel seiner Partei angegriffen, der wiederum von den Ideologen des Folkloreflügels angegriffen wird.

Für eine Weile hat das konservative Projekt damit an Schwung verloren - aus Sattheit und weil der treibende Partner und Profiteur, die Finanzindustrie, ausfällt. «It was time for a change. »

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